Okt 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 68 0

Der Hallische Zufall

Der »Hallische Zufall« ist die Kolumne der hastuzeit. Darin schildert Tobias regelmäßig Momente und Begebenheiten der hallischen Ab- und Besonderlichkeiten. In seiner letzten Ausgabe begegnet der Hallische Zufall jemandem, der Halle schon sehr viel länger kennt als er selbst.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

Kommt Besuch nach Halle, das weiß der Hallische Zufall schon lange, ist immer auch die Zeit der Stadtrundgänge und Führungen. Für ihn ist das allerdings keine lästige Pflichterfüllung, denn zum einen liebt er es, seine Saalestadt von ihrer schönsten Seite zu präsentieren, und zudem lernt auch er selbst dabei immer mal etwas Neues oder macht eine bisher unerkannt gebliebene Entdeckung.
Als sich aber ein ganz besonderer Gast ankündigte, hat sich der Hallische Zufall sehr gefreut. Schließlich war seine Großmutter, lange Zeit und noch länger vor ihm, als Hallische Fügung aktiv gewesen. Irgendwann hatte sie sich aber dafür entschieden, mittlerweile zu alt für den immer schnelllebigeren Job zu sein, und das Zepter an ihren Enkel weitergereicht. Sie hatte sich auf ein altes Weingut an der Saale nahe Naumburg zurückgezogen, lauschte dem dort noch wilden, schmalen Fluss und dachte an vergangene Zeiten. Insgesamt war sie auch durchaus zufrieden mit der Arbeit ihres Enkels als Arrangeur von zufälligen Begegnungen. Freilich befremdeten sie dessen zuweilen moderne Methoden, denn wo der Hallische Zufall auch auf »Schnickschnack« wie Dating- oder Tiersammel-Apps zurückgreift, hatte sie damals noch eher klassische Methoden bevorzugt.
Angekündigt hat sich die Dame ganz altmodisch per Post und ihren Besuch damit begründet, dass man Halle ja nie ganz aus dem Herzen verlieren und somit immer wieder mal das Verlangen nach einem Besuch der Salzstadt erwachen würde. Gerade deswegen freute sich der Hallische Zufall auf die gemeinsame Stadttour und ihren Besuch, wollte er ihr doch all die Schönheiten und neuen Schmuckstücke vorführen, die sich zuletzt erhoben hatten. Vom wiederbelebten Saalestrand über die sanierten Gründerzeitviertel, bis zum neu gestalteten Steintor, sollte die Tour gehen. Doch ziemlich schnell musste der Hallische Zufall einsehen, dass seine Großmutter doch ihren eigenen Kopf hatte. Und so wurde bereits in der Burgstraße unversehens Halt gemacht. Ein wenig unsicher und mit einem verstohlenen Blick auf die Uhr – lange Stadttouren sind stets genau getaktet – versuchte er herauszufinden, was es hier wohl zu sehen gäbe.
Nach einer Weile fing die alte Dame aber von selbst an zu erzählen: »Früher habe ich stundenlang zusehen können, wie diese Häuser gebaut wurden. Gründerzeit nannte man diese Zeit später, ganz zu Recht. Obwohl sie im Krieg nicht zerstört wurden, sind viele davon dann verfallen. Heute ist alles restauriert, aber schau mal genau auf die Türen. Es sind noch dieselben wie damals, an diese kann ich mich sogar noch erinnern. Die Türen fand ich schon immer am beeindruckendsten, da gleicht keine der anderen. Den Moment, in dem sie eingesetzt wurden, fand ich schon immer am schönsten.«
Das beeindruckte den Hallischen Zufall, darauf hatte er noch nie geachtet. Doch später fielen ihm die besonderen Türen immer wieder auf, und er staunte über diese weitere versteckte Sehenswürdigkeit Halles.
Gefreut hat sich die Hallische Fügung auch, als die Beiden zufällig zwei Hallensern auf den Dächern der alten Druckerei am Reileck begegneten. Das sei früher ein tolles Betriebsgelände gewesen. »Direkt hinter Geschäften und Wohnungen, solche Betriebe mitten im Wohngebiet gibt es heute nicht mehr. Schön, dass sie trotzdem noch besucht werden.«
Toll fand die Hallische Fügung auch, dass ein anderes altes Haus am Töpferplan so gut genutzt wird. Auch wenn ihr moderne Graffitis nicht ganz so gefallen, so ist es doch am wichtigsten, dass Menschen sich treffen und in Kontakt kommen. Das aber passiert regelmäßig in dem Gebäude, das dem Hallischen Zufall als LaBim bekannt ist. Darum hat er diesen Ort auch in die Stadttour mit aufgenommen. Er wusste genau, dass seine Oma eine Schwäche für Orte hat, wo sich verschiedenste Menschen regelmäßig treffen. Im Töpferplan wird zu Tischkicker und -tennis der Feierabend genossen. Dass sie dabei sehr eigentümlichen Regeln folgen und Sätze wie »Es gibt Behinderung, und es gibt Sportsgeist« einen Sinn ergeben, hat ihr dann auch sehr gut gefallen.
Unbedingt zeigen, wollte der Hallische Zufall seiner Großmutter dann noch, was aus dem Steintorviertel geworden ist. Beide, Hallischer Zufall und Hallische Fügung, kamen dabei regelrecht ins Schwärmen. Und so endete der Tag, an dessen Ende der Hallische Zufall seine Stadt noch einmal ganz anders kennengelernt hatte. Über Geschichten aus längst vergangenen Vorführungen und Ereignissen aus der Zeit, als das Varieté noch Walhalla hieß, sank langsam die Sonne hinter dem Reileck herab und enthüllte nochmal einen ganz besonderen Blick: Zweimal im Jahr wird aus der LuWu »LuWu-enge«, dann nämlich, wenn die hinter dem Reileck untergehende Sonne ihr sanftes Licht die LuWu hinauf strahlt und für ein einzigartiges Bild sorgt. Und das ist wirklich eine weitere Sehenswürdigkeit dieser Stadt.

Adieu!

  • Lies mehr vom Hallischen Zufall: www.hastuzeit.de/tag/zufall
  • LuWu-Henge ist am 30. Mai und 12. Juli. Ein analoger Sonnenaufgang lässt sich am 6. Dezember und 6. Januar beobachten (http://hallesche-stoerung.de/luwuhenge/)
  • Mit diesem letzten Hallischen Zufall endet diese Kolumne. Hast Du eine Idee oder möchtest eine eigene Kolumne schreiben? Dann melde Dich unter redaktion (at) hastuzeit.de

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 16.10. 2016 | Bearbeitet: 17.10. 2016 12:47