Feb 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 64 0

Ein kleiner Anfang

Wo kann man hingehen, um Flüchtlingen zu helfen? Sören Am Ende gründete die Koordinierungsstelle »Engagiert für Flüchtlinge«. Im Beratungsladen vermittelt er Kontakte zwischen Freiwilligen, Flüchtlingen und Ansprechpartnern.

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Foto: Marcus Andreas Mohr

Wie ist dieses Projekt entstanden?
Ich habe anfangs beim evangelischen Kirchenkreis Halle-Saalkreis gearbeitet, in der diakonischen Begegnungsstätte in Halle-Neustadt. Das war befristet, und als es dem Ende entgegen kam, habe ich mich mit dem Superintendenten getroffen und gefragt, ob das auch weiter gehen kann. Er sagte, hier nicht, aber wir würden gerne etwas für Flüchtlinge schaffen. Da habe ich ihm verfasst, was ich mir so vorstellen könnte, und wurde für die Stelle ausgewählt.
Das Besondere ist, dass es eine Kooperation von drei Partnern ist, vom evangelischen Kirchenkreis, der meine Stelle finanziert, von der Freiwilligen-Agentur und der Stadt Halle. Zum Gründungszeitpunkt, am 1. Mai 2015, war das eine einmalige Kooperation in Deutschland. Die Aufgaben der Koordinierungsstelle sind einmal, Freiwillige zu finden für die Flüchtlingshilfe, aber auch Initiativen, Vereine, Kirchengemeinden zu beraten und zu unterstützen und auch Flüchtlinge für Ehrenämter zu finden. Hin und wieder kommt es vor, dass wir Flüchtlinge hier im Büro haben, die sich einbringen wollen, und das ist natürlich am Anfang schwierig, wenn sie die Sprache noch nicht können.

Wie können Flüchtlinge anderen Flüchtlingen helfen?
Hauptsächlich durch Übersetzungstätigkeiten, da vermitteln wir auch zum Übersetzerpool der Stadt Halle und zur »Halleschen Interkulturellen Initiative«, die bieten ehrenamtlich Übersetzungstätigkeiten an. Wenn Flüchtlinge kommen, die Sprachen gut können, dann werden sie meist dort benötigt. Wenn Veranstaltungen für Flüchtlinge organisiert werden, dann brauchen sie auch oft jemanden, der einen Flyer übersetzt. Sie helfen auch bei der Begleitung zu Ärzten oder zu Behörden.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Stadt und der Kirche ab?
Wir haben unsere Gebiete klar abgegrenzt. Wenn bei der Stadt jemand anfragt, der sich ehrenamtlich engagieren möchte, dann verweisen sie ihn zu uns. Bei der Kirche ist das ähnlich. Ich unterstütze die Kirchen, erst mal eigene Projekte zu machen. Eine Gruppe von Menschen kann einfach etwas anderes bewirken als einzelne Personen. Es gibt trotzdem wieder Einzelne, die sagen: »Nee, meine Kirche macht nichts, und ich möchte trotzdem was machen.« Die kommen auch zu uns. Wir sind auch auf die Zusammenarbeit mit den Gemeinschaftsunterkünften, mit den Sozialarbeitern und auch mit Vereinen angewiesen, die etwas für Flüchtlinge machen wollen. Es gibt zum Beispiel verschiedene Vereine, die Angebote machen und dafür Freiwillige suchen. Sie melden sich bei uns, wir erstellen Profile und fassen das zusammen, damit ein Freiwilliger, der jetzt kommt und sich informieren möchte, das ganz kompakt hat. Er weiß dann, wie viele Stunden pro Woche, wo das genau ist, wer der Ansprechpartner ist und wie die Tätigkeit möglichst genau aussieht, und das kann eben ganz verschieden sein: Flüchtlinge im Alltag begleiten, Ämter zeigen, Anmeldung beim Kindergarten oder in der Schule, bei so etwas können Freiwillige sehr gut helfen.

Was ist dir bei deiner Arbeit besonders in Erinnerung geblieben?
Wir hatten unseren Freiwilligentag im September, da haben wir die Flächen vor einer Flüchtlingsunterkunft begrünt, zusammen mit der Nachbarschaft und den Anwohnern. Viele hatten den Gedanken: »Machen die Flüchtlinge überhaupt mit?« Manche haben gesagt: »In den Kulturen machen die Gartenarbeit die Frauen, da wird kein Mann sich die Hände schmutzig machen.« Letztendlich war es so: Zwischen 30 und 40 Männer, Frauen und Kinder und viele Deutsche haben zusammen die Grünflächen in Halle-Neustadt erneuert. Das hat richtig Spaß gemacht.

Gab es denn negative Momente?
Ich habe von keinen Schwierigkeiten gehört. Im Gegenteil, das waren eigentlich eher Aha-Momente. Es waren alle eher positiv überrascht.

Wer war positiv überrascht?
Die Freiwilligen, die sich bei uns melden und sich einbringen wollen. Das sind meistens Menschen, die dem Thema gegenüber sowieso offen sind. Natürlich haben manche Bedenken und irgendwo vielleicht auch Angst am Anfang, aber das legt sich recht schnell, weil das oft ganz nette Menschen sind, die Hilfe brauchen.

Du erzählst sehr viel von der Arbeit der Freiwilligen-Agentur und weniger von der Stadt und der Kirche.
Das bringt eben die Kooperation mit sich, dass die Freiwilligen-Agentur einfach bei dem Thema Ehrenamtsvermittlung und Freiwillige vermitteln und das eben schon jahrelang macht. Von der Freiwilligen-Agentur nutzen wir die Strukturen und die Organisation. Das haben die Kirche und die Stadt in dem Sinne nicht. Von daher ist es eben so, dass wir uns da ergänzen.

Wie ergänzen sie sich?
Die evangelische Kirche finanziert meine halbe Stelle. Es gibt einige Kirchen, die wirklich fast schon seit Mitte des letzten Jahres Angebote für Flüchtlinge haben. Es gibt eine Nachbarschaftsinitiative, da sind verschiedene Vereine und auch eine Kirche dabei, die machen einmal die Woche einen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen, wo Flüchtlinge und Freiwillige hingehen können, um Kontakte zu knüpfen, da entstehen auch Patenschaften. Es gibt zum Beispiel eine methodistische Kirche, die dieses Repair-Café anbietet, wo Flüchtlinge hingehen und Sachen reparieren lassen können oder selbst reparieren. Es gibt die Paulusgemeinde, die regelmäßig Feste veranstaltet.

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Foto: Marcus Andreas Mohr

Wie sieht so eine Patenschaft aus?
Jede Patenschaft ist anders, das richtet sich immer nach den Bedürfnissen der Flüchtlinge. Ein Deutscher knüpft Kontakt zu einem Flüchtling und unterstützt ihn bei alltäglichen Dingen: Zum Arzt gehen, bei der Wohnungssuche und beim Umzug helfen oder beim Deutsch lernen, da sie einfach noch Nachhilfe im Unterricht brauchen – oder auch individuelle Deutschförderung bei Flüchtlingen, die nicht an Integrationskursen teilnehmen dürfen. Eben ganz praktische Dinge.

Was macht denn die Stadt Halle?
Ich bin im engen Kontakt mit Frau Schneutzer, der Intergrationsbeauftragten für Migration und Integration. Frau Schneutzer hat mir die Kontakte zu Flüchtlingsheimen hergestellt. Manche Freiwillige oder Menschen, die sich engagieren wollen, haben damit ihre Schwierigkeiten, nach dem Motto: Warum können wir nicht einfach in die Unterkünfte gehen und helfen? Das sind wirklich Privaträume, Privatwohnungen. Teilweise haben die Unterkünfte keine Gruppenräume, und man kann nicht gleich bei den Flüchtlingen in die privaten Räume gehen. Es ist einfach so, dass die Flüchtlinge am Anfang noch Schutz brauchen und erst mal hier ankommen müssen.

Was sollte in diesem Jahr noch getan werden?
Ich freue mich immer, wenn sich Gruppen zusammenfinden und eigene Projekte beginnen. Gern können wir uns dazu auch absprechen. Ich würde mir wünschen, dass ein kunterbuntes Angebot für Flüchtlinge entsteht.
Jungen Menschen, die zum Beispiel Englisch sprechen, fällt es viel leichter, einfach mal jemanden anzusprechen und dann Kontakte zu knüpfen. Wir können auch vermitteln und Hilfe anbieten. Noch ein Problem ist oft, dass viele einfach Angst haben Flüchtlinge anzusprechen. Aber am besten kann man helfen, wenn man die Flüchtlinge selber anspricht und fragt, was sie brauchen. Ich finde, es fehlt noch an Multiplikatoren. Also Menschen, die einige Flüchtlinge kennen und die uns mitteilen, wer Hilfe braucht. Das wäre eine gute Sache.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Momentan unterstützt sie die hastuzeit als Freiwillige Mitarbeiterin.

Erstellt: 03.02. 2016 | Bearbeitet: 03.02. 2016 22:39