Jan 2016 hastuPAUSE Heft Nr. 63 0

Am Anfang gab es keine Therapie

Vor 25 Jahren wurde die hallische Aidshilfe gegründet. Petra Becker ist seit 2004 Geschäftsführerin und Leiterin der Beratungsstelle. Zusammen mit ihrem Team steht sie Ratsuchenden mit und ohne HIV rund um das Spannungsfeld »Sexualität und Gesundheit« zur Seite.

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Von links: Phillip Pieloth, Denis Leutloff, Katharina Janko, und Petra Becker von der Aidshilfe Halle // Foto: Joshua Stepputat

Welche Zielgruppen versucht die Aidshilfe zu erreichen?
Unsere Präventionsarbeit beginnt bereits in den Schulen. Aber es gibt noch andere Zielgruppen, die uns noch mehr am Herzen liegen und für die die Aidshilfe eigentlich da ist, nämlich Schwule, Inhaftierte, Sexarbeiterinnen und Drogenabhängige.

Hat die Aidshilfe noch mehr zu bieten als die Beratungsstelle?
Wir haben noch einen öffentlichen Bereich, der sich Infothek nennt. Dazu gehört ein kleines Galeriecafé, in dem wir regelmäßig Ausstellungen organisieren, ein Seminarraum, wo wir Weiterbildungen anbieten und Präventionsveranstaltungen für Schüler durchführen, und eine kleine Bibliothek. Damit versuchen wir öffentlich zu werden, das heißt, wir möchten, dass uns auch diejenigen Menschen besuchen, die in keinem Kontext zu der Erkrankung stehen.

Welche Rolle spielt das Ehrenamt für die Aidshilfe?
Das Ehrenamt ist natürlich sehr wichtig für uns, weil wir wenig Beschäftigte sind und manche Veranstaltungen und Aktionen ohne Ehrenamt nicht abdecken können.
Zum Beispiel gibt es die Teams YoungStars und LoveAgents. YoungStars ist im Prinzip das Schulpräventionsteam. Da die Stadt Halle Wert darauf legt, dass wir in Schulen Präventionsarbeit durchführen, ist dieses besonders wichtig. Die LoveAgents sind das schwule Präventionsteam. Sie gehen zu speziellen Veranstaltungen und Orten, wo Schwule ihr sexuelles Leben leben. Weil in den Teams auch Studierende involviert sind, die kurz vor ihrem Abschluss stehen und aus der Stadt wegziehen, suchen wir immer nach neuen Freiwilligen.

Eine weitere Leistung, die von der Aidshilfe angeboten wird, ist der HIV-Schnelltest. Was ist das Besondere daran?
Der HIV-Schnelltest hat sich bei uns zu einer richtig festen Größe entwickelt. Ganz zu Beginn, etwa vor fünf Jahren, haben wir einmal im Monat damit begonnen, und jetzt bieten wir ihn jeden zweiten Donnerstag von 18 bis 20 Uhr an. Dieser Test wird von einem fachkundigen Arzt, einer delegierten Schwester des Arztes oder vom Pflegedienst ehrenamtlich bei uns durchgeführt. Da es sich hierbei um
einen Schnelltest handelt, bekommt man das Ergebnis schon in dreißig Minuten mit, und dieses Angebot wird sehr gern genutzt.

Sollte es dazu kommen, dass jemand ein positives Testergebnis bekommt, wird er/sie von der Aidshilfe gleich weiter begleitet?
Das hängt natürlich von dem Betroffenen ab, aber in der Regel ist der Beratungsbedarf da. Es ist immer ein Schock, egal ob jemand geahnt hat, dass er sich dem Infektionsrisiko ausgesetzt hat oder nicht. Wenn dieser Fall eintritt, können wir den Betroffenen gar nicht allein lassen und fangen ihn selbstverständlich auf. Wir bieten an, einen Termin mit unserem HIV-Arzt zu vereinbaren. Natürlich kann der Patient selbst einen HIV-Arzt suchen, obwohl es nicht besonders viele Fachärzte auf diesem Gebiet in Halle gibt. Einmal wäre das unser ehrenamtlicher Arzt, der den HIV-Schnelltest durchführt, und dann gibt es noch eine HIV-Ambulanz im Universitätsklinikum Kröllwitz.

Wie wichtig sind Ihrer Meinung nach Aufklärungskampagnen wie »Positiv zusammen leben«?
Die neue Kampagne beschäftigt sich wie bereits die Jahre zuvor mit Diskriminierung. Man kann mit HIV inzwischen gut leben. Es gibt gute Therapien, aber man kann nicht mit Diskriminierung leben. Leider ist sie nach wie vor an der Tagesordnung, ob im Beruf oder beim Arzt. Unsere Klienten kriegen zum Beispiel sehr schwer Zahnarzttermine. Ich finde es gut, dass die Kampagne sich auch in diesem Jahr damit auseinandersetzt.

Soweit mir bekannt ist, gibt es für HIV keine Meldepflicht beim Arzt.
Eigentlich muss sich der Arzt immer schützen. Aber wenn bei einem Eingriff Blut im Spiel ist, kann es mitunter schon fair sein zu sagen, dass der Patient HIV-positiv ist. Da Infektionskrankheiten logischerweise übertragbar sind, bekommen unsere Patienten oft nur den allerletzten Termin an einem Tag, damit danach alles desinfiziert und gereinigt werden kann. Das ist natürlich übertrieben, vor allem wenn man eine ganz normale Behandlung beim Zahnarzt braucht. Das Problem ist einfach, dass sich auch einige Ärzte nicht genügend mit der Thematik HIV und Aids beschäftigt haben und einfach nicht wissen, dass ein Patient, der unter der Nachweisgrenze ist, nicht mehr infektiös ist.

Am 14. Dezember feiert die hallische Aidshilfe ihr 25-jähriges Jubiläum. Was hat sich in all den Jahren verändert, und welche Ziele konnten erreicht werden?
Die antiretrovirale Therapie liegt inzwischen in der vierten Generation vor, und diese Weiterentwicklung ist enorm. Sie bringt den Patienten ein fast normales Leben. Auch die Aidshilfe ist heute eine andere. Am Anfang ging es nur um Sterbebegleitung, es gab keine Therapie. Es ging nur darum, dass der Mensch noch einigermaßen menschenwürdig ableben konnte. Heute können Patienten, die unter einer fachlich kontrollierten Therapie stehen, ein Leben wie jeder andere auch führen. Sie wissen zwar, dass sie infiziert sind und bestimmte Schutzmaßnahmen durchführen müssen, aber gerade die Präventionsbotschaft »Schutz durch Therapie« heißt, ich bin unter der Nachweisgrenze, ich bin nicht mehr infektiös, und das ist ein großer Fortschritt.

Positiv zusammenleben

Schon die Begriffe Aids und HIV lösen bei vielen Menschen ein unbehagliches Gefühl aus. Die sexuelle Gesundheit scheint auch weiterhin ein Tabuthema zu sein, über das unzählige Vorurteile kursieren. Daher setzt sich die deutsche Aidshilfe für das diskriminierungsfreie Miteinander ein.

Leben ist ein Menschenrecht copy_960

Foto: Joshua Stepputat

Aids ist ein erworbener Immundefekt, der durch die HI-Viren hervorgerufen wird. Wie aus dem Bericht von UNAIDS und der Statistik des Robert-Koch-Instituts hervorgeht, leben weltweit etwa 35 Millionen Menschen mit HIV, davon rund 80 000 in Deutschland.
Die Ansteckung mit den HI-Viren kann entweder durch die sexuelle oder intravenöse Übertragung erfolgen. Wird nicht innerhalb der ersten 48 bis 72 Stunden nach dem Risikokontakt eingegriffen, kann die HIV-Infektion nicht mehr unterbunden werden.
In der akuten Phase, zwei bis drei Wochen nach der Infektion, steigt die Viruslast rapide an, und die Betroffenen erleben mitunter Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit und Gliederschmerzen. Erst mit der Überleitung in die chronische Phase, die ein Leben lang andauert, pendelt sich die Viruslast ein, und die körperlichen Beschwerden gehen zurück. Man unterschiedet zwischen drei Stadien der chronischen Infektion, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich lang und intensiv ausfallen können, aber nur das letzte und schwerste Stadium wird als Aids bezeichnet.

Schutz durch Therapie

Bei einer unbehandelten HIV-Infektion tritt Aids im Schnitt nach acht Jahren auf. Obwohl es heutzutage noch nicht möglich ist, die Krankheit zu besiegen,
kann frühzeitiges Eingreifen in den Verlauf der Infektion die Lebensqualität und -dauer des/der Betroffenen erheblich steigern. Häufig wird auf die antiretrovirale Therapie (ART) zurückgegriffen. Das Ziel der Behandlung besteht darin, die Viruslast stabil auf unter 50 Viruskopien pro Milliliter Blutserum zu senken. Wenn dieser Wert mindestens sechs Monate lang aufrechterhalten wird, der Patient gewissenhaft seine Medikamente einnimmt und regelmäßig zu ärztlichen Kontrollen geht, kann er nicht nur seine eigene Gesundheit verbessern, sondern auch ein vollkommen normales Sexualleben führen. Da in diesem Fall eine Übertragung der HI-Viren bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr extrem unwahrscheinlich ist, spricht man auch von »Schutz durch Therapie«.

Der Welt-Aids-Tag

»Was macht man, wenn das Date HIV hat?« – »Natürlich weiter kräftig Komplimente.« So lautet die schlagfertige Antwort auf eine der vielen Fragen, mit denen man zum diesjährigen Welt-Aids-Tag am 1. Dezember konfrontiert wird. Die Kampagne »Positiv zusammen leben« will zeigen, dass HIV kein Hindernis in zwischenmenschlichen Beziehungen ist, Diskriminierung dagegen schon.
Mit einfachen Frage-Antwort-Mustern sollen die Menschen zum Nachdenken angeregt werden: Was würde ich selbst in der beschriebenen Situation tun?
Wie aus der repräsentativen Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2014 hervorgeht, wissen die meisten Deutschen, dass eine Ansteckung mit HIV unter Alltagsbedingungen nicht möglich ist. Trotzdem bleiben die Unsicherheiten im Umgang mit HIV-positiven Menschen hartnäckig bestehen. Mit Aufklärungskampagnen kann man gegen diese Berührungsängste vorgehen und Toleranz auf dem Gebiet der sexuell übertragbaren Krankheiten fördern.

Über Vera Sonkina

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Erstellt: 12.01. 2016 | Bearbeitet: 04.05. 2016 22:46