Jan 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 64 0

»Dann Schneewittchen durchgeballert«

Für die Spielzeit 2015/16 kamen acht neue Schauspielstudierende nach Halle, um ihre Praxisausbildung zu starten. Die hastuzeit hat eine Vorstellung besucht und drei von ihnen getroffen.

Benito - Foto von Falk Wenzel_960

Foto: Falk Wenzel

Ganz spontan: Was würdet ihr gerne eine Woche an der MLU studieren, wenn ihr nicht Schauspielstudierende wärt?
Paul M. Oldenburg: Philosophie, weil ich das ein wahnsinnig spannendes Feld finde, in das man aber als Laie nicht einfach reinkommt. Unser Beruf beschäftigt sich ja auch viel damit, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, auch philosophische Konzepte zu begreifen. Bei uns muss es nur für einen Abend reichen, aber es gibt dann die großen Köpfe, die sich die großen Gedanken machen, die auf das ganze Leben zutreffen sollen. Das würde ich gerne mal professionell erleben.
Benito Bause: Medizin, weil mein Papa Psychiater ist und ich eigentlich Medizin studieren wollte, aber mir dann klar geworden ist, dass meine Schwester mit einem 1,3-Schnitt zwei Jahre gewartet hat und ich da nicht reinkomme. Aber ich finde das mega-interessant, und da lernt man ja wirklich Sachen, die man auch direkt anwenden kann. Du kannst ja wirklich Menschenleben retten.
Mira Helene Benser: Na toll, was soll ich jetzt noch sagen? Freie Kunst. Bei mir ist es ganz einfach: Weil ich für mein Leben gern male und ich Bock hätte, mich dann eine Woche völlig auszutoben mit allen Materialien, die mir dann zur Verfügung stehen.

Vor dem Interview haben alle drei mit ihren fünf Kommilitonen im Rahmen des Szenenstudiums verschiedene Filme von Lars von Trier inszeniert und interpretiert. Motto: »Wer hat Angst vor Lars von Trier?« Am Anfang kommen alle auf die Bühne und lesen ihre Drehbücher, die Bühne dreht sich im Kreis, und es wird deutlich: Jeder hat beim Lesen andere Gefühle: Nervosität, Arroganz, Belustigung, Gleichgültigkeit, Professionalität, Irritation, Schock, Angst. Lars von Trier wird keine leichte Kost. Weder für Schauspieler noch für das Publikum.

 

Was, denkt ihr, ist der Hauptunterschied zwischen eurem Studium und einem klassischen Uni-Studium?
Paul: Der Praxisbezug.
Benito: Wir sind extrem gebunden und können nicht in eine Studiumskifferphase verfallen, weil wir einfach jeden Tag hier sind. Ich glaube, ihr könnt euch freier bewegen, Hausarbeiten und so schreiben.
Mira: Ihr habt mehr Privatleben. Wir nicht. Und ihr habt Semesterferien. (lacht)

Habt ihr auch Vorlesungen?
Benito: So in der klassischen Form nicht. Hatten wir in den ersten zwei Jahren. Das waren aber eher Seminare: Theatergeschichte, Theatertheorie, Metrik und so was.
Paul: Wir sind richtig noch mal zur Schule gegangen. Es gab einen Stundenplan, der wurde abgearbeitet, und da waren vier Stunden am Tag für den Schauspielunterricht, und die restliche Zeit haben wir dann mit Kursen, auch körperlichen, verbracht.

Paul - Foto von Falk Wenzel_960

Foto: Falk Wenzel

Wie sieht jetzt eure Woche aus?
Mira: Viel proben. Unsere Inszenierung »Frühlingserwachen« etwa. Die Premiere ist am 6. Februar, und parallel proben wir für andere nt-Produktionen. Wir sind ja hier auch mit am Theater, und das läuft jetzt parallel.
Paul: Der normale Alltag ist einfach, dass man morgens um 10 anfängt und bis 14 Uhr Probe hat. Und dann probt man noch mal 19 bis 22 Uhr. Aber weil wir noch Studenten sind, sind die Zwischenzeiten auch häufig gefüllt.
Mira: Zum Beispiel mit Unterricht: Einmal die Woche Sprechen und Gesang, zweimal die Woche Sport, einmal so Mischmasch-Sport, Muskelaufbau, Ausdauer, Akrobatik, viel Volleyball spielen, und dann haben wir noch Capoeira als zweites Fach.

Was kann man sich zum Beispiel unter »Sprechen« vorstellen?
Mira: Mittlerweile geht«s dabei viel um Textarbeit: Wie fühle ich Texte? Wie denke ich sie richtig? Eben damit man die nicht nur vorliest, sondern ich eine Haltung habe. Parallel schaut man immer, was braucht die Stimme gerade, ist der Atem richtig, ist sie im Zentrum, ist sie an den Körper angebunden? Da gibt«s ganz verschiedene Übungen.

In Kapitel eins, »Dancer in the Dark«, wirkt Paul als Bill. Dicklich, feist und sehr amerikanisch tritt er als Sicherheitsmann, Behördenchef und Staatsanwalt in Erscheinung. Das Stück wechselt direkt und sehr schnell zwischen komischen, schockierenden und sehr lauten Momenten hin und her. Am Ende steht der Tod für beide Darsteller. Wer den Film nicht kennt, dürfte schon jetzt etwas mitgenommen sein.

Ihr habt regelmäßig eine Veranstaltung namens »Studioclub«. Was ist das?
Benito: Der Studioclub ist eine Plattform für uns, die wir einmal im Monat haben. Das machen wir allein. Die Plattform nennt sich dann »Schaufensterbühne«, und da können wir zwei Stunden lang machen, was wir wollen. Die einzige Regel ist: Nicht langweilen.

Also habt ihr selbst Einfluss?
Benito: Komplett.

»Wer hat Angst vor Lars von Trier« ist aber ein Szenenstudium gewesen.
Benito: Ja, das ist was anderes. Die Szenenstudien sind ans Studium gebunden, sind quasi der Schauspielunterricht, wo man mit der Lupe an eine Szene rangeht und die dann genau durchnimmt. Lars von Trier kam zum Beispiel als Vorgabe von unseren Dozenten.

Ihr macht dann, was die euch sagen?
Benito und Mira: Nein.
Paul: Genau das Gegenteil.
Mira: Es wird halt immer individuell geschaut, wer braucht gerade was. Zum Beispiel: Für wen ist es gerade wichtig auf der Bühne, in die Kraft zu gehen? Oder: Wer muss am richtigen Gedanken arbeiten? Für die Ausarbeitung hatten wir nur den Film und die Tagebücher von Lars von Trier und haben es dann zusammen mit unserem Dozenten ausgearbeitet. Alles sehr auf Augenhöhe. Bei Lars von Trier ging es den Dozenten auch darum, dass wir uns am Anfang, als die Neuen hier, erst einmal freispielen.
Paul: Wir sollen zu mündigen und politisch aufgeklärten Schauspielern erzogen werden. Es ist aber auch einfach schwierig, den Schauspielberuf über so »Baukästen« zu vermitteln. Es ist eine sehr individuelle und persönliche Arbeit. Da werden dann bestimmte Dinge bestärkt, die kommen müssen. Nach jedem Szenenstudium gibt es dann eine Auswertung, wo man schaut: Was hab ich geschafft, was ist nicht so gut gelungen? Was möchte ich noch besser machen? Das versucht man dann mit den Dozenten in den Proben umzusetzen.

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Foto: Falk Wenzel

Benito spielt in seinem Kapitel Jan aus »Dogville«. Junge, vielleicht etwas naive Liebe, Musik und ein kleiner Spielzeughelikopter bilden die fröhliche Eingangssequenz. Doch gruseliger, religiös-gesellschaftlicher Druck von außen und wahrhaft schaurige Mimik der weiblichen Bühnenpartnerin lassen ahnen, dass es dabei nicht bleiben wird. Und in der Tat zeigt sich, welch tragische und verletzliche Auswirkungen Wünsche haben können, die so ganz anders wahr werden als gedacht. Am Ende ist Jan gelähmt, fordert radikal-zerstörerisch Unmögliches von seiner Frau.

Denkt ihr, dass ihr zeigen müsst: Ich kann das spielen? Zum Beispiel, dass ihr absolut verzweifelt seid.
Benito: Also, ich finde, das schwingt zumindest immer mit. Schon allein, weil ein extrem facettenreicher Schauspieler viel mehr zu gebrauchen ist als jemand, der sehr begrenzt ist. Für mich ist das immer ein Ansporn. Das heißt aber nicht, dass ich das als Druck empfinde: »Ich muss jetzt zeigen, dass ich«s kann«, sondern ich glaube, jeder Schauspieler kann alles spielen. Aber im Laufe der Entwicklung jedes Menschen geht vieles verloren, und die Sachen, die man selbst nicht von sich kennt, sind natürlich immer die spannendsten, und darum will, glaube ich, jeder von uns alles spielen, was möglich ist.
Mira: Es ist aber auch eine Form der Entspanntheit auf der Bühne, Extreme spielen zu können. Wenn du daran gehst: »Es müssen heute Tränen kommen«, kommen garantiert keine Tränen.
Benito: Aber ganz wichtig: Es geht nicht um Tränen. Es geht darum, dass die im Zuschauerraum weinen. Wenn die das aufnehmen, dann ist das Ziel erreicht. Nicht wenn du heulst.

Ihr seid Studierende der Hochschule Mendelssohn-Bartholdy in Leipzig. Lebt ihr trotzdem in Halle?
Benito: Eigentlich leben wir genau hier. In diesen Wänden des Theaters.
Paul: Das meinte Mira eben mit dem Privatleben. Ein Tag bei uns ist ziemlich voll. Im Dezember sah ein Tag echt so aus, dass wir halb neun zum Sport sind, dann schnell duschen, umziehen, auf die Probebühne für »Frühlingserwachen«, bis 14 Uhr geprobt, dann nachgearbeitet für die Abendprobe, dann schnell in die Maske und das Kostüm für Schneewittchen angelegt, dann Schneewittchen durchgeballert. Aus den Kostümen und in die Probenkostüme für das nächste Stück. Da geht es gar nicht anders: Man muss hier wohnen.

Habt ihr denn trotzdem Zeit, Halle zu erleben?
Benito: Ich hab von Halloren gehört, ich hab die Hallorenkugeln auch gegessen.
Mira: Ich war neulich auf dem Poetry-Slam im Turm.

Also mit Studentenpartys ist nicht so viel?
Benito: Wir haben hier die Premierenfeiern. Immer wenn hier was Neues ist, wird hier auch was getrunken. Wir haben Party zur Genüge, würde ich sagen.
Mira: Ich hoffe, dass, wenn es zum Sommer hingeht, mal was geht. Wir sind schon sehr unter uns derzeit. Man kommt halt nicht so schnell in Kontakt.

Mira kommt im letzten Kapitel auf die Bühne. In »Idioten« geht es von Anfang an extrem zur Sache. Der ganze Saal fungiert als Bühne. Der Zuschauerraum bleibt hell erleuchtet. Was hier Spiel und was Spiel im Spiel ist, überfordert das Publikum, wie es auch Lars von Triers Filme tun. Die Dominanz beider Darsteller wechselt minütlich, ebenso deren Motivation und Stimmung. Es findet eine Vergewaltigung statt. Das Publikum wird vom Opfer für dessen Nichteingreifen beschimpft. Kurz darauf lobt sie den Täter für dessen »weitgehend« gute schauspielerische Leistung in dieser Szene. Es ist für Darsteller und Publikum die Suche nach der Echtheit.

Habt ihr irgendwelche Traumrollen?
Benito: Ich will auf jeden Fall mal den Hamlet spielen. Aber davor, solange ich jung bin, möchte ich Romeo spielen. Boah, ich würde sooo gern Romeo spielen, dazu hätte ich richtig Lust.
Paul: Ich wäre gern Puck im Sommernachtstraum. Immer wenn ich den bei anderen sehe, denke ich mir: Den will ich auch mal spielen.
Mira: Ich habe ganz generell Bock zu spielen, aber was mich interessieren würde, wäre Blanche DuBois aus »Endstation Sehnsucht«. Aber die kann man eigentlich erst spielen, wenn man älter ist. Gerne würde ich auch noch mal Antigone spielen. Die Figur interessiert mich total.

»Wer hat Angst vor Lars von Trier?« Das neue Studio vermag zu erreichen, was auch Lars von Trier als Regisseur regelmäßig tut. Die Antwort lautet: Angst muss das Publikum haben. Vor dem Verstörenden, was es im Film wie im Stück erleben wird.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

Erstellt: 30.01. 2016 | Bearbeitet: 27.01. 2016 12:19