Aug 2016 hastuINTERESSE Heft Nr. 66 0

Angekommen in Halle

Kareem ist aus Syrien geflohen und zieht bald in eine WG, um der deutschen Kultur und Sprache im Alltag schneller näher zu kommen. Gleichzeitig werden ihm von der deutschen Bürokratie viele Steine in den Weg gelegt.

Man kann ihn gut verstehen, trotz der vielen grammatischen Fehler ist sein Wortschatz groß. »Englisch habe ich aus dem Fernsehen gelernt, in der Schule hatten wir das nicht.« Kareem sitzt in der kleinen Küche, die ihm eigentlich zu einem Drittel gehört. Zum April sollte er in die Dreier-WG im Paulusviertel ziehen, die zwei Minuten vom 24-Stunden-Edeka entfernt liegt. Jetzt ist es Mitte Mai, und Kareem ist noch nicht umgezogen. In seinem Zimmer stehen momentan die Wäscheständer seiner Mitbewohner und ein alter, völlig beklebter Kühlschrank, mittig im größten Raum der WG platziert, den Kareem vor einigen Wochen mit einem Freund dort abgeladen hat.
Kareem hat heute eine Einladung zu seinem ersten Geburtstag in Deutschland mitgebracht. »Bring your own beer« heißt es da, und es ist ein Foto von ihm mit drauf, auf dem er breit lächelt. Kareem wird 19 und ist seit Oktober in Deutschland, nachdem er allein aus Syrien geflohen ist.

Er erzählt, dass es für ihn schwer war, überhaupt erst einmal Leute zu finden, die ihn nach einer Bewerbung auf ein freies WG-Zimmer zu einem Treffen eingeladen haben. »Wenn ich geschrieben habe, dass ich aus Syrien geflohen bin, wurde ich auf Whatsapp blockiert und meine Anrufe nicht mehr entgegengenommen.« Und dann ging die Suche wieder von vorne los. Vielen Studenten wird dieser Spießrutenlauf von Wohnung zu Wohnung (die alle ineinander verschwimmen und man nicht mehr weiß, wo jetzt genau der kleine Balkon oder das Extra-Bad war und welches Zimmer eben keinen Stuck hatte) vertraut sein. Die perfekte WG zu finden ist für alle schwer, gar keine Frage. Im Laufe der Monate hat Kareem viele Studenten angeschrieben wegen eines Zimmers. Wenn er dann mal zu einem Treffen eingeladen wurde, hat es ganz oft nicht geklappt aufgrund seines Alters, das wurde ihm zumindest gesagt.
Dabei wirkt Kareem meistens nicht wie 18, sondern sehr organisiert, bemüht und zuvorkommend. Wenn er lacht, was anfangs kaum vorkam, aber mittlerweile völlig normal ist, bricht die kühle, strukturierte Fassade auf und der 18-jährige kommt zum Vorschein, der gerade erst seine Schule beendet hat und so bald wie möglich hier in Deutschland Medizin studieren möchte. Seine jetzigen Mitbewohner hat Kareem über einen Freund kennengelernt, der Deutsch unterrichtet.

Marvin, aus dem Wendland und um die 20 Jahre, und Joana, aus Albanien und um die 30, waren schon länger auf der Suche nach einem neuen Mitbewohner. Er studiert noch Soziologie und Politikwissenschaft an der MLU und sie noch nicht Psychologie, da sie ihren erforderlichen Deutschtest erst jetzt absolviert hat und bis Oktober warten muss. Nachdem sie glaubten, schon fast alle studentischen Stereotypen getroffen zu haben und nichts so richtig auf beiden Seiten zu passen schien, kam an einem Abend im Februar Kareem zu Besuch.
»Ich war so schüchtern und konnte kaum richtig mit ihnen reden«, erzählt Kareem fast drei Monate später in der WG-Küche, »und es war so seltsam, weil die beiden so nett und herzlich waren, von Anfang an.«
Nach ein paar Tagen Bedenkzeit und einigen Diskussionen (unter anderem über Kareems Alter) schickten Marvin und Joana die SMS ab, dass er einziehen könne. Dass es bis zu seinem Einzug noch lange dauern würde, ahnte niemand so richtig. Der Grund, dass Kareem nach so vielen Wochen immer noch nicht eingezogen ist, obwohl er seit April offiziell im Mietvertrag steht, ist die deutsche Bürokratie. Kareem wird vom Jobcenter unterstützt, es bezahlt ihm sowohl die Erstausstattung für die Wohnung als auch die Miete.

In den letzten Monaten trafen sich Marvin, Joana und Kareem oft zum gemeinsamen Kochen, Biertrinken und einmal sogar um den Backofen zu reparieren. Sie trafen sich aber auch, um gemeinsam zum Vermieter und zum Jobcenter zu gehen, da in beiden Institutionen kein Englisch gesprochen wird und Kareem vieles auf Deutsch einfach nicht versteht. Neben seinen beiden Mitbewohnern hat Kareem seit einer Weile noch ein paar andere Deutsch sprechende Freunde, und einer von denen hatte fast immer Zeit, um ihn bei wichtigen Terminen zu begleiten. Eine besonders gute Freundin hat sich zum Beispiel sehr intensiv mit den Anforderungen des Jobcenters auseinandergesetzt und war immer erreichbar, wenn für Kareem und seine Mitbewohner etwas unklar war oder niemand so recht wusste, was genau in die vielen Formulare eingetragen werden sollte – was oft der Fall war. Noch wohnt Kareem in einer Unterkunft für Geflüchtete in Halle, und alles, was er besitzt, passt in einen großen Wanderrucksack. Er konnte sein Zimmer nicht beziehen, weil er noch keine Möbel hat. Obwohl im Februar und März alle Formulare ausgefüllt und eingereicht wurden, ist lange wenig passiert. Im Wochenrhythmus bekam Kareem Bescheid, dass doch noch eine Unterschrift fehlt oder ein Datum nicht stimmt und deshalb die Miete noch nicht überwiesen wurde. Die letzten zwei Monate sind Marvin und Joana eingesprungen und haben Kareems Anteil bezahlt, damit sie keine Probleme mit der Hausverwaltung bekommen. Der ehemalige Mitbewohner Christian, der regelmäßig zum Essen und Breaking-Bad-Gucken vorbei kommt, hat sich damit einverstanden erklärt, die Kaution von 350 Euro, die er noch vom neuen Mieter bekommt, in Raten von Kareem anzunehmen. Kareem war zwischendurch ziemlich überfordert: »Ich dachte, ich würde schon im März einziehen – das Zimmer war ja schon frei! Ich hätte niemals gedacht, dass es so lange dauern und es viele Probleme geben würde.«
Letzte Woche waren er und Marvin noch einmal beim Jobcenter. Dort wurde ihnen versichert (später auch schriftlich), dass wirklich alle Formulare vollständig sind und die Miete für die vergangenen als auch für die kommenden Monate überwiesen wird.

Auf die Frage, ob Kareem hier in Deutschland glücklich ist, antwortet er: »Anfangs nicht, denn man kann einfach nicht glücklich sein, wenn man komplett allein ist. Aber jetzt bin ich glücklich, wegen meiner neuen Freunde. Es war eine gute Erfahrung für mich – ich hoffe, auch für sie!«
Alles hier war neu für ihn, als er im Oktober ankam: Die sprachliche Hürde bleibt vorerst noch als größtes Hindernis bestehen, aber der deutschen Kultur ist er nun schon viel näher. Denn das war tatsächlich auch sein Hauptargument für das Einziehen in eine deutsche WG: Er will schneller dazugehören, die Sprache beherrschen, unsere Gewohnheiten verstehen und sich aneignen. »Ich will mein Bestes geben, um nicht so anders in allem zu sein.«
Er hat viele Freunde gefunden, geht mehrmals die Woche ins Fitnessstudio, jeden Abend für mehrere Stunden in seinen Deutschkurs und trifft sich danach manchmal mit Freunden am August-Bebel-Platz. Und bald feiert er hier mit ihnen zusammen seinen Geburtstag.

Über Janin Rominger

, ,

Erstellt: 24.08. 2016 | Bearbeitet: 24.08. 2016 17:58