Apr 2015 hastuPAUSE 0

Wütendes Trauern

Über 200 Menschen, darunter zahlreiche Studierende, gedachten auf dem hallischen Marktplatz den im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen.

Kann man die Trauer über den Tod von mehr als 1000 Flüchtlingen, die vergangene Woche auf dem Mittelmeer ertrunken sind, überhaupt noch in Worte fassen? Für die über 200 Menschen, die sich am Mittwochabend auf dem hallischen Marktplatz versammelten, stellte sich diese Frage nicht. Sie waren zusammengekommen, um den Geflüchteten zu gedenken, und bildeten einen großen Kreis. Dann schwiegen sie. Eine Minute lang.

Flashmob_Gedenken_an Flüchtlinge

Foto: Tobias Heller

Unter dem Motto »Wir schämen uns!« veranstaltete das Bündnis »NO Halgida – Für ein weltoffenes Halle« angesichts der verheerenden Katastrophe einen Flashmob. »Nicht erst seit gestern sterben Menschen aufgrund der restriktiven Flüchtlingspolitik seitens der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten auf der Suche nach einem besseren Leben. In letzter Zeit jedoch hat die Abschottungspolitik der EU und die entsprechenden Folgen ein völlig neues Level erreicht«, schrieb das Bündnis auf Facebook. Und forderte: »Das muss aufhören! Schluss mit dieser von Rassismen durchsetzten Abschottungspolitik!«

Die Resonanz war beachtlich: Erst am Montag war die Veranstaltung im sozialen Netzwerk erstellt worden, binnen 48 Stunden sagten mehr als 200 Nutzer zu. Und sie kamen auch. Ein paar von ihnen schrieben ihre Gedanken mit Kreide auf den Marktplatz. Darunter bekannte Demo-Slogans wie »Refugees are welcome here!« und »Kein Mensch ist illegal!« sowie »Abschottung tötet!« und »Menschen sollen nicht umkommen!«.

Gesprochen wurde aber auch noch. Allerdings weniger über Betroffenheit. »Trauern allein reicht nicht. Das einzige, was hilft, ist Wut«, sagte Benedikt Böhmer, Student an der Martin-Luther-Universität. Und: »Die EU tötet.« Marco Pellegrino, der den Flashmob für das »NO Halgida«-Bündnis moderierte, sprach von seiner persönlichen Ergriffenheit, aber auch davon, ein öffentliches Bewusstsein schaffen zu wollen. »Mich ärgert, dass immer noch in Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge unterteilt wird«, so Pellegrino. Eine andere Rednerin erinnerte an die Asylrechtsverschärfungen, über die der Bundestag am 8. Mai abstimmen will. Zuletzt kritisierte Lukas Wanke, ebenfalls Student an der Uni Halle, dass auch Unterstützer der Montagsdemonstrationen am Flashmob teilnahmen.

Die große Teilnehmerzahl zeigte, dass es auch in Halle immer mehr Menschen gibt, die die derzeitige Flüchtlingspolitik nicht mehr länger hinnehmen wollen. »Ich bin hier, weil ich meine Betroffenheit zum Ausdruck bringen will, aber auch, weil ich es schlimm finde, dass die Mitte der Gesellschaft so gleichgültig auf die Katastrophe reagiert«, sagte ein Student. Ein anderer betonte, dass die Seenotrettung auf dem Mittelmeer ausgebaut werden müsse. Und eine weitere Teilnehmerin fand es einfach nur »scheiße, dass man die Menschen einfach so ertrinken lässt«. Klare Worte, die mehr ausdrückten als nur Trauer. Nämlich Wut.

Über Max Zeising

Erstellt: 23.04. 2015 | Bearbeitet: 03.05. 2015 23:06