Aug 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 61 Rubrik 0

You only live till Ausdauertraining

Ich bekomme kein schlechtes Gewissen, wenn ich in meiner Lieblingsbar sitze und genüsslich an meinem trockenen Rotwein nippe, während verschwitzte Jogger mit Tomatenköpfen an mir vorbeihecheln. Nicht einmal, wenn ich gerade eine üppige Vier-Käse-Pizza verdaue und meine zuvielte Zigarette des Tages rauche.

2. YOLTA_JvBSZugegeben: Ich bin ein Lebemensch. Das klingt nach einer sehr euphemistischen Formulierung, aber das zeichnet Lebemenschen quasi aus: Sie reden sich das Leben schön. Doch warum ich auf die verrückte Idee kam, Sport zu treiben, ist damit noch nicht erklärt.

Es begann mit einer WG-Party, als ich mehrere, zu schnell (aber genüsslich!) geleerte Gläser Rotwein intus hatte. Herr Ausdauertraining, mein Gesprächspartner, war auch ein Schönredner und mindestens genauso betrunken wie ich, als er vor mir begeistert sein Plädoyer für Sport hielt. Um es kurz zu machen: Er redete Sport schön, ich redete ihn schön, um den Abend schön zu reden, und das Ergebnis war, dass ich mir beim Nachhausewanken schwor, ab sofort sportlich zu werden.

Wenn ich mir etwas vornehme, muss ich das um jeden Preis einhalten – oder wie Lebemenschen sagen: Sich selbst treu sein.

Also setzte ich am nächsten Tag meinen Plan sofort in die Tat um, nachdem ich den Kater mit Kopfschmerztabletten, fettigem Fast Food und einem Konterbier unter Kontrolle gebracht hatte. Vorab hatte ich im Internet ausgiebig recherchiert und das Joggen als meine Sportart auserkoren, um nun diverse Sportausstatter der Stadt aufzusuchen; denn eine gute Ausrüstung ist für sportlichen Erfolg essentiell. Teure Laufschuhe, einen Sport-BH, atmungsaktive Bekleidung, eine Pulsuhr sowie trashige Schweißbänder im 80er Look – nach fünf Stunden ausgiebigen Shoppens war der Weg zur Sportlichkeit geebnet.

Am Tag darauf schmiss mich mein Wecker um sieben Uhr aus dem Bett. Mit gestarteter Runtastic App, aufgesetzten Kopf hörern, aus denen motivierende Elektroklänge drangen, und einem breiten Lebemenschen-Grinsen verließ ich die Haustür.

Als die Musik pausierte, weil die Runtastic-Tante mich darüber informierte, dass ich in sieben Minuten meinen ersten Kilometer gelaufen bin, glich mein Grinsen allenfalls nur noch dem von Angela Merkel. Auf meinem Rücken hatten sich gefühlt zehn Bahnen gebildet, auf denen der Schweiß schneller lief, als es meine Beine auf dem Boden konnten. Meine Lunge pfiff wie eine alte Drehorgel, und alle paar Meter hustete ich einen kleinen Schleimklumpen aus. Doch statt mich mit demotivierenden Selbstzweifeln auseinanderzusetzen, legte ich noch mehr an Tempo zu und tat das, was mir die Sport-Foren empfohlen hatten: An die zahlreichen Argumente für Sport denken.

»Körperdefinierung! Du hast zwar schon eine Bikinifigur, aber knackig bleibt sie nur durch Sport. Stressabbau! Stress ist des Lebemenschen Feind, lauf ihm buchstäblich davon! Stärke dein Immunsystem, lauf auch den Viren davon! Und: Kranke Lebemenschen sind unglückliche Lebemenschen, also denk an das Glück! Sport schüttet Endorphine aus, beim Rennen sparst du dir das Geld für Rotwein!«

1. YOLTA_JvBS

Illustrationen: Josephine von Blueten Staub

Die gedankliche Ablenkung funktionierte genau einen ganzen Kilometer lang. Als die Runtastic-Tante erneut ihre Ansage machte (zwei Kilometer in dreizehn Minuten), war ich jedoch kurz vor einem Kreislauf kollaps. Die wallende Hitze in meinem Gesicht ließ mich unweigerlich an die roten Tomatengesichter der Jogger denken, und als ich dann auch noch mit den neuen Laufschuhen in einen dicken Hundehaufen trat, zerstörte sich die verbliebene Motivation von selbst.

Fünfzehn Minuten später ließ mich der Rotwein in der Lieblingsbar über den gescheiterten Versuch des Sportlich-Seins hinwegsehen. Ich war sogar vollkommen zufrieden, immerhin verdankte ich diesem Versuch drei neue Erkenntnisse:

  1. Ich bin ein Lebemensch und brauche keinen Sport, um glücklich zu sein.
  2. Rotwein ist mir lieber als ein Tomatenkopf.
  3. Dank schickem Outfit und neuem Halbwissen zum Thema Joggen kann ich zumindest anderen vormachen, sportlich zu sein.

Über Josephine Kluever

Erstellt: 07.08. 2015 | Bearbeitet: 24.11. 2016 12:54