Feb 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 64 0

Bye bye, Handy…

Eine Woche ohne Smartphone. Ein Selbstversuch zum Jahresbeginn.

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Illustration: Joshua Stepputat

Knapp 40 % der unter 30-Jährigen sind eifersüchtig auf das Smartphone ihres Partners, mit welchem dieser ihrer Meinung nach zu viel Zeit verbringt. Durchschnittlich 88-mal am Tag, das heißt, alle 18 Minuten und insgesamt 2,5 Stunden, nutzen wir unser Telefon. Es existieren bereits Studien zur sogenannten »Smartphone-Sucht«. Weltweit werden 2016 2,08 Milliarden Menschen ein Smartphone besitzen und nutzen. Kurz vor dem Jahreswechsel kramt ein jeder genüsslich in der eigenen Defizitkiste, um Änderungswürdiges aufzuspüren. In meinem Fall fungierte die Familie als Auslöser. Sprüche wie »Mädel, jetzt leg doch mal das Ding [mein Handy] weg« durfte ich mir über die Feiertage mehr als einmal anhören. Jedenfalls konfrontierten sie mich mit der Tatsache, dass offenbar auch ich kürzlich zum »Smombie« mutiert war. Das Wort hat es zum Jugendwort des Jahres 2015 gebracht und stellt ein Mischwort aus »Smartphone« und »Zombie« dar. Ich hätte es stets geleugnet, doch tatsächlich: Biep. Duuuuuut. Vibrierendes Summen. Mein Handy ist immer dabei, alle paar Minuten schaue ich drauf. Sobald man es einmal zuhause lässt, fühlt es sich an wie ein amputierter Körperteil.


Schluss also damit, zumindest für eine Woche. So weit das Vorhaben, welches sich irgendwann im Laufe des 31. Dezember in meinen Kopf pflanzte. Zugegeben, es war ein kalkuliertes Risiko, da die Uni nach der Weihnachtspause noch nicht begonnen und somit deutlich weniger Termine anstanden. Trotzdem blieb ein unwohliges Gefühl; würde es möglich sein, sich ausschließlich mittels verbindlicher Absprachen zu verabreden? Was tun, wenn in einer Notsituation doch mal ein Handy gebraucht wird? Wie würde sich die Abstinenz auf mein Zeit-Management auswirken? Alles Fragen, welche sich vor der heutigen Handy-Ära noch niemand stellen musste.
Der Schnitt direkt nach dem Jahreswechsel war leider nicht ganz so radikal, wie von mir gewünscht: Ich schaffte es erst im Laufe des nächsten Tages, mein Smartphone auszuschalten und in vertrauensvolle Hände zu geben. Von nun an würde ich eine Woche lang nicht mehr erreichbar sein und auch niemanden kontaktieren können. So schwer durfte das ja nicht sein, dachte ich, schließlich haben Menschen x Jahre ohne ein rechteckiges Plastikteil kommuniziert. Es ist allerdings nicht die tatsächliche Notwendigkeit des Telefons, die es so wichtig macht, sondern die Bedeutung, welche wir ihm beimessen. Ohne fühlen wir uns plötzlich unsicher, so auch ich. Es war wirklich ziemlich beängstigend, sich nicht immer und sofort mit Freunden und Bekannten verbinden zu können. In der Tat fühlte ich mich irrationalerweise reichlich hilflos. Damit hatte ich so nicht gerechnet und es schockierte mich. An Tag zwei bereits schrieb mir eine Freundin per E-Mail, wann ich denn endlich mein Handy wieder anschalten würde. Dieses dumme Gefühl, etwas zu verpassen, ärgerte mich zugegebenermaßen zusätzlich.
Nach drei Tagen allerdings änderte sich dieses Gefühl, und ich nahm die wohltuende Freiheit wahr, die ich erlangt hatte, nun, da ich nicht mehr Sklavin meines Telefons war. Einige E-Mails wurden dann allerdings zum etwas faulen Kompromiss. Auch weiterhin funktionierte alles, ich musste nur konkretere Absprachen treffen und mich daran halten. Meist gelang mir dies sogar, obwohl ich zur notorisch unpünktlichen Sorte zähle. Ohne das Smartphone als ständigen Begleiter gewinnt man zunächst einmal natürlich viel Zeit. Erst dann wurde mir klar, wie viel Zeit ich täglich eigentlich damit verbringe und teilweise auch verschwende. Alle meine Freunde haben gut reagiert und sich angepasst, ich war also einmal sieben Tage nicht so einfach zu erreichen. In dieser Zeit ist mir nichts wirklich Wichtiges entgangen und ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass es (kurzfristig) absolut ohne Smartphone geht. Das Experiment lohnte sich also in jedem Fall. Nun will ich versuchen, meinen eigenen Handy-Konsum zu reduzieren und es in wertvollen Momenten aus- oder stummzuschalten, vielleicht sogar wieder »downzugraden« und ein Telefon ohne Internet-Anschluss zu nutzen. Denn das Handy ist doch dazu da, sich mit Menschen zu verbinden. Und wie ginge das besser als ganz altmodisch von Angesicht zu Angesicht?

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

Erstellt: 03.02. 2016 | Bearbeitet: 03.02. 2016 23:55