Jun 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 60 0

Was tun, wenn«s piept?

Es piept im Ohr. Tag und Nacht. Woche um Woche. Jahr für Jahr. 24 Stunden lang, ohne Unterbrechung: »Piiiiiieeeeeep«.

Tinnitus_Anne-Walther

Illustration: Anne Walther

So oder so ähnlich fühlt es sich an, wenn man an akutem Tinnitus leidet. Einem andauernden Geräusch, welches im Ohr zu hören ist, ohne dass von außen Schallwellen erzeugt werden, die einen solchen Hörreiz verursachen würden. Mit anderen Worten handelt es sich um eine auditive Störfunktion, die dem »Hörenden« den Eindruck vermittelt, ein konstantes Geräusch wahrzunehmen, das es eigentlich nicht gibt. Ein Geräusch, welches oftmals als unangenehm empfunden wird. Vor allem nachts, wenn man nicht schlafen kann, weil es ständig piept oder während der Prüfung, bei der man krampfhaft versucht, sich über den störenden Ton hinweg zu konzentrieren. Dabei kann das Störgeräusch vielfältige Formen annehmen und reicht von einem eklatanten Piepen, bis hin zu einem permanenten Pfeifen, beharrlichem Rauschen oder Knacken.

Was es bedeutet, ständig von einem solchen Geräusch umgeben zu sein, das weiß auch Matthias. Matthias ist 28 Jahre alt und ehemaliger Elektro- und Informationstechnikstudent der Universität Leipzig – und leidet an Tinnitus.

An einem zunächst unscheinbaren Tag zog sich Matthias während einer Schießübung mit dem befreundeten Schützenverein das leidvolle Quälgeräusch zu. Unglücklicherweise hatte man es versäumt, ihn darüber aufzuklären, dass während der Schießübungen ein Gehörschutz zu tragen sei beziehungsweise ihm einen solchen gar nicht erst zur Verfügung gestellt. Seitdem piept es ständig. Mal mehr, mal weniger wahrnehmbar. »Man muss sich das Geräusch wie ein hochfrequentes, sehr helles Pfeifen vorstellen – wie diese Apps, mit denen man Mücken vertreiben kann«, beschreibt Matthias den durch den Tinnitus verursachten Ton. Dabei hatte er ursprünglich noch nicht einmal Ambitionen gehabt, beim Tontaubenschießen mitzumachen, sondern eher aus Gruppengeist an der Freizeitübung teilgenommen. Das ist jetzt zwölf Jahre her. Damals war Matthias 16 Jahre alt.

Wie ein Ohrgeräusch entsteht, wurde bereits in dieser Ausgabe im Artikel »Schon gehört?« beschrieben. Im Regelfall ist das Gehirn in der Lage, aufnehmende akustische Störreize auszusondern. Wie kommt es aber zu solchen Anomalien im Bereich des menschlichen Hörvermögens?

Die Ursachen für die Entstehung des Tinnitusgeräusches sind vielfältiger Natur. So kann ein Knalltrauma, ein immenser Schalldruck wie der einer Schusswaffe, Explosion oder eines Knall- beziehungsweise Sprengkörpers, zur Schädigung des Hörorgans führen. Dabei muss der Auslöser jedoch nicht in jedem Fall zwangsläufig ein lautes, plötzliches Geräusch sein. Auch ernsthafte Erkrankungen, wie Mittelohrentzündungen oder Autoimmunerkrankungen, aber auch psychische Störungen können dahinter stecken. Intensivieren kann sich das Geräusch vor allem unter Stress, Alkoholeinfluss oder erheblichen Anstrengungen.

In Matthias Fall war es jedoch ein lauter Knall, der ihm den Tinnitus bescherte, verursacht durch eine 2-löchrige Schrotflinte, die er mit etwa 140 Dezibel in 15 cm Entfernung vom Ohr abfeuerte. »Beim Abfeuern der Waffe hörte es sich so an, als wenn ein Böller explodiert. Du hörst den Knall und dann ist es wie eine Überreaktion des Ohrs«, so Matthias Schilderungen. »Nach dem Schießen lag ich einfach nur sinnesberaubt auf der Wiese«, fügte er hinzu. »Selbst eine halbe Stunde später ging es nicht weg. Auch nicht, als ich zu Hause war. Da war es dann sogar beidseitig. Ich hatte Probleme, meine Mitmenschen zu verstehen und habe den restlichen Tag einfach nur geschlafen.«

Eine Woche später hat Matthias dann einen Ohrenarzt aufgesucht, der ein Knalltrauma diagnostizierte. Sein Hörspektrum kann nicht wieder im gleichen Maße hergestellt werden. Aber das hat ihm der Arzt zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesagt.

Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn es die ganze Zeit im Ohr piept? »Es nervt natürlich und ist in dieser Hinsicht irgendwie auch eine psychische Belastung. Es ist so, dass man nie Ruhe hat, also es ist immer etwas da«, meint Matthias. »Ansonsten hat man keine Empfindung, also keinen Schmerz, den man verspürt.« Vor allem am Anfang musste sich Matthias erheblich anstrengen, um seine Hörumgebung wahrzunehmen. Mittlerweile hat die Lautstärke des Tinnitus-Geräusches bei ihm ein wenig nachgelassen. Besonders wahrnehmbar ist das beharrliche Piepen jedoch, wenn es leise ist. Daher vermeidet Matthias Ruhe und Stille. Beim Einschlafen muss er sich immer die Kopfhörer seines MP3-Players in die Ohren stöpseln und ruhige Songs anhören, ein Versuch, um die Stille und somit das Fiepen zu bekämpfen oder wenigstens auf ein ertragbares Minimum zu reduzieren. Im Alltag selbst nimmt Matthias das ständige Geräusch jedoch weniger bewusst wahr, da er durch andere Sachen abgelenkt wird, welche ihn vermutlich davor bewahren, verrückt zu werden.

Aber nicht alle  Betroffenen sind in der Lage auf diese Weise mit dem Tinnitus umzugehen.

Im Extremfall kann Tinnitus zu psychischen Folgeerscheinungen, wie Schlafstörungen, Angst- und Depressionszuständen führen. Was logisch ist, wenn man sich die ganze Zeit einer Reizübersteuerung durch einen permanenten Piepton ausgesetzt sieht, ohne das Geringste dagegen ausrichten zu können, um dieses Geräusch zu unterbinden. Matthias hat also noch Glück, dass er ein starkes Nervenkostüm hat. Er hat sich mit seinem ständig fiependen Begleiter im Ohr abgefunden.

Doch nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Umwelt und Mitmenschen ist es eine Belastung. Viele fühlen sich oft ratlos und wissen nicht, wie sie mit den Betroffenen umgehen sollen. »Den meisten tut es sicherlich leid, wie es mit jeder Krankheit der Fall ist. Aber Mitleid hilft da letztendlich nicht viel«, schildert Matthias seine Erfahrung mit den Menschen, denen er von seinem Problem berichtet hat. Wichtiger als Mitleidsbekundungen ist ihm daher Toleranz und dass seine Situation in den entsprechenden Kontexten berücksichtigt wird. Gerade bei extrem starken Lärmbelastungen, wie man ihnen bei Partys, Konzerten oder Clubbesuchen ausgesetzt ist, schwillt das Geräusch sofort wieder erheblich an. »Von einem Diskobesuch habe ich länger was«, witzelt Matthias nur. Zu seinem Schutz ist Matthias daher immer mit einer Packung Oropax ausgerüstet anzutreffen.

Auf die Frage, inwiefern der Tinnitus sein Studium beeinflusst hat, kann Matthias jedoch keine eindeutige Antwort geben. Sowohl sein Abitur, als auch sein Studium hat er mit dem Ohrgeräusch durchlebt. An eine geräuschfreie Lernzeit kann er sich demnach gar nicht mehr bewusst erinnern. Von daher ist es, aus seiner Sicht, schwierig zu beurteilen, wie es ist, »hörfrei« zu sein. In Prüfungen selber aber habe ihn das Geräusch weniger beeinflusst, da er in Prüfungssituationen zu sehr auf die Prüfungsaufgaben fokussiert war, als dass er sich auf andere Einflüsse hätte konzentrieren können.

Im Verlauf der letzten Jahre hat Matthias schon viel versucht, um das Geräusch zu unterbinden. Da war natürlich die Ozontherapie, bei der Blut entnommen und mit Ozon beziehungsweise höherwertigerem Sauerstoff angereichert wird, aber auch die Ginko-Tabletten, die Matthias zu Beginn seines »Hörproblems« verschrieben bekommen hat. Nicht zuletzt hat er auch einfach versucht, nicht daran zu denken. Jedoch alles mit eher bescheidenem Erfolg, denn leider sind die Aussichten auf eine vollständige Heilung nicht sehr vielversprechend.

Dennoch hofft Matthias auf eine aussichtsreiche Therapieform, die ihn eines Tages wie eine Wunderwaffe vom Tinnitus befreien könnte. Vorerst hat er sich jedoch damit abgefunden, dass er sich bis dahin mit dem Geräusch dauerhaft arrangieren muss.

Über Anja Meironke

Erstellt: 09.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 20:40