Jan 2016 hastuUNI Heft Nr. 63 0

Eine Katastrophe mit großen Chancen

Nach fünf Jahren ist der neue Campus am Steintor fertig. Am 17. Oktober präsentierten sich die Institute am Tag der offenen Tür. Doch vor allem die Studierenden sind nicht vollauf zufrieden.

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Foto: Katja Elena Karras

Bei leichtem Nieselregen tummelt sich eine überschaubare Menge an Besuchern mit sehr wenigen Studierenden darunter auf der großflächigen Anlage. Im Zentrum steht eine Bühne, auf der es Live-Musik, Schauspiel und Poetry Slam zu sehen und zu hören gibt. In unmittelbarer Nähe informieren die Hochschulgruppen, das International Office und das Universitätssportzentrum an Ständen über ihre Programme. Sammelpunkte sind aber vor allem der vorweihnachtliche Glühwein- und der Bratwurststand sowie die neu eröffnete Cafeteria. »Schick« sähe sie ja aus, sagt eine Studentin im Vorbeigehen. Eine Kommilitonin wiederum findet sie zu »nackig« und »aufpoliert«. Ein Blick ins Innere verrät: Hier gibt es belegte Brötchen, süße Backwaren, Kaffee und kalte Getränke. Ein Student möchte mit seinem Studierendenausweis bezahlen, hat aber nicht mehr genügend Guthaben. »Ein Kartenaufladegerät haben wir hier leider nicht«, sagt eine Mitarbeiterin. Im großen Aufenthaltsraum herrscht reges Treiben. Die Cafeteria scheint Fluchtort vor dem Niederschlag zu sein.

Das GSZ bringt 16 Geistes- und Sozialwissenschaften zusammen. Die neue Bibliothek befindet sich ebenfalls direkt auf dem Gelände und beeindruckt durch ihre moderne und übersichtliche Ausstattung. Als ambitioniertes Bauprojekt gestartet – die Europäische Union und das Land Sachsen-Anhalt ließen sich den neuen Campus 52 Millionen Euro kosten –, konnte man gespannt sein, was die neuen Gebäude nun alles zu bieten haben. 3000 Studierende und 350 Mitarbeiter sollen am neuen Campus Platz finden.

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Foto: Katja Elena Karras

Neben neuen Büroräumen für die verschiedenen Institute stehen den Dozierenden und Studierenden vier neue Hörsäle und 20 Seminarräume zu Verfügung; weitere sollen noch folgen. In diesen Räumlichkeiten finden heute ganz unterschiedliche Veranstaltungen statt – die einzelnen Studiengänge stellen sich hier vor. In der Psychologie kann man »sein Gedächtnis testen lassen« oder in der Orientalischen Archäologie »Dudu«, der vor etwa 4000 Jahren lebte, kennenlernen.

Kontroverse am Campus

Die Meinungen zu den neuen Einrichtungen am Steintor gehen weit auseinander, an Kritik wird nicht gespart. »Eine Katastrophe«, »viel zu klein«, »eine Meisterleistung von schlecht benutzbar«, meint Professor Blankenberger vom Institut für Psychologie. Er lehrt am neuen Campus und vertritt damit einen klaren Standpunkt. Er bemängelt außerdem, dass Forschungsräume und Parkplätze fehlen. Mit der Meinung, dass eine gute Idee schlecht umgesetzt wurde, steht er nicht alleine da. Ein Kernthema der Kritik ist auch die Architektur: Der langgestreckte Neubau an der Emil-Abderhalden-Straße wirkt auf viele »wie ein Gefängnis«, die Orientierung falle vielen schwer, und es gebe zu wenige Sitzmöglichkeiten zum Lernen oder Entspannen. Jedoch wirkt das Gebäude auf viele auch sehr zeitgemäß und modern, und vor allem von Studierenden werden die bessere Erreichbarkeit und die Nähe zur Bibliothek geschätzt.

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Foto: Katja Elena Karras

Im besonderen Blickpunkt steht vor allem die neue Bibliothek des Campus. Viele Besucher wollen dort an einer Führung teilnehmen. Eine ältere Dame fragt, wo es denn hier die Belletristik zu finden gäbe. Die würfelartig gestaltete Bibliothek umfasst einen Bestand von 760 000 Büchern aus 17 Zweigbibliotheken. Dabei wurden allerdings auch zahlreiche Bücher ausgesondert, sodass der Gesamtbestand nun kleiner als zuvor ist.
Eine Angestellte erzählt, dass die Bibliothek und der neue Campus eine »große Chance für die Universität« seien. Sie sieht vor allem für Studierende den großen Vorteil, nun »nicht länger von einem Ort zum anderen« pilgern zu müssen. Besorgte Studierende sehen mit der neuen Bibliothek aber auch Probleme auf sich zukommen.
Mit neuen Öffnungszeiten bis 24 Uhr und Selbstbuchungsterminals bietet die neue Bibliothek 155 Studierenden Platz. »Wenn es in die heiße Prüfungsphase geht, kommt es bestimmt zu Platzproblemen«, meint ein Student.
Dabei stehen solche Aussagen ganz im Zeichen des Protests. Bereits zwei Tage zuvor war der Vorplatz der Bibliothek Ausgangspunkt für eine Demonstration gegen weitere Kürzungen in der Bildung. Mit Plakaten äußerten Studierende am Mittwoch ihren Unmut darüber, dass zu wenig Geld in die Bildung fließe. Banner und Plakate wie »Neues Gebäude. Weniger Personal.« oder »Keine Bildung. Keine Wahlparty.« zeigen, dass der Bau des neuen Campus nicht nur positiv aufgenommen wird.

Zwischen Chance und Wehmut

Bemerkenswert ist an diesem Tag, dass viele Kritikpunkte ausschließlich von Personen genannt werden, die selbst regelmäßig ihren Tag auf dem neuen Gelände verbringen werden, seien das Studierende oder ProfessorInnen. Dagegen hatten Gäste, für welche sich durch den neuen Campus nicht viel verändern wird, insgesamt eine eher positive Meinung zur Eröffnung. »Ich finde es gut, dass die Geisteswissenschaften nun endlich zentral gebündelt sind, nachdem sie so lange über die Stadt verteilt waren«, sagt Susanne Hübner vom Gründerservice. Auch ein ehemaliger Student sagt, er wolle wissen, was er nun verpasse und der »modernste Campus Sachsen-Anhalts« zu bieten habe.

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Foto: Katja Elena Karras

Es mag vielleicht an dieser zwiespältigen Stimmung gelegen haben, dass so wenige Menschen und vor allem neue und alte Studierende den Campus entdecken wollten; vielleicht lag es aber auch einfach nur am Nieselregen. Eine Angestellte der Bibliothek mahnt, dem neuen Campus »doch erst einmal eine Chance zu geben«. Das Areal würde noch »wachsen«, und alles Weitere würde die Zeit bringen. Dahingegen würde ein Student am liebsten sofort sein »altes Institut zurückhaben« wollen.

 

Text: Anne Beyer, Alexander Kullick, Vera Sonkina, Joshua Stepputat

Über Alexander Kullick

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Erstellt: 12.01. 2016 | Bearbeitet: 04.05. 2016 22:47