Mai 2016 hastuUNI 2

Das Schweigen der Löwen – oder die Lämmerrunde

Kommentar: Die im Voraus der Hochschulwahl stattgefundene Informationsveranstaltung hat klar gemacht, dass von dieser vermutlich nicht allzu viel zu erwarten ist. Man ist sich einig: W(ä)Lan ist wichtig!

Am Donnerstag, den 12.5.2016, fand im Löwengebäude die »Löwenrunde – Der Polittalk zur Hochschulwahl« statt. Ziel dieser Veranstaltung war es, Aufschluss über die Funktion der verschiedenen Gremien und der Hochschulwahl zu geben und die wählbaren Gruppen an der Universität vorzustellen.

Einleitend fand eine Erklärung des Hochschulwahlsystems statt, danach stellten sich die verschiedenen Gruppen vor. Damit begann der Spaß, denn nun wurde es emotionaler, vor allem in puncto Fremdscham. Im Publikum herrschte eine störende Unruhe, es brauchte nicht zugehört werden, die Positionen waren so wie so schon vorab geklärt. Die Olli (offene linke Liste) lachte über den RCDS (Ring christlich demokratischer Studenten), der RCDS über die Olli und die GHG (Grüne Hochschulgruppe), die Jusos (SPD-nahe Hochschulgruppe) liebäugelten mit der Olli, die Liberalen (liberale Hochschulgruppe) eher mit dem RCDS, die Gruppe »DIE LISTE MLU« (ein studentischer Unterleger der Partei »DIE PARTEI«) lachte vornehmlich, über sich selbst. Entsprechend dieser Präferenzen vielen Zwischenrufe und versöhnliche Blicke wurden ausgetauscht. Bereits zu Beginn schreit eine aufgebrachte Person von hinten nach vorne: »Der RCDS kotzt mich an mit seinem scheiß Paternalismus!« und »Halt deine Klappe!«, während vorne jemand spricht.

Das Forum für Selbstdarsteller

Nach und nach gab die Person hinter mir pars pro toto alle Klischees, die man so über scheinbare Linke hat, wieder. Dabei gefiel sie sich, in erster Linie, selbst. Das taten sowieso alle. Die Stimmung war entsprechend gekünstelt aufgeheizt, es stand schon vorher fest, wer was sagen wird und wer wie darauf reagiert. Die Olli legte dabei den interessantesten Auftritt hin: Ohne Powerpoint, ohne Nazis, aber mit viel Persönlichkeit. Als der Kandidat aufgerufen wurde, joggte er nach vorne, griff zum Mikro und legte einfach los. Wie ein Tiger im Käfig schritt er im Angesicht der irritierten »Masse« von rechts nach links, vor allem nach links. »Wisst ihr worauf wir keinen Bock haben? Auf Nazis!« leitete er sein Stand-Up ein. Inhaltlich kam dann auch nicht vielmehr. Man konnte sich nicht ganz sicher sein, ob es sich bei diesem Kandidaten nicht vielleicht um einen Motivationstrainer handelte, der gerade versuchte seinen neuen Ratgeber »Wie gebe ich mich politisch korrekt« an den Mann zu bringen. Ach, ähh, natürlich auch an die Frau zu bringen.

Damit sei einer der Reibungspunkte der Veranstaltung genannt: die Genderdebatte. Diese ist zumindest im hochschulpolitischen Bereich zu einem rhetorischen Stilmittel verkommen. Während die einen gegen eine imaginierte Genderpflicht sind und vorm Genderwahn wahnen. Haben die anderen oft scheinbar aus dem Blick verloren, dass es mehr zu gendern gibt als Worte. Der negative wie positive Bezug auf das Genderthema dient lediglich der Polarisierung und Selbstbestätigung und spiegelt somit zwei Seiten der selben Medaille wieder. Ähnlich aufgebauscht wurde die Debatte um vegane Verhütungsmittel. Das Einzige, was sich daraus mitnehmen lässt, ist die Erkenntnis: Sex sells, immer noch. Das seit Wochen auf dem Campus zu vernehmende Kichern beim Wort Lecktuch zeigt, dass man in Sach(s)en Aufklärung nicht viel weiter gekommen ist. Ein weiterer Punkt, der vielen Gruppen am Herzen lag, war der der Ideologiefreiheit; soll eigentlich meinen: Abwesenheit von Ideologie. Der RCDS, der zu Anfang seines Vortrages das christlich-demokratische Menschenbild propagierte, propagierte danach eben jene. Auch die liberale Hochschulgruppe sprach sich für ideologiefreie Forderungen und Diskurse aus, aber in einem Maße, dass diese Forderung nach Abwesenheit von Ideologie schon selber wieder in solche umschlug.

Archivfoto: Daniel Möbus

Archivfoto (von der Löwenrunde 2015): Daniel Möbus

Die Forderung nach Freiheit von Idiotie war nirgends vernehmbar, schade eigentlich, denn gegen genau diese richtete sich scheinbar der Auftritt der Gruppe »DIE LISTE MLU«. Aufsehenerregend war dieser, aber keinesfalls witzig. Außer der eigens mitgebrachten Kuscheltiere und Anklatscher im Publikum lachte kaum jemand. Hier, und nicht im ZDF, wurden die Grenzen von Satire deutlich. Besonders wenn Pointen schlecht sind und es nur darum geht sich selbst zu feiern. »Tukane statt Dekane.« »Gegen Hexerei am Campus.« LOL, Schäming out leise. Anders die Gruppe D.C. Universe, die sich weitgehend darüber darstellte, dass sie nichts darstellte. Hier wurden bereits vorab Werte und Haltungen aus der politischen Agenda, zu Gunsten bloßer Interessen, herausgestrichen. Zu den anderen Gruppen muss eigentlich nicht mehr viel gesagt werden, sie redeten das, was sie so reden, in der Regel getreu der Gesinnung der jeweiligen Gruppe, at its best. Außer vielleicht noch ein paar Worte zum RCDS. Dieser warb mit dem Slogan »Make Stura great again« und bezog sich somit positiv auf Donald Trumps Wahlkampagne. Schön blöd, aber auch aufschlussreich. Denn dieser Spruch entlarvt, worum es eigentlich geht. Nämlich nicht darum Veränderungen anzustoßen, sondern darum die eigene Position im etablierten System zu stärken.

Von der Groteske zur Realität

Insgesamt glich die ganze Veranstaltung eher einer schlechten Talkshow, nur dass nicht einmal Prominente vor Ort waren. Es wirkte fast grotesk, irgendwie zu blöd, um wahr zu sein. Denn das, was in der Aufführung inhaltlich gefordert wurde, war marginal. Wenn in einem universitären System wie diesem die Studenten anstelle von mehr und besserer Lehre eher die Abschaffung der Anwesenheitspflicht fordern, dann deutet das auf tieferliegende Probleme hin. Es geht nicht darum, etwas zu lernen, sondern mit möglichst wenig Aufwand möglichst schnell durchzukommen. Anstelle des modularisierten Studienganges werden die Öffnungszeiten der Mensa diskutiert. Statt sich über die Inhalte der Lehre zu beschweren, wird lediglich deren Ausweitung per Digitalisierung gefordert. Vegane Kondome und Lecktücher locken Massen von Studenten zur Stura-Sitzung, die vorher noch nie jemanden interessiert hat.

Das alles zeigt: Über solche Dinge lässt sich gut streiten, entweder man ist dafür oder dagegen. Eine Uni umzubenennen ist leichter als sie umzustrukturieren, denn die tatsächlichen Missstände im universitären Bereich sind komplexer. Ergo: Man flüchtet sich in kleine, leichte Themen, wie WLAN am Unicampus, den Beitritt zum Dachverband der verfassten Studierendenschaften, Öffnungszeiten usw. Größere Strukturen bleiben dabei unhinterfragt. Letztlich waren es bei der ganzen Veranstaltung nur Scharmützel, die Beachtung fanden, das große Schlamassel wurde nicht mal annähernd thematisiert.

 

Anmerkungen und Klarstellung zum Artikel »Das Schweigen der Löwen – oder die Lämmerrunde« vom 17. Mai 2016 (online)

Sehr unterschiedliche Meinungen rief der Artikel »Das Schweigen der Löwen – oder die Lämmerrunde« vom 17. Mai 2016 hervor, den wir kurz vor der Hochschulwahl online veröffentlichten. Während uns viel Lob erreichte, gab es auch deutliche Kritik. So wurde bemängelt, dass der erwähnte Artikel sehr polemisch sei und dennoch nicht als Kommentar gekennzeichnet war. Da hieß es unter anderem, es handle sich nicht einmal um einen Artikel, beziehungsweise »bestenfalls um einen Kommentar«. Auch wurde eine Demobilisierung vor der Wahl befürchtet und die Sorge geäußert, es könne der Eindruck entstanden sein, dass Studierende, die sich ehrenamtlich im Stura engagieren, pauschal lächerlich gemacht worden seien.

Wir möchten auf diese Kritik reagieren, Stellung beziehen und einiges richtig stellen.

Zunächst einmal stimmt es, dass der Artikel nicht als Kommentar gekennzeichnet war. Dies haben wir inzwischen nachträglich korrigiert und werden wir in Zukunft deutlicher kennzeichnen. Trotzdem sind wir sicher, dass die überwiegende Mehrzahl der Leser ihn ohnehin als Kommentar gelesen hat (unter anderem wegen des deutlich ironischen Titels). Ausdrücklich betonen möchten wir, dass ein Kommentar genauso wie eine Reportage, ein Interview oder eine Meldung ein gleichwertiger journalistischer Beitrag ist und alle zusammen als »Artikel« bezeichnet werden.

Des Weiteren sollten in dem Artikel auf keinen Fall ehrenamtliches Engagement selbst wie auch erst recht keine Personen lächerlich gemacht werden. Nicht zuletzt deshalb kommt der Artikel ohne Namensnennungen aus und kritisiert die politischen Gruppen und kaum einzelne Personen. Wir berichten regelmäßig über das vielfältige Engagement von Studierenden. Auch wir arbeiten ehrenamtlich und wissen um den Arbeitsaufwand und die mannigfaltigen Probleme, mit denen man dabei konfrontiert wird. Wir schätzen hochschulpolitisches Engagement im Gegenteil sehr wert. In unserer gedruckten Ausgabe hatte jede Hochschulgruppe in der Form eines Interviews Raum, ihre Ideen vor der Wahl sachlich zu kommunizieren. Dennoch möchten wir betonen, dass wir es als Zeitung von Studierenden für Studierende auch als unsere Aufgabe sehen, Dinge und Probleme zu benennen und anzusprechen. Dazu gibt es als Journalist_in viele verschiedene Möglichkeiten. Auch eine ironische Polemik kann hier Anwendung finden.

Ziel des Artikels war es, den Eindruck wiederzugeben, den eine bisher mit der Hochschulpolitik nicht tiefer befasste Person von der Veranstaltung der Löwenrunde bekommt. Dass der Eindruck fatal war und darum mit einer Polemik anstatt einem sachlichen Bericht verarbeitet wurde, liegt nicht an bösem Willen, sondern an der Veranstaltung. Als Journalisten haben wir die Aufgabe, Sachverhalte entsprechend unserem Eindruck ausgewogen, aber doch angemessen – in einem Kommentar auch bewertet oder polemisiert – weiterzugeben. Demobilisierung kann daher nicht der Artikel betreiben, sondern wenn überhaupt nur die Veranstaltung, über die geschrieben wird, selber. Läuft die Veranstaltung im Gegenteil ideologiefrei und sachlich ab, folgt auch eine entsprechende Berichterstattung. Journalismus möchte Dinge zeigen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten.

Die Redaktion der hastuzeit

Über Linda Zapfe

, ,

Erstellt: 17.05. 2016 | Bearbeitet: 12.10. 2016 20:39