Aug 2016 hastuUNI Heft Nr. 66 0

Erdrutsch-Sieg oder Erdrutsch-Niederlage

Am 18. Mai 2016 war es wieder so weit: Die Hochschulwahl rief zum politischen Aktivismus auf. Der Senat, die Fakultätsräte, der Fachschafts- und der Studierendenrat suchten nach neuen Leitlinien, Vertretern und Gesichtern. Eine neue Hochschulgruppe war auch dabei …

Da eine Auflistung der Ergebnisse online abrufbar ist, wird die Wahl an dieser Stelle aus der Sicht einer viel diskutierten und womöglich leicht prekären Perspektive beleuchtet: Gemeint ist die der angetretenen Personen von »Die Liste«.
Als Person mit journalistischer Absicht sieht man sich mit dem Ideal der Neutralität konfrontiert. Den Lesern soll eine rein objektive und sachliche Meinungsbildung ermöglicht werden. Beim Interview mit den Mitgliedern von »Die Liste« wähnt sich dieses Gebot in Gefahr. Entweder man solidarisiert sich mit den »Sackträgern« (Steven Sundermann hat keinen Platz im Stura erlangen können) oder man baut von Anfang an eine hohe Mauer aus Unverständnis und Missachtung auf. Wo soll man die fünf frech-frivolen, aber doch friedvollen Freidenker interviewen? Natürlich in einer Bar. Nach wenigen gewechselten Worten wird klar: Es besteht ein schmaler Grat zwischen Seriosität und Nihilismus, zwischen waschechter Politik und Plattitüden.

Steven beantwortet die Frage, ob es sich bei »Die Liste« um eine reine Satire-Partei handelt oder ob sich in der Polemik ernsthafte Hintergründe verstecken: »Wir sind keine Spaßpartei. Unsere Politik ist so todernst wie Krebs im dritten Stadium; alles, was wir vorschlagen, dient nur der Verbesserung der universitären Politik.« Während hitzig über die vielen bekannte Entfluchung der Löwen auf dem Uniplatz debattiert wird, interveniert Alexander mit hoffnungsbringender und ernster Miene: »Vielleicht reden wir auch ein bisschen über unser Meta-Ziel. 70 Prozent der Studenten sind Nichtwähler; der Stura scheint ihnen zu trocken zu sein. Er trifft nicht die Lebensrealität der Studenten, sodass wir es uns zum Ziel gemacht haben, durch mehr Skandale und Intrigen den Stura ein bisschen mehr in die Öffentlichkeit zu bringen, damit die Gruppe der Wähler größer wird als die Gruppe der Nichtwähler.« Dieses Anliegen ist wohl nicht sehr weit hergeholt. Auch am aktuellen Wahlgang partizipierte sich die Mehrheit der Studierendenschaft nicht – nur 17,37 Prozent beteiligten sich. Wenige Parteien erreichten mehr als 15 bis 20 Prozent der wahlberechtigten Stimmen. Eben diesem Trend möchten sich die fünf entgegenstellen. Ob die Mittel hierfür die rationalsten und erfolgversprechendsten sind, sei dahingestellt.

Was macht denn nun die Einzigartigkeit dieser zugegebenermaßen parodistisch wirkenden Gruppe aus? Maximilian erklärt: »Unsere Abgrenzungstechnik ist eine sehr einfache. Wir haben natürlich gesehen, dass unsere Konkurrenten in diesem universitären Wahlkampf sehr viel auf eine sehr unsachliche Wahlkampfstrategie gesetzt haben; dass sie vollkommen unsinnige Forderungen stellten und mit populistischen Forderungen die Wählerschaft greifen wollten und viel von ihrem Wahlkampf an Gesichtern festgemacht haben. Wir wollten durch nicht vorhandene Inhalte überzeugen. Wir wollten Inhalte liefern, mit denen sich die Menschen identifizieren können.« Auch wenn die meisten Punkte auf der Wahlkampf-Agenda, darunter »FREIBIER!!!« oder »Fick die GEZ!«, als infantil abgetan werden können, fehlt es den selbsternannten volksnahen »Kamerossen« zumindest nicht an Selbstironie.
Das Kennenlernen der Parteimitglieder verläuft wie eine Berg- und Talfahrt. Erst geht es steil empor und lässt Charaktereigenschaften vermuten, die für politisch Engagierte nur von Vorteil sein können. So Steven: »Wir betreiben eine fortschrittliche Hochschulpolitik, die Studenten nicht nur erträumen, sondern auch anfassen und wählen können. Wir sind zuverlässig und real.« Plötzlich bemerkt man, dass der Höhenflug sich dem Ende neigt. Wieder Steven: »Uns darf man natürlich überall anfassen, das kostet auch nichts.«

Vor dem Wahlausgang sind sich alle Mitglieder des Sieges sicher. Auf recht radikale Art propagiert Maximilian: »Erdrutsch-Sieg oder Erdrutsch-Niederlage. Dazwischen gibt es nichts.« Ob die beiden errungenen Plätze im Stura und die 1466 abgegebenen Stimmen nun zum erhofften Jubel motivierten oder die Erwartungen insgeheim unterlaufen haben, bleibt offen. Die GHG (Grüne Hochschulgruppe) hat mit 4101 Wählerstimmen die meisten Anhänger gewinnen können, dicht gefolgt vom RCDS (Ring christlich-demokratischer Studenten) mit 3705 gesetzten Kreuzen. Die Olli (Offene linke Liste) schaffte es 2554 und die Jusos (SPD-nahe Jungsozialisten) 1659 Stimmen zu rekrutieren. Zumindest konnte sich »Die Liste« mit 9,6 Prozent der Wahlstimmen von den 1199 Wählern der LHG (Linke Hochschulgruppe) und den 555 von »Chemie knallt und stinkt« absetzen. Auf dem letzten Rang findet sich mit einer Gesamtstimmenzahl von 85 die Partei »ohne Kennwort«. Mit jeweils über 300 gültigen Stimmen werden Kolja Rieke und Malte Hirschbach »Die Liste« im Studienrat während des nächsten Jahres vertreten.

Während des Wahlkampfes habe sich »Die Liste« bereits mit der LHG verbrüdert. Alexander konkretisiert die Wahlverwandtschaft: »Die LHG sitzt ja derzeit auch nicht im Stura, genau wie wir. Und das war wahrscheinlich ein Zusammenschlussmerkmal; dass wir gesagt haben, wir gehen gegen die etablierten Hochschulparteien geschlossen an und die LHG als unsere Spaß-Schwesterpartei…« Steven fährt dazwischen: »Wir sind keine Spaßpartei!« Resümierend hält Kolja fest: »Prinzipiell könnte man sagen, dass wir uns mit allen Hochschulgruppen fraternisieren, die sich uns als Steigbügelhalter anbieten.«
Man sitzt klugen Köpfen gegenüber, die dem Alkohol etwas zu sehr zugetan sind. Die mit Bierspritzern befleckten rot-leuchtenden Krawatten sind ein Sinnbild des Zwiespalts, der beinahe jeder gemachten Aussage obliegt. Man kann von den Mitgliedern der Liste denken, wie es einem beliebt. Die Devise »Form geht vor Inhalt« (Maximilian) kann als Verdruss der aktuellen und gestrengen Hochschulpolitik gewertet werden; oder man nimmt die skandalartigen Strategien als Anstoß für ein Umdenken der für viele Studierende zu trockenen und gewichtslosen Stura-Fasson.

Über Anne Beyer

, , , , ,

Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 16:53