Mai 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 65 0

Eine sächsische Perle

Das MDV-Gebiet ist mehr als Leipzig und Halle. Auch die meist verkannten mittelgroßen Städte lohnen einen Besuch. Diesmal ging es zum ersten Mal nach Sachsen: ins frühlingshafte Torgau.

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Foto: Julia Plagentz

Zwischen Wittenberg und Meißen an der sich sanft windenden Elbe liegt die Kreisstadt Nordsachsens. Viel weiter geht es innerhalb des MDV-Gebiets kaum, von Halle sind es 85 Kilometer oder mindestens 75 Minuten mit der Bahn, inklusive Umstieg in Eilenburg. Nur knapp 20 000 Einwohner zählt Torgau, das macht sich bereits ein wenig am sehr einfach geratenen Bahnhof bemerkbar. Alle vier Gleise können einfach quer über das Gleisbett zu Fuß passiert werden. Auf dem Bahnhofsvorplatz findet sich ein großer Stadtplan, welcher den Weg ins Zentrum weist.


Zunächst geht es aber durch ein Stück recht unberührter Natur und vorbei an einem sowjetischen Friedhof, beides gesäumt von rosafarbenen und gelben Frühlingsblüten. Ein perfekter Ausflugstag Anfang April, einer der ersten lang herbeigesehnten und kompromisslos warmen Tage in diesem Jahr. Bis zum Markt dauert es etwa zehn Minuten, unterwegs überrascht die hohe Anzahl an Eisdielen, denen man in der Wärme kaum widerstehen kann. Auf dem Marktplatz angekommen, schmilzt das Eis dann auch prompt in der Sonne. Einige Stände bieten Blumen und Haushaltsartikel auf dem sehr weitläufigen Platz an. Das auffälligste Gebäude ist das Rathaus in imposantem Renaissancestil. Es wurde bereits im 16. Jahrhundert erbaut und kann am besten bei einer kurzen Pause vom Marktbrunnen aus bewundert werden.
An der linken Seite des Gebäudes befindet sich die Touristen-Information, welche vor allem Karten für Ausflüge ins
Torgauer Umland anbietet, das zu Wasser oder per Rad gut zu erkunden sei. Der kurze Besuch der hastuzeit wird sich allerdings auf das direkte Zentrum der Stadt beschränken. Heute erstrahlt die Stadt in milder Helligkeit, die Farben beige und ocker dominieren die Häuserfassaden, hier und da dekorieren Blüten ganz natürlich und liefern belebende Farbtupfer. In der kleinen Innenstadt finden sich überraschend viele Restaurants und allein 500 Einzeldenkmäler, welche von der über tausendjährigen Stadtgeschichte Torgaus zeugen.

Sächsischer Prunk

Zu den Höhepunkten der Stadtgeschichte gehören hier die Zeit als wichtige kursächsische Hauptstadt sowie das Zusammentreffen amerikanischer und sowjetischer Truppen am 25. April 1945, noch vor dem offiziellen Waffenstillstand. Das Foto der sich die Hände reichenden Soldaten hat es in die Geschichtsbücher geschafft und ist heute weltbekannt. Jährlich wird dieser »Elbe-Day« Ende April mit einem großen Stadtfest gefeiert. Zudem hat Luther hier die erste evangelische Kirche geweiht. Da seine Frau Katharina von Bora immer im Schatten ihres weltbekannten Mannes stand und in Torgau verstarb, gibt es in der Stadt ihre einzige Gedenkstätte.
Die nach ihr benannte Katharinenstraße hinter dem Markt führt zur bemerkenswertesten Sehenswürdigkeit der Stadt: Schloss Hartenfels galt lange Zeit als das modernste Wohnschloss Sachsens und ist ein märchenhaftes Beispiel der Renaissance-Architektur. Hier residierte der sächsische Hof und feierte rauschende Feste mit bis zu 30 000 Gästen. Heute beherbergt das Schloss das Landratsamt und ein Museum. Von der Stadtseite präsentiert sich das Schloss sehr dezent und gibt erst mehr von seinem architektonischen Reichtum preis, nachdem die Brücke über dem Burggraben überquert wurde. Dort unten wohnt ein entspanntes Braunbärenpaar, welches sich gemütlich die warme Sonne auf den Pelz scheinen lässt und mit den Tatzen Kuhlen in den Sandboden schaufelt. Das Halten von Bären im sogenannten »Bärengraben« hat lange Tradition, auch wenn die Tiere wie im Zoo exponiert werden. Im Schlossinnenhof angekommen, sticht gleich der »Wendelstein« ins Auge, eine kunstvoll gestaltete steinerne Wendeltreppe, welche sich ganz ohne Stützpfeiler selbst trägt. Von ganz oben ergibt sich ein schöner Blick auf den Schlossbrunnen inmitten des Hofs und die Schlosskirche, welche 1544 noch von Luther selbst geweiht wurde. Wieder hinaus über den Bärengraben erreicht man rasch die Elbe, welche eingebettet in eine grüne Aue das Schloss seitlich umrahmt. Die Mittagssonne brennt schon stark, und das stimmungsvolle Panorama dient als abschließender mentaler Schnappschuss für diesen Tag, welcher sich dank dieses Städtchens wie ein Kurzurlaub anfühlte.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 28.05. 2016 | Bearbeitet: 28.05. 2016 04:34