Okt 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 66 0

Die Dinge, die wir hassen

Es sind diese Tage, in denen Melancholie ein unaufhaltsamer Begleiter ist. Ein Einblick in den unverhofft deprimierenden Alltag eines Studierenden, der ab und an in schwarzen Farben malt.

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Illustration: Katja Elena Karras

Acht Uhr. Der unausstehliche Ton des Weckers reißt einen aus dem Traum, an den man sich schon nicht mehr erinnert. Doch egal welcher Albtraum einen gefangen hielt, er war immer noch erträglicher als das traurige Abwerfen der warmen Decke. Kurz aufs Handy geschaut und sich dabei ertappt, gar nicht wirklich zu wissen, was man eigentlich erfahren wollte. Irgendwas mit Terrorismus und tobenden Kriegsschauplätzen. Kurz Trübsal geblasen und gedanklich schon wieder bei der Morgenroutine. Die Songs im Radio dutzende Male gehört. Die Milch ist leer – dabei war man doch gestern erst einkaufen und hat viel zu viel Geld für die falschen Dinge ausgegeben. Das heiße Wasser aus der Duschbrause lässt einen kurzen Augenblick der Entspannung erhoffen. Doch man muss sich beeilen. Am Abend zuvor wollte man doch früher ins Bett gehen und eine halbe Stunde eher aufstehen. Am Morgen herrschen andere Prioritäten. Es ist, als würde man einem besseren Ich nachjagen; einem Ideal, welches man nicht erreicht und in vielen kleinen Handlungen hintergeht.
Ein Blick in den Spiegel, der einem nicht nur von der ungeschminkten Wahrheit erzählt; es ist einer der wenigen Momente, in denen man sich selbst, von Angesicht zu Angesicht, begegnet. Als würden die eigenen Augen einen zwingen, sich der Realität zu stellen. Aber zu kurz, um sich wahrhaftig damit zu beschäftigen. Man muss los, ist viel zu spät dran. Keine Zeit, um noch etwas zu essen, dann kauft man sich später für drei Euro eben etwas beim Bäcker. Kaum draußen, blendet die Sonne. Hat man sich doch gestern erst über die Kälte beschwert. Ein Griff in den Briefkasten – die zehn Prospekte werden unbeachtet und mit einem Augenrollen in die Tonne geworfen. Die freundliche und gut gelaunte Nachbarin kommt gerade vom Brötchenholen und beginnt ein zwanghaftes Gespräch. Ein gequältes Lächeln und der Hinweis, man müsse schnell los, befreit von der tückischen Konvention.
Sechs Minuten, bis die Bahn kommt, die man erwischen muss, um noch halbwegs pünktlich in der Vorlesung zu erscheinen. Knapp verpasst, überlegt man nun, 15 Minuten auf die nächste Bahn zu warten oder zu Fuß zu gehen, um mit Biegen und Brechen beim Prof kein falsches Bild zu hinterlassen. Ein verachtender Blick des Dozenten – Faulheit und Frechheit siegen doch bekanntlich. Nach zehnmaligem auf die Uhr sehen, folgt die Verabschiedung des Professors und ein hochtrabendes »Haben Sie ein schönes Wochenende und erholen Sie sich gut.« Der Inhalt der viel zu langweiligen eineinhalb Stunden versinkt wie in einer Sanduhr; nächste Woche ist nicht mehr viel davon da. Man ist froh, nun endlich kurz zur Ruhe zu kommen. Wenn da nicht die immerwährenden Gespräche einiger Kommilitonen wären, die einen doch so gar nicht interessieren.
Der Uni-Alltag ist fürs erste überstanden. Es folgt der Weg zum Nebenjob, auf den man angewiesen ist. Meist in eine Rolle geschlüpft, lächelt man und sehnsüchtet nach einer schnell verrinnenden Zeit. Die Zeit, die man am Morgen noch vermisst hat und nun nicht zu schätzen weiß. Die Füße tun weh, man hat Hunger. Mama ruft an und möchte wissen, wie es in der Uni war. Hat man doch eben erst etwas abschalten und vergessen wollen. Zuhause angekommen, fühlt man endlich etwas Erleichterung. Bis man den Haushalt sieht, der sich nicht von alleine macht. Abwaschen, Saugen, Wischen. All das, was man in wenigen Tagen eh wieder machen muss.
20 Uhr. Man hatte sich vorgenommen, heute endlich mal wieder etwas Sport zu machen; Joggen gehen, um den Kopf frei zu bekommen. Doch es regnet und es muss noch ein 30 Seiten langer Text gelesen werden, den man seit einer Woche vor sich herschiebt. Das wird gleich gemacht, doch muss man erst einmal etwas runterkommen. Zwei Stunden später auf die Uhr geguckt – wie soll man das jetzt noch alles schaffen? Der Text wird angesehen, kaum gelesen, geschweige denn verinnerlicht.
Morgen mache ich alles anders. Ich gehe früher ins Bett und stehe voller Tatendrang auf. Ich mache all das, was ich immer wieder auf ein Später vertage. Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen, ich genieße den Tag. Und plötzlich ist es neun Uhr am Morgen. Man hat verschlafen. Und das Rad dreht sich weiter. Und es ist immer noch keine Milch im Kühlschrank. Und der Blick in den Spiegel fällt noch kürzer aus als der gestrige.

Morgen mache ich alles anders.

Über Anne Beyer

Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 12.10. 2016 15:47