Okt 2016 hastuUNI Heft Nr. 67 0

Die Bewegung »Kontrakultur« in Halle

Die Identitäre Bewegung ist seit 2012 in Deutschland aktiv und hat ihren Ursprung in Frankreich. Sie nutzt Medien wie Facebook gezielt für ihre Zwecke. Zwei Mitglieder des Studierendenrates klären über diese Bewegung auf.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Neben Frankreich ist diese Gruppierung vor allem in Österreich vertreten. »Wien ist eines der Zentren der Identitären Bewegung, Halle mittlerweile auch. Ideologisch sind sie im völkischen Bereich anzusiedeln«, erläutert ein Mitglied des Studierendenrates der Martin-Luther-Universität. Die Identitäre Bewegung in Halle nennt sich »Kontrakultur« und hat eine öffentlich zugängliche Facebook-Seite. Dort kann man nachlesen: »Kontrakultur ist ein identitäres Projekt aus Halle an der Saale und Teil der am schnellsten wachsenden patriotischen Jugendbewegung Europas.«

Zum näheren Verständnis von Kontrakultur erklären die beiden Mitglieder des Studierendenrates den »großen Austausch« näher. Die Bewegung ist der Meinung, dass alle Ethnien voneinander getrennt sein sollen, und gibt vor, die Vielfalt der Kulturen zu unterstützen. Beispielsweise seien Syrer auch gute Menschen, nur müssten sie in Syrien bleiben. Im Klartext heißt das, dass der Syrer eine syrische Kultur in sich trägt, gegen die er nichts tun kann. Ein Sturamitglied klärt auf: »Das ist exakt dieselbe Form von ›Ich trage die syrische Rasse in mir.‹ Der Begriff ›Kultur‹ hat den Begriff ›Rasse‹ ersetzt, und so ist die Ideologie nicht wirklich von der NPD oder sonstigen Gruppen zu unterscheiden … Die denken, sie befinden sich im Kriegszustand. Manche machen Kampfsporttraining und posten das. Ich würde die in Halle fast wie eine Kameradschaft einschätzen. Es fällt auch auf, dass da sehr viele alte Kader dabei sind, die auch bei der Jugendorganisation der NPD dabei waren und Vorstrafen haben.« Der Wortführer der Identitären Bewegung in Halle hat vor einigen Jahren einer Antifaschistin mit einer Hantelmutter, die in einem Strumpf war, auf ihren Kopf geschlagen und dafür ein paar Jahre Bewährung wegen Körperverletzung erhalten.

Die Bewegung Kontrakultur hat Beziehungen zu Identitären aus anderen Ländern. Am 11. Juni fand eine Demonstration in Wien von Identitären gegen den »großen Austausch« statt, und auf Facebook hat Kontrakultur für die Teilnahme dort geworben. Ein Sturamitglied hat von der Teilnahme der Kontrakultur dort erfahren und berichtete, dass dort auch identitärer Rap gespielt wurde. Dieser Rap wird in Halle von der Gruppe »Komplott« produziert. Sogar der Wortführer der Identitären Bewegung aus Wien war in Halle zu Besuch. Hier in Halle wird die Präsenz von Kontrakultur immer deutlicher. Auf einer Erstsemesterparty des Studierendenrates zeigten sich Identitäre öffentlich, weswegen auf einer nachfolgenden Sitzung eine Ausschlussklausel des Sturas eingeführt wurde, damit auf keiner weiteren Veranstaltung Menschen mit rechter Gesinnung zu finden sind. Damals gab es aber auch eine Gegenstimme, denn ein Sturamitglied meinte, dass die Gruppierung ja nicht verboten sei, oder man versuchte, die rechte Gewalt mit der linken Gewalt aufzuwiegen.

"Aufrechter und wehrhafter Lebensstil" - Facebook Eintrag der "Kontrakultur Halle"

„Aufrechter und wehrhafter Lebensstil» – Facebook Eintrag der „Kontrakultur Halle»

Auch auf dem Steintorcampus, dem Marktplatz und dem Universitätsplatz ist ihre Präsenz zu spüren. Eine betroffene Person erzählt: »Ich bin schon mehrfach verbal angegriffen worden. Den einen sehe ich häufiger im Unialltag. Er beleidigt mich nicht direkt, aber er versucht psychischen Druck auszuüben, in dem er mir auf dem Uniplatz hinterherläuft, dabei irgendwelche Sachen flüstert, die ich nicht verstehe, weil es zu leise ist. Teilweise läuft er mir auch hinterher und sagt einfach meinen Namen oder singt meinen Namen. Sein Freund, der mir auch schon mehrfach über den Uniplatz gefolgt ist, versucht mich mit irgendwelchen Fragen zu provozieren. Neulich bin ich an ihm vorbeigelaufen, da hat er mir hinterher gerufen: ›Na, du Zecke, bist du auch so ein gewaltbereiter Antifa?‹« Auch andere Mitglieder, die sich gegen Rechts engagieren, haben ähnliche Erfahrungen gemacht.

Die Strategie von Kontrakultur hat sich in letzter Zeit verändert. Anfangs haben sie sich kaum in der Öffentlichkeit gezeigt. »Sie sind auch mit der hallischen Burschenschaft Germania verknüpft. Es wurde beispielsweise versucht, Leute, die in der Germania sind, nicht auf Veranstaltungen von Kontrakultur zu zeigen. Das hat sich inzwischen erledigt. Das heißt, die treten jetzt gemeinsam bewusst auf, manchmal auch in Shirts, wo ihre ideologischen Sachen draufstehen, mit identitären Logos drauf. Außerdem finden sich überall in der Stadt Aufkleber der Identitären, mit denen sie ihre Präsenz unterstreichen«, so ein Sturamitglied.

Neulich gab es eine Outing-Aktion, das heißt, Zettel mit Bildern, Namen und Studiengang der Studierenden von Kontrakultur wurden ausgedruckt und auf verschiedenen Uniarealen verteilt.

"Austausch des deutschen Volkes" - Facebook-Eintrag der "kontrakultur Halle"

„Austausch des deutschen Volkes» – Facebook-Eintrag der „kontrakultur Halle»

Auf der Seite linksunten.indymedia.org finden sich weitere Informationen dazu. Doch ist diese Aktion rechtens gewesen? Es hagelte viel Kritik. Die zwei Mitglieder des Studierendenrates, die mit der Aktion nichts zu tun haben, vertreten folgende Meinungen dazu: »Klar, über diese Methode kann man streiten. Dabei muss man jedoch bedenken, dass gerade die Personen, die geoutet worden sind, sehr offen mit ihrer Einstellung umgehen. Die haben jetzt mehrfach Aktionen am Marktplatz gehabt, wo sie sich einer breiten Öffentlichkeit präsentieren, mit ihren Gesichtern, wovon sie dann Fotos machen, die sie mit ihren Inhalten auf ihrer Facebook-Seite verbreiten. Die outen sich zu einem gewissen Teil selber.«

»Abstrakte Kritik, wo man Kontrakultur erklärt, wurde schon versucht. Der Stura hat einen langen Text veröffentlicht, andere Gruppen haben auch schon die einzelnen Ideologiefragmente zerlegt. Die abstrakte Kritik hat es nicht geschafft, dem Aufbau von Kontrakultur entgegenzuwirken. Studierende haben ein Recht darauf zu wissen, welche politische Gesinnung die haben und ob sie vorbestraft sind.« Dennoch fragt man sich, warum ein Outing überhaupt nötig ist. Besagte Informationen zu den Personen sind alle auf Facebook zu finden, auf der Seite von Kontrakultur. Eine Person wurde bereits vor einigen Jahren bekannt gemacht, und zwar der Wortführer selber.Die zwei Sturamitglieder müssen dennoch Kritik üben. »Ich persönlich befürchte, dass die Universität, die Leitung, der Studierendenrat und viele Gremien nicht anerkennen wollen, dass sich die Stadt Halle und die Universität Halle gerade zu einem Zentrum von Kontrakultur und der Identitären Bewegung von Mitteldeutschland entwickeln. Es gibt einige Leute im Studierendenrat, denen es egal ist, weil sie das Pro­blem nicht anerkennen.« Dabei müsse man sich mit der Thematik endlich auseinandersetzen. Durch den Einzug der AfD in den Landtag sei ein parlamentarischer Arm gewachsen. Es gibt auch nachgewiesene Verbindungen zwischen AfD-Landtagsabgeordneten und Kontrakultur. Einer war schon bei Kontrakultur zu Besuch. Es werde dann wahrscheinlich auch parlamentarischen Schutz geben. Die Strukturen würden sich verfestigen.

»Ich finde es wichtig, dass Menschen, die antifaschistisch aktiv sind, Solidarität erfahren, auf allen möglichen gesellschaftlichen Ebenen. Das fordere ich auf Uniebene sowohl vom Studierendenrat als auch von der Unileitung ein. Dass dieses Engagement nicht nur anerkannt wird, sondern dass es auch unterstützt und mitgetragen wird.«

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Trotzdem ist sie irgendwie Chefin der "hastuzeit" geworden. Aber viel wichtiger ist, das, wenn sie Artikel schreibt, schwillt ihr Herz zu einer großen Blase voller Freude an, fast genauso groß, wenn sie Snowboard fährt.

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Erstellt: 12.10. 2016 | Bearbeitet: 05.05. 2017 10:19