Dez 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 69 0

Andere Länder, andere Filme

Seit 2004 ist Polen in der Europäischen Union – und von vielen noch unentdeckt. Wir wagen den Versuch, Euch ein kleines Stück davon näher zu bringen: durch die bemerkenswerten polnischen Filme der letzten Jahre. Erst 2013 gab es für das Drama »Ida« den Oscar als besten fremdsprachigen Film.

Viele polnische Filme haben ihre eigene Ästhetik. Das drückt sich zum Beispiel im starken Realismus aus: Alles soll so wie in Wirklichkeit aussehen, auch die Emotionen, weshalb die Schauspieler ihre Figuren oft mit Method Acting verkörpern. Besonders Geschichtsfilme nehmen im polnischen Kino einen großen Platz ein. Neben der Unterhaltung scheint dies eine Art zu sein, die eigene Geschichte und Identität darzustellen und zu verarbeiten.

Tadeusz und Rose genießen zusammen einen ruhigen Moment Foto: Monolith Films

Tadeusz und Rose genießen zusammen einen ruhigen Moment
Foto: Monolith Films

Ein Thriller in Zeiten des Kommunismus
Im Schwarz-Weiß-Film »Rewers« (2009), der in den erzkommunistischen 1950er Jahren spielt, suchen Mutter (Krystyna Janda) und Großmutter (Anna Polony) für die schüchterne Sabina (Agata Buzek) nach einem Ehemann. Das familiäre Verkuppeln will nicht gelingen, bis die junge Frau fast von
selbst in die Arme des geheimnisvollen Bronisław (Marcin Dorociński) läuft. Der Regisseur Borys Lankosz gibt einen Einblick, wie das Alltagsleben unter den Kommunisten in Polen ausgesehen hat. So flüstert die Familie immer in der eigenen Wohnung, aus Angst, von den Nachbarn belauscht und an die Geheimpolizei ausgeliefert zu werden. Verhaftungen sind nämlich an der Tagesordnung. Die drei Frauen sind gegen das Regime. Als Stalin 1953 stirbt, gehen die Menschen wie in einem Trauermarsch durch die Straße. Mutter und Tochter biegen jedoch in eine Gasse ab und jubeln vor Freude. Obwohl hier der geschichtliche Rahmen zum Nachdenken anregt, funktioniert er vor allem als ein Spannungselement in diesem komödienhaften Thriller – mit unerwarteten Wendungen bis zum Schluss.

Der Held ist ein Märtyrer
Das Drama »Róża« (2011) versetzt das Publikum in das Jahr 1945, unmittelbar nach dem Krieg, in das Gebiet der Masuren. Zwei Menschen begegnen sich in dieser schwierigen Zeit und verlieben sich ineinander. Rose ist eine deutschsprachige Masurin, die von der neuen Macht wie eine Deutsche betrachtet und deshalb diskriminiert wird. Tadeusz, ehemaliger Offizier der polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa) musste dabei zusehen, wie seine Ehefrau vergewaltigt und ermordet wurde. Der Film zeigt ihn als einen Mann, der im Krieg zwar alles verloren hat, aber trotzdem sehr menschlich und gefühlvoll geblieben ist, immer bereit, den Schwächeren zu helfen. Als Rose den Unbekannten darum bittet, die Minen von ihrem Feld zu räumen, sagt er: »Ich werde schnell die Minen entschärfen und gehen.« Dann sieht der Zuschauer, welche Angst er tatsächlich vor dem Entschärfen hat: Er bekreuzigt sich, bevor er das Feld betritt, kniet sich langsam hin und berührt mit schweißnassen Händen die Mine. So bleibt er bei Rose leben, um das ganze Feld wieder benutzbar zu machen, und es dauert nicht lange, bis sich zwischen beiden eine zärtliche Verbindung entwickelt. Als einmal eine der Minen explodiert, läuft Rose aus dem Haus, zu Tode erschreckt, dass Tadeusz etwas passiert sein könnte. Dann sieht sie ihn auf dem Feld stehen und schreit, er solle endlich ins Haus kommen. Und er? Er lacht, weil sie sich so erschreckt hat. Solche Szenen wirken aufwühlend, wenn man sich vorstellt, dass der Alltag der Menschen wirklich so ausgesehen hat. Genau das beabsichtigt der Film: den Zuschauer in diese Zeit versetzen. Das gelingt besonders durch die Ästhetik des Realismus und das stark authentische Spiel der beiden Hauptdarsteller.
Tadeusz wird im Film zum Märtyrer stilisiert. Als er festgenommen wird, erträgt er still die Schläge und Schmerzen und macht sogar Späße mit seinem Folterer, über die dann beide lachen. Fast könnte man meinen, dass das übertrieben ist oder einfach das Nationalgefühl stärken soll. Wäre da nicht die Tatsache, dass viele Soldaten der polnischen Heimatarmee, die gegen die Nazis kämpften, nach dem Krieg tatsächlich als Verräter angeklagt und verhaftet wurden. Der Film geht mit seinem Helden eigentlich darüber hinaus. Denn er wirft die Frage auf, was in einer abgrundschweren Zeit für jeden einzelnen Moral, Menschlichkeit und persönliches Glück bedeutet. Hauptdarsteller Marcin Dorociński meint: »Dieser Film ist wie eine Granate, die sofort ins Herz geht«.

Sabine mit dem mysteriösen Bronisław  Foto: Syrena Films

Sabine mit dem mysteriösen Bronisław
Foto: Syrena Films

  • Nataliya verbringt zur Zeit ein Auslandssemester im polnischen Opole, wo jährlich das Landesfestival des polnischen Liedes stattfindet.

Über Nataliya Gryniva

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Erstellt: 17.12. 2016 | Bearbeitet: 17.12. 2016 14:16