Jan 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 64 0

Dezent verzaubert

Das MDV-Gebiet ist mehr als Leipzig und Halle. Auch die meist verkannten mittelgroßen Städte lohnen einen Besuch. Diesmal ging es ins winterliche Merseburg.

Die Orangerie im Schlossgarten_960

Foto: Julia Plagentz

Nur zehn Minuten sind es mit der Bahn von Halle ins siebzehn Kilometer südlich gelegene Merseburg. Kaum in den Zug eingestiegen, ist man schon da. Merseburg hat gut 36 000 Einwohner, von denen sich allerdings heute circa 35 900 in ihre Häuser zurückgezogen haben; die Straßen sind ausgestorben an diesem Samstag Anfang Januar. Nur eine Clique Halbstarker zieht vorbei.
Sie verkörpern die eine Seite des harten Kontrasts, den die Stadt bietet: Plattensiedlungen, Tristesse und Verwahrlosung. Auf der anderen Seite stehen die noch immer vorzeigbare Geschichte, die viele Spuren hinterlassen hat und Touristen zu locken vermag, zahlreiche kleine Trödelläden und die spürbaren Bemühungen der Stadt, sich in gutem Licht zu präsentieren. Zudem haucht die Hochschule Merseburg der Stadt mit ihren knapp 3000 Studenten etwas frisches Leben ein. Gleich gegenüber der Stadtkirche St. Maximi am Markt befindet sich in der Burgstraße eine kleine Touristen-Information. Hier gibt es neben den zu erwartenden Flyern und Broschüren eine für Merseburg überraschend vielfältige Auswahl an Souvenir-Artikeln.

Wie man erfährt, hat George Clooney unter anderem hier 2013 seinen Film »The Monuments Men« gedreht, welcher 2014 leider reichlich floppte. Beim Verlassen der Tourist-Info sieht man mit Verwunderung im Schaufenster einen sorgfältig platzierten fetten Plüschraben: Es ist der erste dieses Ausflugs. Sein Geheimnis wird er allerdings erst später lüften.

Kontraste und Trödel

Die Innenstadt Merseburgs bietet zwar keine süßen verwinkelten Gässchen, dafür einiges an historischer und durchaus ansehnlicher Bausubstanz, welche einige Jahrhunderte der Stadtgeschichte widerspiegelt. Die Gebäude der Stadtverwaltung sind in einigen dieser ehrwürdigen Bauten untergebracht. Aber auch im direkten Stadtzentrum sind heute noch immer weit und breit keine Menschen zu sehen. Zumindest das Guerilla-Knitting ist bis hier vorgedrungen und zeugt von Bewohnern, welche hier gewirkt haben müssen; ein Baum ist knallbunt umhäkelt und dekoriert den Weg zur bekanntesten Sehenswürdigkeit der Stadt.
Nach wenigen Minuten ist der Vorplatz erreicht, der den Blick auf den imposanten Dom freigibt. Er stammt aus dem 11. Jahrhundert und beherbergt den berühmten Merseburger
Domschatz sowie die »Merseburger Zaubersprüche«, magische Beschwörungsformeln aus vorchristlicher Zeit, welche tatsächlich aus Fulda stammen sollen. Das angrenzende Schloss ist für das kunsthistorische Auge noch interessanter, denn es vereint frühromanische Elemente, etwas Spätgotik und reichlich verspielten Barock. Es scheint, als könne es gut als Märchenschauplatz dienen, wenn auch heute als ein eher düsterer. Touristen sind offensichtlich keine unterwegs, sie kommen lieber im Sommer.

Der Rabe war schuld

Rabenkäfig mit steinernem Raben und Goldring_960

Foto: Bengt Verworner

Im Innenhof nebenan haust in einem großem steinernen Käfig ein Kolkrabenpärchen. Die zwei stehen für die »Merseburger Rabensage«: Der im 15. Jahrhundert in Merseburg tätige Bischof Thilo von Trotha bezichtigte einst seinen Kammerdiener, einen goldenen Ring gestohlen zu haben, und ließ ihn daher hinrichten. Jahre später jedoch fand man den Ring in einem Rabennest am Dom. Der Bischof bedauerte seine Tat und trug von da an den Raben mit goldenen Ring im Schnabel als sein Wappen.
Über den Innenhof verlässt man das Schloss in Richtung Schlossgarten. Es geht über eine kleine Brücke, hier wird es dann doch etwas frisch. Das Wetter ist undefinierbar; nicht ganz kalt, eigentlich trocken, nur leichter Wind, aber dennoch ungemütlich. Man möchte sich in ein warmes Café zurückziehen. So einfach ist das in Merseburg aber leider nicht; auch bei genauerem Hinsehen lässt sich kein nettes kleines Plätzchen finden; womöglich verwöhnt Halle auch zu sehr mit seiner Auswahl an kuscheligen Cafés und Restaurants. Es lässt sich schließlich doch noch ein Unterschlupf aufspüren, wo eine kurze Ruhepause bei wässrigem Kaffee und einer ebensolchen heißen Schokolade möglich ist. Die letzte Station wird dann der Gotthardteich südwestlich des Zentrums, er ist nur einen Katzensprung vom Bahnhof entfernt. Hier flanieren mehrere Dutzend Entenpaare und einige Vertreter einer Vogelart, welche die ornithologischen Kenntnisse des Otto-Normal-Studenten überfordern, jedoch wohltuend an die gute alte Möwe erinnern, während die Sonne schon langsam hinterm Horizont verschwindet. »Merseburg verzaubert«, wie der Werbespruch der Stadtverwaltung verheißt, in der Tat dezent, am besten sollte man aber wohl im Frühling oder Sommer wiederkommen.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

Erstellt: 29.01. 2016 | Bearbeitet: 27.01. 2016 08:28