Jun 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 60 0

YYYIGLIMT oder: Ich vs. Ohrwurm

Wie ein Schokoladenriegel-Gentleman und eine weibliche Milch mit roten Lippen meinen Tag versauten.

Ohrwurm_Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Alles fing am Abend vor dem so genannten Yummy-Tag, während meiner Arbeit im Sender an. Eine Kollegin sang aus heiterem Himmel enthusiastisch den Song aus der Kinderriegelwerbung: Yummy, Yummy, Yummy. Sofort sah ich vor meinem geistigen Auge die leidenschaftlich ineinander verschlungenen Komponenten des Riegels aus dem Spot. Ich lächelte beseelt, bekam ein kurzes Hüngerchen und ging dann unbeirrt meiner Arbeit nach.

Am nächsten Morgen holten mich die verliebten Nahrungsmittel jedoch wieder ein. Oder besser gesagt der Song von Ohio Express, zu welchem sie turtelten. Es war Mittwoch. Ich putzte mir die Zähne und erkannte in dem vertraut-surrenden Geräusch meiner elektrischen Zahnbürste ein Riff und dazu gesellte sich plötzlich eine Hookline – Yummy, yummy, yummy I got love in my tummy. Als in meiner inneren Zahnputzsanduhr das letzte Korn fiel und Putzi mir stolz zunickte, beendete ich den Pflegeakt. Doch neben dem Geschmack der Zahnpasta blieb da noch etwas. Yummy, yummy, yummy I got love in my tummy.

Ich schwang mich auf mein Fahrrad und versuchte den Ohrwurm durch mein rasantes Tempo abzuhängen. Plötzlich geriet eine beleibte Frau in mein Blickfeld, die leidenschaftslos etwas Undefinierbares kaute. Die scheinbar einzige Assoziation, die mir, beziehungsweise meinem Unterbewusstsein, einfiel, war: Yummy, yummy, yummy I got love in my tummy (im Folgenden werde ich aus Platzgründen anstatt dieser Hook dafür das Kürzel YYYIGLIMT benutzen). Bis dato fand ich diese Erfahrung noch ganz belustigend. In den folgenden zwei Vorlesungen lugten Worte wie »Sprechdenken«, »Geißner« und »Rhetorizität« nur sachte wie Sonnenstrahlen an einem bewölkten Tag zwischen der  YYYIGLIMT- Wolke hervor. Die Geduld mit dem Würmlein in meinem Ohr wurde verschwindend gering und ich fasste einen Entschluss: Ich muss mich entwurmen!

Doch wie ist das kleine, musikalische Getier in meinen Kopf gekommen? Ich las nach und bekam kurz ein schlechtes Gewissen. Besonders anfällig ist man für dieses Phänomen, wenn Leerlauf im Kopf herrscht- in Momenten der Langeweile. Schwamm drüber, meine Strafe für die scheinbar kognitive Flaute während meiner Arbeitszeit finanziert von Steuergeldern, erlitt ich seit nun sechs, grausamen Stunden. Noch dazu  konnte ich mich jedoch ein wenig geehrt fühlen. Nach Angaben von Wissenschaftlern haben nur sehr musikalische Menschen hartnäckige Ohrwürmer. YYYIGLIMT.

Ich musste etwas dagegen machen. Der erste Tipp, den ich fand, empfahl: Zimtschnecken oder Ähnliches essen. Das intensive Aroma vertreibt die Endlosschleife im entsprechenden Teil des Gehirns. Gesagt, getan. Erfolglos. 1,80 Euro für nichts außer einem dicken Minuspunkt auf der Traumkörperskala. YYYIGLIMT. Schon wieder.

Die nächste Empfehlung stimmte mich heiter. Den Ohrwurm einfach an eine verhasste Person abgeben. Ich rief meine Erzfeindin an und sang ihr kurzerhand vor. Das erste, was mich nach dem fragenden »Mh?!« des Mädchens und dem Hinlegen des Hörers erwartete, war: Dreimal dürft ihr raten! Richtig: YYYIGLIMT.

Kopfhörer,-Sarah-Kretzschmar

Illustration: Sarah Kretzschmar

Noch ein Versuch. Zertrampeln! Man soll sich den Ohrwurm einfach als leibhaftiges Geschöpf vorstellen und ihn zertreten. Ich trampelte so lang, bis mein Untermieter es mir nachtat. Kurz dachte ich, ich hätte einen Leidensgefährten gefunden, der aus demselben Grund wild herumstampfte. Bald wurde mir jedoch klar, dass es sich eher um die Ankündigung einer aggressiven Trampelansage gegen mich handelte, wenn ich nicht bald aufhören würde. YYYIGLIMT.

Ich dachte nach. Was würde mich als Ohrwurm in die Flucht schlagen. Countrymusik! Ein Versuch war es wert. Cotton Eyed Joe. Ich hörte den ganzen, furchtbaren Song. Das Ende vom Lied, im wahrsten Sinne des Wortes, war ernüchternd. Ich war verstört und mein Ohrwurm schien fideler den jäh. Nicht, dass ich nur einen Ohrwurm beherbergte, er hatte auch noch einen grauenhaften Musikgeschmack! Ah, vielleicht hasste er ja dann Musik, die ich mochte.

Nächster Versuch. Hip Hop, damit bekomme ich das kleine Biest. »Go hard or go home« gegen YYYIGLIMT. Eine Kampfansage-Gong! Aber der Ohrwurm hatte scheinbar ordentlich Mut und Muckis auf seinen Reisen gesammelt. Er blieb und ließ sich vom aggressiven Wortgeschoss des Rappers Tyga nicht beirren. Ratlosigkeit. Langsam wurde es dunkel. YYYIGLIMT. Elf Stunden mit diesem Ungetüm. Schlussendlich sollte ein Blogeintrag meinen Tag retten. Dieser riet, man solle den Ohrwurmsong einfach in seiner Gänze anhören und im besten Falle mitsingen. Nur so käme man aus der schmerzlichen Umarmung der Endlosschleife. Und siehe da, aus YYYIGLIMT wurde.

([And I feel like a-lovin you, nananan…] + [YYYIGLIMT]) = ([Charlotte] – [Ohrwurm ])

(Übrigens: Knifflige Matheaufgaben sollen auch helfen.)

 

19 Uhr. Ich war befreit. Seitdem umgehe ich großräumig Kinderschokoriegel. Noch einmal möchte ich nicht willenlos von dieser Süßigkeit in den OHIO Express gesetzt werden.

Über Charlotte Albrecht

Erstellt: 09.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 21:12