Aug 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 66 0

Ein Himmel auf Erden

Das MDV-Gebiet ist mehr als Leipzig und Halle. Auch die meist verkannten mittelgroßen Städte lohnen einen Besuch. Diesmal ging es südöstlich von Halle in das kleine Städtchen Nebra.

Nebra. Wenn man als Hallenser den Namen dieser Kleinstadt im Westen des Burgenlandkreises hört, denkt man sofort an die berühmte Himmelsscheibe, die am 4. Juli 1999 von zwei Raubgräbern in einer Steinkammer auf dem nahe gelegenen Winterberg gefunden wurde. Sie gilt als die früheste bekannte Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte und als einer der wichtigsten archäologischen Funde aus der Bronzezeit. Die Himmelsscheibe wird seit 2009 im Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in der Saalestadt ausgestellt. Außerdem gehört sie seit Juni 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe in Deutschland. Diese Darstellung des Himmels wurde um 1600 v. Chr. vergraben, Schätzungen bezüglich der Herstellung reichen bis zu weiteren 500 Jahren zurück.

Erste Darstellung des Kosmos
Die Himmelsscheibe von Nebra ist eine kreisförmige Bronzeplatte mit Applikationen aus Gold und stellt in erster Linie astro­nomische Phänomene und Gesetze dar. Anfänglich bestanden die Goldapplikationen aus 32 runden Plättchen, einer größeren runden sowie einer sichelförmigen Platte, welche zunehmenden Mond, Vollmond oder Sonne, sowie die Sterne darstellen sollten. Sieben der kleinen Plättchen sind etwas oberhalb zwischen der runden Platte und des dargestellten zunehmenden Mondes eng gruppiert und stellen den Sternhaufen der Plejaden dar. Später wurden am linken und rechten Rand die Horizontbögen angebracht, die in exaktem Winkel den Verlauf der Sommer- und Wintersonnenwende darstellen. Die zweite Ergänzung ist ein weiterer Bogen am unteren Rand, wiederum aus Gold. Diese so genannte Sonnenbarke ist durch zwei annähernd parallele Linien strukturiert, an ihren Außenkanten wurden feine Schraffuren in die Bronzeplatte gekerbt. Diese Sonnenbarke hat vermutlich einen religiösen Hintergrund. Demnach werden alle Himmelskörper, so glaubten viele Menschen in der Frühzeit, auch im Alten Rom und in Babylon, in Schiffen über den Horizont gefahren.
Grundsätzlich stellt die Himmelsscheibe durch die Darstellung und Anordnung der einzelnen Elemente eine Hilfe zur Erinnerung für die Bestimmung des bäuerlichen Jahres von der Vorbereitung des Ackers bis zum Abschluss der Ernte dar. Durch die beiden Goldbögen am Rand der Himmelsscheibe ist es darüber hinaus möglich, die Scheibe als Kalender zur Verfolgung des Sonnenjahres zu nutzen und zwar genau für die mitteldeutschen Gebiete.

Nebra – Stadt der Himmelsscheibe
An diesem Freitagvormittag im Mai empfängt mich das kleine Örtchen direkt mit strahlendem Sonnenschein, als ich an dem zweigleisigen Bahnhof ankomme. Von Halle ist man bis nach Nebra etwa eine Stunde und 45 Minuten unterwegs, mit der Regionalbahn geht es entlang der Saale und der Unstrut in den Burgenlandkreis. Mit Umstieg in Naumburg und zwanzigminütigem Aufenthalt ist das Ziel aber relativ schnell erreicht, da es auch aus dem Zug heraus viel Natur zu bewundern gibt.
Vom etwas außerhalb liegenden Bahnhof geht es zu Fuß entlang der Hauptstraße über eine kleine Unstrutbrücke, von der man einen fantastischen Blick auf das Unstruttal, den Mittelberg sowie die Ausläufer des Harzes und des Thüringer Waldes genießen kann, zunächst Richtung Stadtzentrum. Mit Hilfe der Stadtpläne, kleinen Straßenschildern und kurzen Nachfragen bei den freundlichen Einwohnern gelangt schließlich nach etwa 15-minütigem Weg das kleine, aber feine Stadtzentrum, der Marktplatz, ins Blickfeld. Dieser wird umrahmt von kleinen Wohnhäusern, der hübschen Kirche, dem daran anschließenden Rathaus, in dem auch die Touristenzentrale zu finden ist, sowie von einem nett anmutenden Restaurant mit einem kleinen Außenbereich und erweckt durchaus den Eindruck einer typischen mitteldeutschen Kleinstadt. Während einer kurzen Kaffee- und Frühstückspause beim kleinen Bäcker neben dem Marktplatz kann man sich gut mit Hilfe der Touristik-Informationen einen ersten Überblick über das Gebiet und das an diesem Morgen noch etwas verschlafene kleine Örtchen verschaffen.
In der nur circa 3300 Einwohner zählenden Kleinstadt gibt es aber noch weitere Dinge zu bestaunen und zu entdecken. Bereits im Jahr 876 erstmals urkundlich erwähnt und somit eine der ältesten Gemeinden im mitteldeutschen Raum, entwickelte sich Nebra vom sorbischen Fischerdorf zu einem um 800 von fränkischen Grundherren in Besitz genommenen Ort, dem bereits im 12. Jahrhundert das Stadtrecht verliehen wurde.
Nebra verzaubert seine Besucher mit der unverwechselbaren malerischen Landschaft des Unstruttals. Ausgedehnte Wälder wie der Ziegelrodaer Forst mit seinen naturbelassenen Waldwegen lassen jedes Wandererherz höher schlagen. Nebra gilt als Eingangstor zum hier ansässigen, ca. 100 000 Hektar großen Geo-Naturpark Saale-Unstrut-Trias. Gesteine aus dem Zeitalter der Trias treten besonders an den Steilhängen der Täler zu Tage und legen den Blick zu den einzelnen Gesteinsschichten frei.
Somit lohnt sich auch ein Besuch der Triasausstellung in der Kirche von Nebra, in der typische Gesteine und faszinierende Fossilien aus der Trias ausgestellt sind. Die Trias war ein Zeitalter der Erdgeschichte (vor etwa 250 bis 205 Millionen Jahren). Damals war das heutige Deutschland vom so genannten Germanischen Becken durchzogen, einem flachen Binnenmeer, welches regelmäßig in kleinen geologischen Zeitabständen überflutet wurde und austrocknete. Dementsprechend war die Flora und Fauna im deutschen Raum eher den marinen Bedingungen angepasst, was sich auch heute noch an zahlreichen Fossilfunden aus jener Zeit belegen lässt. Für Enthusiasten der Literatur ist das Heimathaus der weltweit bekannten Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler, deren bekanntestes Werk »Die ungleichen Schwestern« aus dem Jahr 1931 ist, in der Breiten Straße ein Muss. Hier findet sich unter anderem eine beachtliche Sammlung ihrer über 200 erschienen Romane und Novellen.

Arche Nebra und Mittelberg
Zurück geht es dann durch Nebra hindurch zum Bahnhof und von da weiter zur Arche Nebra. Nach einem 45-minütigen Fußmarsch entlang der Unstrut – es fährt im Stundentakt auch die Burgenlandbahn, die im MDV-Ticket mit inbegriffen ist – gelangt man ins erst 2009 eingemeindete Nachbarörtchen Wangen, welches am Fuße des Mittelbergs, der Fundstätte der Himmelsscheibe, gelegen ist. Am Ortsende befindet sich dann inmitten von grünen, saftigen Wiesen das imposante und futuristisch anmutende Gebäude der Arche Nebra, dessen Besuch absolute Pflicht bei einem Aufenthalt in Nebra ist.
Für den ermäßigten Eintrittspreis von durchaus angemessenen 5,50 Euro kann man sich nicht nur ausführlich mit Hilfe eines 30-minütigen Kurzfilms und des anschließenden Besuchs der Ausstellung über die Himmelsscheibe informieren, sondern auch einen atemberaubenden Ausblick aus dem Gebäude über wunderschöne Landschaften, kleine, hübsche Orte und natürlich das beeindruckende Unstruttal genießen.
Nach einem abschließenden Besuch des nahe gelegenen Aussichtsturms auf dem Mittelberg, der um 10 Grad geneigt und mit einem senkrechten Schnitt zweigeteilt ist und somit zur Sommersonnenwende als Zeiger einer überdimensionalen Sonnenuhr die Sichtachse zum Brocken markiert, neigt sich der Ausflug in die Bronzezeit schon dem Ende zu. Bei einem letzten Kaffee im Waldschlösschen sehe ich zu, wie die Sonne langsam gen Westen wandert, überlege, wie die Menschen der Bronzezeit dies wohl mit Hilfe der Himmelsscheibe zu dieser Jahreszeit interpretiert hätten, und lasse mir das Erlebte und Gesehene durch den Kopf gehen. Dann überlege ich erneut, wie es hier wohl vor knapp 4000 Jahren und im Mittelalter ausgesehen und angefühlt hat, und komme schließlich zu dem Schluss, dass es in unserer schnelllebigen Zeit glücklicherweise nah gelegene Orte gibt, an denen die Uhren noch anders ticken.

Über Jan Lukas Wenzel

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Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 17:32