Dez 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 69 0

Das Wort zum Wort

Eine vielleicht etwas ambivalente Kolumne über Kommunikation und den Eindruck, dass Menschen immer weniger miteinander reden. Sie beobachtet und kommentiert. Und vielleicht will sie auch manchmal irgendwie eingreifen.

Foto: Katja Elena Karras

Foto: Katja Elena Karras

»It’s so funny how we don’t talk anymore« – Erst kürzlich überraschte mich diese Perle der Musikgeschichte aus dem Radio. Bekanntermaßen ein Liebeslied, in dem das lyrische Ich (beziehungsweise Sänger Cliff Richard) einer Verflossenen oder gerade Verfließenden nachweint und -singt. 1979 veröffentlicht. Meine Hörweise schlappe 37 Jahre später war zugegebenermaßen eine andere. Und am liebsten hätte ich dagegen angeschrien, dass ich es überhaupt nicht lustig finde, dass wir, rein subjektiv, immer weniger miteinander reden. Nicht bloß im Kontext der Liebe. Sondern generell. Wissenschaftlich belegen oder begründen will ich das an dieser Stelle nicht. Nur mich darüber aufregen. Wir, im Jahr 2016, haben mehr Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren, als irgendeine Generation vor uns. Wir können einander schreiben, ob das nun über die Vorlesungstische geschobene Zettelchen, verschickte Briefe, Postkarten oder elektronische, telekommunikative Nachrichten sind. Was wir dabei schreiben, muss noch nicht einmal zwingend Buchstaben enthalten, nein, im 21. Jahrhundert kann man durchaus komplette Nachrichten in Form von Emojis gestalten. Wir können uns Sprach- und Video-Nachrichten schicken. Ganz simpel, reden, aufnehmen und verschicken. Fertig. Oder telefonieren. Oder wir sprechen einfach miteinander.

We don’t talk anymore

Zugegeben, unsere Umwelt macht es uns leicht, nicht reden zu müssen. Rundum-sorglos-all-inclusive-Mobilfunk-Pakete ermöglichen uns bequeme und günstige Kommunikation. Anstatt durch die Wohnung zu rufen oder sich in ein anderes Zimmer zu begeben, kann man seinem Mitbewohner doch auch einfach schreiben, ob er mit zum Einkaufen kommt. Dann tauscht man noch sieben bis dreihundertachtundzwanzig Nachrichten aus, was einzukaufen ist, und fertig. Alles geklärt, ohne dass man hätte miteinander reden müssen. Ob das nun Zeit gespart hat, ist eine andere Frage. In jedem Fall hat es einem, oder mehreren, die Mühen verbaler Kommunikation erspart.

Doch diese Tendenz scheint es nicht bloß auf ebenjener persönlichen alltäglichen Mikro­ebene zu geben. Vielleicht wird beim Thema Reisen besonders deutlich, dass immer weniger geredet wird. Wer geht heute schon noch ins Reise­büro, um eine Reise zu buchen? Geht doch auch online! Bisschen tippen, klicken, scrollen, tippen. Reise gebucht.

Ihren Höhepunkt findet die Entwicklung der bequem-unpersönlichen Buchung wohl im Flugreiseverkehr: Man kann seine Tickets nicht nur unpersönlich online buchen, sondern mittlerweile bei vielen Fluggesellschaften den Web-Check-In nutzen und muss quasi auf der gesamten Reise mit niemandem kommunizieren. So bekommt man bestenfalls die Plätze, die man möchte, ohne dafür die Anstrengung in Kauf nehmen zu müssen, der freundlichen Dame oder dem freundlichen Herrn am Check-In verbal den Sitzplatzwunsch vorzutragen. Manche Fluggesellschaften erheben inzwischen saftige Gebühren für den besonderen Service des Check-Ins durch einen Mitarbeiter am Flughafen. Getreu dem Motto: Bitte keine persönliche Interaktion und Kommunikation.

Und wer tatsächlich am Check-In noch eingecheckt werden möchte – ob nun kostenfrei oder nicht – und vielleicht noch einen Sitzplatzwunsch hat, kann dies dann ja zumindest sprachökonomisch gestalten: »Fenster!« Eine Begrüßungsfloskel oder gar ein vollständiger Satz, der zumindest ein Subjekt und ein Verb enthält, scheinen oft jenseits des Möglichen. Mancher Check-In-Agent – welch schöne neudeutsche Berufsbezeichnung – passt sich dieser Sprachökonomie an und fragt auch bloß noch »Fenster?«, sofern der Fluggast nicht von sich aus einen Wunsch geäußert hat. Aber es gibt auch noch jene Spezies, die – fast schon dreist – in ganzen Sätzen mit dem Passagier spricht: »Möchten Sie lieber am Gang oder am Fenster sitzen?« Die Antwort ist dann oft eine Konfrontation damit, dass oftmals nicht nur das Miteinanderreden, sondern auch das Zuhören nur sehr eingeschränkt funktioniert: »Ja.« Aha. In jedem Falle ist dieses »Ja« zumeist mit »Fenster.« (oder »Fenster!« oder »Am Fenster, bitte.« oder gar »Wie nett, dass Sie fragen. Wenn es noch möglich ist, hätte ich gern einen Fensterplatz.«) zu übersetzen.

Stifte für mehr Freundlichkeit

Doch auch bei Reisen mit anderen Verkehrsmitteln zeigen sich Veränderungen: Ging man früher vor Antritt einer Bahnfahrt zum Fahrkartenkauf zum freundlichen Fahrkartenverkäufer (oder zur freundlichen Fahrkartenverkäuferin, wobei: Gender war damals auch noch nicht so ein großes Thema) an den Schalter, lässt sich das heute doch viel leichter, schneller, bequemer und günstiger online erledigen. Wie die bereits erwähnten Fluggesellschaften erhebt auch die Bahn heutzutage einen Service-Aufschlag, wenn man doch so tollkühn ist, am Schalter und vielleicht gar noch mit fachlicher Beratung eine Fahrkarte zu erwerben. Später, wenn man dann erst in der Bahn sitzt, die Tasche bequem auf dem Platz neben sich, Kopfhörer je nach Modell auf oder in den Ohren und den Blick auf dem Smartphone, kann man dank dieser technischer Hilfsmittel auch sicherstellen, dass niemand auf die Idee kommt, verbal mit einem kommunizieren zu wollen. Und wenn es nur darum geht, dass Oma Gretchen mit ihren 86 Jahren gern fragen würde, ob die schöne pinke Tasche wohl ihren Platz für sie freigeben würde. Das lässt sich prima ausblenden. Schöne neue Welt.

Apropos Bahnmitarbeiter und Kommunikation: Wie geht es eigentlich den Schaffnern? Mussten die nicht noch vor wenigen Jahren Freundlichkeitskurse machen? Ich meine, mich an Bilder vom Lächeln-mit-Bleistift-zwischen-den-Zähnen-Kurs zu erinnern. Man wollte das Image der Schaffner freundlicher machen. Den Erfolg der Kampagne kann ich nicht umfassend bewerten. Die Schaffner, die meine Fahrkarten kontrolliert haben, waren jedenfalls überwiegend freundlich. Einer hat sogar mal darüber hinweggesehen, dass mein Studentenausweis noch nicht für das neue Semester validiert war. Mir erscheinen dafür meine Mitfahrer zunehmend unfreundlicher. Vielleicht sollte ich mal eine neue Imagekampagne für Bahnreisende starten und Bleistifte verteilen.

Offensichtlich wird Kommunikation ein hohes – und mitunter teures – Gut. Dabei ist es doch eigentlich gar nicht so schwer, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen. Und ab und zu auch den Mund aufzumachen. Und ein bisschen dafür offen zu sein, dass vielleicht anstelle der eigenen Tasche ein fremder Mensch auf dem Platz neben einem sitzt. Oder zumindest einen Fahrschein für die schöne pinke Tasche zu kaufen.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 22.12. 2016 | Bearbeitet: 03.01. 2017 18:40