Jan 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 63 0

Der Hallische Zufall

Der »Hallische Zufall« ist die Kolumne der hastuzeit. Darin schildert Tobias regelmäßig Momente und Begebenheiten der hallischen Ab- und Besonderlichkeiten. Diesmal geht’s um die Gusche.

Illustration: Anne Walther

Illustration: Anne Walther

»Wollmer uns losmachen?«
als Frage for­muliert oder das knappe und vor allem sehr bestimmte »Ich mach mich los!« hört man in Halle häufig und quer durch alle Alters- und Sozialstufen. »Losmachen«, das ist ein schönes Beispiel für die Saalestädter Mundart. Sind »Hallunken« und »Halloren« mehr durch Schokolade und Marketing im Sprachgebrauch verankert, so steht »losmachen« für mehr. Einfach und kurz gehalten, ohne viel drum herum beschreibt es, was nun passieren wird. Dennoch bleibt die Formulierung etwas umständlich, droht gar ins Stumpfe abzudriften und integriert plump das schwache Verb »machen« in den Satz. Hallenserinnen und Hallenser könnten auch den einfachen Weg wählen und »gehen« oder gar das viel stärkere Verb »verschwinden« verwenden. Doch Saalestädter ziehen die sanfte, etwas unpraktisch erscheinende Variante über den Umweg des »Machen« vor. Es mag Leute geben, für die diese Formulierung gar leicht proletarisch wirkt, doch im Grunde ist es Ausdruck des herzlich-bestimmten Einschlags, den das Hallische und wohl auch jeder Hallenser in sich trägt. Niemand würde die Hallenser wohl als besonders freundlich charakterisieren. Eher als derb und direkt, ohne dabei jedoch das Herzliche zu vergessen. Und so werden nicht viele Umstände gemacht und auch nicht über Gebühr Wert auf schönen Klang oder aufreizende Grammatik gelegt. Entsprechend klingt denn auch die Mundart.

Ein weiteres Beispiel ist das oft gehörte und verwandte »Meine« beziehungsweise »Meiner«. Hier zuckt der Neuankömmling in Halle zunächst einmal zusammen. »Meiner«, das klingt unbekannt, kommt unerwartet und wird dem eigentlich schon beendeten Satz nachgestellt. Was meinen die Hallunken und Halloren damit? Wiederum hat es zunächst einen fremden, sehr einfach und fast tölpelhaft wirkenden Klang. An die etwas spröde Herzlichkeit dahinter muss man sich erst einmal gewöhnen. Vor allem, weil es weitläufiger verwandt wird. Ganz anders als andere Nachsätze wie »Keule«, »Alta« oder das englische »Dude«. Denn der Hallenser verwendet »Meine« oder »Meiner« sowohl bei Freunden als auch bei Kollegen oder gar an der Supermarktkasse. Nicht selten sogar als versöhnlichen Nachsatz hinter eine kleine Kritik. »Ganz ruhig, Meiner« nach einer etwas zu motivierten Grätsche beim Fußballspiel, oder das »Was hast du da denn nun wieder angestellt, Meine?« der älteren Anwohnerin zum Nachbarskind. Aber auch bei Unfällen oder Stürzen im Winter kann man das berühmte Possessivpronomen hören.

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Illustration: Anne Walther

Stürzt eine Frau mit dem Rad, wird sie schon mal beim Aufrappeln von anderen Verkehrsteilnehmern angerufen: »Alles jut, Meine?« Und so wirken »Meine« und »Meiner« am Satzende sowohl identitätsstiftend als auch freundschaftlich und kollegenhaft. Als Ausdruck muss man sich daran erst gewöhnen. Ist es aber einmal in den Sprachgebrauch eingegangen, möchte man es nicht mehr missen. Etwas schroffe Herzlichkeit steht doch jedem ganz gut. Vielleicht lässt sich mit dieser Formulierung das Hallische am besten charakterisieren.

Dies beides sind kleinere Überbleibsel und mögen auch über Stadtgrenzen hinweg zuweilen Anwendung finden, und natürlich ist das echte, tiefe Hallische, ähnlich dem Platt, weitgehend aus dem Sprachgebrauch verschwunden. »Wer nuh awwer mewent, dassde nach dr Mahd das Zeich drocken zesamm jeharkt werd, der errt sich.« versteht heute kaum einer. Und doch gibt es noch einige Rudimente mehr. Wie zum Beweis fungiert das vielleicht schönste und beste Wort der Region sogar als Ladenname. Und so zaubert das »Modschekiebchen« an der Schmeerstraße stets ein Lächeln auf die Lippen des hallischen Zufalls. Jedes Mal aufs Neue!

Auf Wiedersehen, Meine/r.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 14.01. 2016 | Bearbeitet: 10.01. 2016 19:49