Feb 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 64 0

Der Hallische Zufall

Der »Hallische Zufall« ist die Kolumne der hastuzeit. Darin schildert Tobias regelmäßig Momente und Begebenheiten der hallischen Ab- und Besonderlichkeiten. Dieses Mal ist der Zufall auf Rekordjagd.

hz paula_960

Illustration: Anne Walther

»RUMMPS!« Volle Lotte gegen eine Laterne gekracht, Fahrrad verbogen, Nase blutig. Eigentlich kennt der Hallische Zufall die Stolperfallen seiner geliebten Stadt. Seien es nun Schienen, zahlreiche Glasscherben oder der fehlende Winterdienst. All das ist beherrschbar, aber nicht dieses neue Ungetüm: Geblendet vom grellen Licht von 30 Millionen LEDs hatte der Hallische Zufall ein bisschen zu sehr und zu lange gestaunt. Wieder aufgerappelt dann ein genauerer Blick auf Halles neue Errungenschaft an der Berliner Straße. Direkt über dem Bronson steht nun also die größte LED-Werbewand Deutschlands. Der »Hallcube« soll sogar die höchste Werbewand Europas sein. Und das ausgerechnet in der Saalestadt. Der Hallische Zufall ist sich nach wie vor nicht ganz sicher, was er davon halten soll, dass Tag und Nacht über 300 m² Reklame flimmert. Andernorts wird schließlich Lichtverschmutzung immer kritischer diskutiert, und einige Tage später hat der Zufall dann – diesmal in der Tram – ein Gespräch belauscht, man könne den Cube nachts oben in den Fakultäten des Weinbergcampus noch strahlen sehen. Auf jeden Fall passt dieser neue Wahnsinnsbau als flächengrößte LED-Werbewand des Landes in eine Reihe von hallischen Rekorden, die in ihrer Art und Formulierung zwischen provinziellem Charme und überheblicher Lächerlichkeit schwanken.


Da sind zunächst jene Rekorde, die Benutzer der Straßenbahnen zu Genüge kennen. Das »einzige salzproduzierende Museum Deutschlands« gehört ebenso dazu wie »Deutschlands älteste noch produzierende Schokoladenfabrik« oder auch das »älteste Varieté Deutschlands«. Dabei sind die stets im Satz benannten Bedingungen, damit es sich auch wirklich um einen Rekord handelt, hier noch irgendwie niedlich. »Rekorde« wie die dritthöchste Fontäne Europas oder das längste Fachwerkhaus Europas an den Franckeschen Stiftungen wirken dagegen eher albern denn beeindruckend. Trotzdem scheinen die Hallenser die Superlative zu mögen. Wie sonst erklärt sich, dass zu wirklich jeder Jahreszeit in der Großen Ulrichstraße wahlweise der kleinste Weihnachts-, Winter-, Herbst-, Pfingst- oder Ostermarkt beworben wird. Aber bei der Jagd nach Rekorden kann man wirklich noch einiges lernen. Ziemlich cool findet der Hallische Zufall zum Beispiel, dass es in seiner Stadt im Julius-Kühn-Museum die größte Haustierskelettsammlung Deutschlands zu bestaunen gibt. Ebenfalls fuhr in Halle die erste elektrische Straßenbahn Europas, und das heutige Straßenbahnnetz ist doch tatsächlich das längste Meterspurnetz Deutschlands.
Aber da ist noch viel mehr: So ist der Stadtgottesacker doch wahrlich der größte Gottesacker nördlich der Alpen, und die Leopoldina ist älteste Gelehrtengesellschaft Deutschlands und obendrein auch die älteste dauerhaft forschende Akademie der Welt. Auch theologisch hat Halle einiges zu bieten: die älteste und größte Sammlung evangelischer Kirchenmusik nämlich. Wem all das noch nicht speziell genug ist, dem sei die panathenäische Preisamphora aus der Zeit zwischen 562 und 558 v. Chr. im Robertinum empfohlen. Dies ist das vielleicht älteste, mindestens jedoch zweitälteste Gefäß dieser Machart. Damit anzugeben ist aber selbst dem durchaus lokalpatriotischen Hallischen Zufall zu blöde. Da wendet er sich lieber dem Roten Turm zu. Dieser dominiert seinen geliebten Marktplatz und ist der größte freistehende Glockenturm Deutschlands und beherbergt nebenher das zweitgrößte Carillon, auch Glockenspiel genannt, der Welt. Zur Stunde schlägt der Turm ebenfalls ganz weltstädtisch im Klang des Big Ben.
Man könnte nun meinen, das alles sei langsam genug an Rekordverdächtigem für eine Stadt wie Halle, doch der Zufall hat noch mehr herausgefunden: Bis Ende 2016 steht in Halle noch der höchste stählerne Funkturm Deutschlands. Ausgerechnet die Leipziger bauen allerdings gerade einen noch höheren. Allzu traurig ist der Hallische Zufall deswegen allerdings nicht. Viel wichtiger ist ihm der Titel als »grünste Großstadt Deutschlands«. Und dann ist da ja noch das Gerücht, Halle sei sowohl die regenreichste als auch regenärmste Stadt Deutschlands. Es soll hier nämlich angeblich die meisten Regentage, jedoch den insgesamt wenigsten Niederschlag im Volumen gemessen geben. Soweit der Zufall herausfinden konnte, stimmt beides nicht. Den Rekord als regenärmste Stadt trägt ausgerechnet die ungeliebte Konkurrentin 76 km weiter nördlich. Auch ob in Halle tatsächlich die größte Freitreppe innerhalb eines Kaufhauses zu finden, und ob das Bettenhaus 2 des Universitätskrankenhauses wirklich das älteste ist, konnte der Zufall nicht herausfinden. Groß gestört hat es ihn jedoch nicht. Den absolut besten und sympathischsten Rekord findet man nämlich garantiert in Halle. So lebt im einzigen Bergzoo Deutschlands das weltälteste Faultier. Die erhabene Langsamkeit dieses Wesens ist dem Hallischen Zufall jedenfalls um Längen lieber als 30 Millionen LEDs.

Auf  Wiedersehen.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

Erstellt: 03.02. 2016 | Bearbeitet: 03.02. 2016 23:58