Aug 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 61 Rubrik 0

#wortfest

Ob nun über Alltägliches oder das Besondere, ob Poesie oder Prosa – mal lustig, mal ernst: Beim Poetry Slam kommen nicht nur Logophile auf ihre Kosten.

Foto: Riccardo Kirschig

Foto: Riccardo Kirschig

Der HALternativ e. V. veranstaltet regelmäßig »Regio Poetry Slams«, bei denen jeder aus der unmittelbaren Region des Austragungsortes teilnehmen und gegebenenfalls zum ersten Mal Bühnenerfahrung sammeln kann.

Für die Teilnehmer gibt es lediglich drei Regeln: Die Texte müssen selbst verfasst worden sein, das Zeitlimit von sechs Minuten gilt es möglichst einzuhalten, und außer dem Manuskript dürfen keine Hilfsmittel, wie etwa Requisiten, verwendet werden.

Am Ende einer jeden Rezitation erfolgt dann die Bewertung durch eine Jury. In der Vorrunde besteht diese aus zufällig ausgewählten Personen aus dem Publikum, die mithilfe von Jury-Karten eine Punktewertung zwischen eins und zehn vergeben, wobei die jeweils höchste und niedrigste Wertung gestrichen wird, um gegebenenfalls befangene Wertungen auszusondern. Im Finale besteht die Jury schließlich aus dem gesamten Publikum, das den Sieger des Abends mittels der Intensität des Beifalls für die einzelnen Künstler bestimmt.

Beim letzten Regio Slam in Halle am 8. Juni traten im »Objekt 5« sieben Teilnehmer gegeneinander an, um mitein­ander den Abend lyrisch und mit jeder Menge Wortwitz zu gestalten. Mit einer breiten Vielfalt an Themen wurden Stimmungen von unterhaltend bis nachdenklich abgedeckt: Vom WG-Leben und dem Leben der heutigen Generation generell – #yolo – über die Vergänglichkeit der Zeit und die Vergangenheit als Anhängsel der Gegenwart, bis hin zur Frage nach dem eigenen Selbst, oder der Erfüllung von Träumen.

Ebenso wurden Alltagsbeobachtungen besprochen, wie der leidliche Behördenwahnsinn und die Frustration an der Supermarktkasse, die ihre unfreiwillige Komik lediglich durch die geschickt gewählten Worte ihrer Beschreibung erhielten – selbstredend häufig mit Tendenz zur leichten Übertreibung. So fand auch das Absurde an diesem Abend Erwähnung und äußerte sich in einer grotesken Situation einer telefonischen Kinokartenbestellung, ohne Kinokarten zu bestellen, oder ganz simpel in einem Nacktmull mit Monokel und Cape als Gevatter Tod, der Menschen bei deren Partnersuche auf dem Friedhof die Weisheiten des Lebens vermittelt: »Lebe jetzt!« und »Zum letzten Gericht gibt es immer Spätzle!«

Das Publikum sah sich an diesem Abend der schwierigen Aufgabe gegenüber, zwischen einer ausgewogenen Mischung aus Lyrik und Prosa abzuwägen und ihren Favoriten zu bestimmen.

Als sich in der zweiten Runde schließlich die drei Finalisten Stefan, Sebastian und Ze Brisa gegenüberstanden und einige weitere ihrer Texte präsentierten, trat am Ende letztere als Gewinnerin hervor. Damit erhielt sie die Möglichkeit, beim »Schlagworte Poetry Slam« am 21. Juni 2015 im »Turm« gegen die erfahrenen überregionalen Slammer anzutreten.

Im Anschluss an ihre Siegerehrung sprach sie mit der hastuzeit resümierend über die Eindrücke des Abends und ihren Weg zur Poetry Slammerin.

Stell dich doch bitte ganz kurz vor.

Ich bin Isabel, studiere seit drei Jahren in Halle Deutsch als Fremdsprache sowie Deutsche Literatur und Kultur, arbeite auch an einer Sprachschule hier und bin allgemein Sprachen sehr zugetan.

Wie kamst du zum Poetry Slam?

Das war eigentlich eine Wette. Meine Mitbewohnerin wollte beim »Mikrofieber« (eine Art »SingStar« mit Liveband, Anm. der Red.) mitmachen, und ich sollte dafür bei »Kunst gegen Bares« mitmachen. So hat sich das dann irgendwie ergeben. Ich wollte das schon immer mal ausprobieren und hatte immer sehr viel Respekt für Künstler, die etwas auf der Bühne darbieten. Deswegen dachte ich mir, ich muss jetzt den Mut fassen und es auch mal ausprobieren.

Seit wann schreibst du Texte?

Das mache ich jetzt bestimmt schon, seit ich schreiben kann. Allerdings eben nicht für Poetry Slams, sondern um Gedanken festzuhalten, sodass ich mich viel mit Tagebüchern beschäftigt hatte. Ich würde sagen, seit circa zehn Jahren widme ich mich wirklich diesem »soziologisch geprägten« Schreiben. Also Beobachtungen niederzuschreiben, wie sich Menschen so verhalten, da ich das schon immer ganz witzig fand. Das habe ich aber immer eher als Hobby gesehen.

Du hast also nie geplant, deine Texte zu veröffentlichen?

Nein, eigentlich nicht. Das war meistens wirklich nur für mich, außer wenn ich hin und wieder mal für Freunde einen kleinen Text zum Geburtstag geschrieben habe. Ich hätte aber nie gedacht, dass meine Texte heute Abend so gut ankommen. Man ist ja immer auch ein bisschen selbstkritisch und weiß nicht so richtig, ob es gut genug ist oder nicht.

Es lief doch aber heute Abend auf jeden Fall sehr gut für dich.

Darüber bin ich jetzt auch erstaunt. Man weiß ja nie, gegen wen man so antritt, und es waren heute auch sehr gute Künstler hier. Mir haben eigentlich alle gefallen, und ich finde es generell sehr mutig, sich auf so eine Bühne zu stellen. Deshalb finde ich es immer ganz toll, wenn das andere auch machen.

Wie bereitest du dich auf den nächsten Auftritt vor?

In erster Linie ist das eine neue Motivation, Texte zu schreiben, weil ich gern wieder etwas Neues machen würde. Einen Text, den ich heute präsentiert habe, den hatte ich schon bei »Kunst gegen Bares«, weil ich mich mit dem ganz wohl gefühlt hatte. Aber jetzt ist der Antrieb doch da, nochmal zu schreiben und etwas Neues zu machen.

Geht das denn so kurzfristig, oder ist das eher an Stimmungen gebunden?

Naja, ich muss ein bisschen in der Stimmung sein und auch ein Thema für mich entdecken. Bei mir ist es aber auch verbunden mit so einem gewissen Stress. Wenn ich merke, dass der Auftritt näher rückt, dann lege ich noch mal richtig los. Man nimmt dann auch im Alltag noch mal ganz viele interessante Dinge wahr. Das Wichtigste ist einfach, dass man eben schreibt. Da kommt auch mal viel Mist dabei raus, aber wenn zehn Prozent davon gut sind, dann ist das doch schön. Jetzt wird es also ans Arbeiten gehen. Da freue ich mich drauf.

Du willst wissen, wann der nächste Poetry Slam in Deiner Nähe stattfindet? Alles über Termine, Möglichkeiten zur Teilnahme und Informationen rund um die Slams sowie weitere Veranstaltungen des Vereins findest Du unter:
http://halternativ.blogspot.de/
www.facebook.com/Halternativ

Über Riccardo Kirschig

Erstellt: 06.08. 2015 | Bearbeitet: 05.08. 2015 17:03