Jan 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 63 0

Auf keinen Fall Urlaub

Jenseits der Fernsehbilder: Zwei persönliche Perspektiven auf die Situation an den Grenzen der Balkanstaaten

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Ich habe Andrej während eines Praktikums in Polen kennengelernt. Wir waren dort zusammen in einem Wohnheim mit anderen Praktikanten und Studierenden unter anderem aus Jordanien, Mazedonien, Tunesien, Griechenland und Kroatien. Heute, etwas mehr als ein Jahr später, sind all diese Länder solche, die Geflüchtete auf dem Weg nach Deutschland passieren. Andrej lebt in Osijek im Norden Kroatiens, in der Nähe der Grenze zu Serbien.

How do you assess the current situation in Croatia?
From my point of view I can say that the refugees were kindly accepted and taken care of while traveling through my country. The fact that many people, especially in the region I live in, identify themselves with them as they had the same destiny about 20 years ago,
searching for safety for their families when fleeing the war. (Yugoslav War in the mid-90s, Anm. d. Red.) I also think that the government did a good job concerning their travel and transferring them through the country. They also provided them with facilities to stay and rest for a few days as well as medical assistance to continue their journey. Heated shelters were set up in Slavonski Brod. Nevertheless winter is coming which could represent a major problem.
To sum up, I think that as a country we did a good job, these people deserve our help and even though evil words will always be present I somehow believe that the big majority of the people are really just looking for a safe place for their families. Unfortunately in times like this with the current events that have happened, it is inevitable that more and more questions will be asked about passing them all to Europe.

People are only crossing Croatia, nearly nobody wants to stay. In how far have the refugees been visible for you?
Actually not really, I personally haven«t witnessed any of them. For sure that was because most of them were using bus and train transportation organized by the government, all the way from the Serbian border to Slavonski Brod, or directly to the Slovenian border. Only in the beginning of migration there was a day or two in Osijek when I heard that a lot of them had occupied stores and stations buying water and food, but they were rapidly redirected since then and taken care of from the moment they had entered the country.

You just recently told me you couldn«t understand some Croatian people who make money out of the refugees. What did you hear about that?
Sure, there have been situations like that, there will always be people trying to take advantage of other peoples misery. People were talking about that during the first wave I already mentioned. At that time people gave them a ride to the Slovenian border in private cars cashing up to 500 Euro if not more for a trip of 300 km. That was quickly broken down as the police hired one taxi company and granted them a pass permission only to go through the control point.

Have these developments affected your opinion on Europe?
I think they did, it mainly made me doubt the strength of the EU, as it doesn«t look too homogenous right now and I feel like it is not as strong as before. Before I had no opinion that a failure of the EU project might be even possible. Now it has become a matter I think about from time to time.

 

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Wiebke Matthießen ist Studentin der Erziehungswissenschaften in Halle. Vom 10. bis 28. September wär sie zunächst an der slowenisch-kroatischen Grenze, dann an der kroatisch-serbischen Granze, um Geflüchtete und Helfer zu unterstützen. Kurz nach dem Interviewist sie erneut in die Region gefahren.

Wie bist du auf die Idee gekommen, direkt an der Grenze Hilfe zu leisten?
Ich und ein paar Freunde wollten eigentlich Urlaub machen. Wir sind zu viert los und hatten vor, in Ljubljana Leute zu besuchen und dann vielleicht nach Kroatien ans Meer zu fahren. Schon bei den Grenzkontrollen hat man aber Veränderungen bemerkt. Alles dauerte länger, es gab Staus, man wurde genau gefragt: »Wo wollen Sie hin?« Dann hat Ungarn angefangen, den Grenzzaun zu bauen, wir haben die Nachrichten verfolgt und gemerkt, wie sich die Lage zuspitzt. Es war dann klar: wir können auf keinen Fall einfach Urlaub machen.

Wie kann man sich die Situation dort vorstellen?
Damals war es so, dass Hunderte bis Tausende an den Grenzen standen und nicht durchgelassen wurden. Die Leute kommen sehr geschwächt an. Schon im September war es richtig kalt, und es wird immer kälter. Viel ging über privat organisierte Hilfe. Jetzt sieht alles etwas anders aus. Es gibt Camps, wo versucht wird, Geflüchtete zu sammeln und geordnet weiterzuleiten. Jetzt kann man sich über NGOs als Helfer registrieren und hat dann Zugang. Das machen wir jetzt wahrscheinlich so.

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Foto: Wiebke Matthießen

Was war dein Eindruck, wer flieht über die Balkanroute?
Schon sehr, sehr viele Männer. Die Regierung ist aber auch sehr bemüht: Familien, Kranke, Alte dürfen zuerst in die Busse für die Weiterfahrt. Deshalb sieht man auf den TV- und Zeitungsbildern oft nur Männer. Familien werden etwas besser versorgt und sind nicht so sichtbar. An der serbisch-kroatischen Grenze sind täglich Tausende gekommen. Dort waren auch viele Kinder mit dabei.Auch Babys und Schwangere.

Was hast du konkret getan?
Sehr verschiedene Sachen. Je nachdem, was schon vor Ort war. Zum Beispiel einkaufen gefahren, Decken besorgt und verteilt oder bestehende Strukturen unterstützt. Wir haben Wasser und Essen verteilt, und wir haben Spenden gesammelt bei Freunden, Verwandten und Bekannten und haben davon dann benötigte Sachen besorgt. Für mein Handy habe ich zum Beispiel auch eine kroatische SIM-Karte gekauft und dann einen Internet-Hotspot eingerichtet. So konnten sich Geflüchtete dann bei Freunden und Verwandten melden. Unabhängige Helfer können flexibler agieren. Es war nie absehbar, wie sich der Strom der Flüchtlinge entwickelt. Wir konnten viel schneller, spontaner aktiv helfen als die großen Organisationen.

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Foto: Wiebke Matthießen

Wie hast du die Situation in Kroatien, Slowenien und Serbien im Vergleich zu Deutschland erlebt?
Die kroatische Bevölkerung war sehr offen, so mein Eindruck. Es waren viele kroatische Helferinnen und Helfer vor Ort. Auch die kroatische Polizei war sehr kooperativ. Aber es gibt eben auch Überforderungssituationen: wenn tausende Menschen auf einmal kommen, dann eskaliert es. Es gibt aber auch sehr, sehr viele internationale Freiwillige. Viele Tschechen, Österreicher, Schweizer und Deutsche. Viele junge Leute. An den Wochenenden kommen dann vor allem viele Serben und Kroaten zum Helfen. Trotzdem: Die Länder auf der Route dorthin sind komplett überfordert. Ein Mann meinte zu mir: »Wie eine Treibjagd, wo bleibt hier die Menschlichkeit?«

Möchten wirklich alle nach Deutschland?
Viele wollen nach Deutschland. Vielleicht noch nach Österreich, aber vor allem Deutschland.

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Foto: Wiebke Matthießen

Du möchtest wieder dorthin, was ist deine Motivation?
Zu helfen. Alles ist für mich gerade besser, als hier in Deutschland zu sein, wo die Atmosphäre sehr schwer zu ertragen ist. Obwohl es natürlich auch wichtig ist, dass es hier viele aktive Menschen gibt, die helfen. Außerdem finde ich es auch wichtig, dass es Menschen gibt, die dort sind, sehen, was dort passiert, was für unmenschliche Bedingungen dort herrschen, um das weiterzutragen. Die Situation hat sich im Vergleich zum September geändert. Jetzt fahre ich geplanter los. Es gibt viele Freiwilligengruppen auf Facebook, wo vieles koordiniert wird. Wir fahren im Bulli nach Kroatien. Ohne Auto vor Ort ist man verloren. Und trotz des ganzen Elends, das man dort auch sieht: Die Begegnungen mit den vielen verschiedenen Menschen sind sehr bereichernd.

Wie vereinbarst du das Ganze mit deinem Studium?
Ich mache gerade Abstriche. Zehn Tage, zwei Wochen, das geht. Außerdem bin ich auch so gut wie scheinfrei. Ich muss nur noch die Bachelorarbeit schreiben.

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 12.01. 2016 | Bearbeitet: 29.01. 2016 08:52