Jan 2015 hastuPAUSE Nr. 58 0

Was macht die Kunst?

Welcome to the next level. Im Videospielmodus hinein in Halles Kunstwelt

Werke von Karla Zipfel (Atelier Oleariusstraße) Foto: Tobias Hoffmann

Werke von Karla Zipfel (Atelier Oleariusstraße)
Foto: Tobias Hoffmann

Tausend Euro für einen Haufen zusammengeklebten Müll von der Straße – eine sozialkritische Plastik.

Ein Dreieck in roter Farbe an die Wand gemalt. Hunderte Besucher nachdenkend, begeistert davor – ein Kunstwerk gegen den Zeitgeist.

Nicht verwegen zu behaupten, dass dies beim Gedanken an Kunst gängige Überlegungen sein mögen. Die Kunst ist oft ein Außenseiter, eher geduldet als beachtet. Musik dagegen, omnipräsent, erfassbar, tanzbar, attraktiv. Ein Leben ohne Musik nicht vorstellbar. Und die Künstler, die Kunsthochschule in Halle? Was verbindet man damit? Gute Partys ja, aber sonst? Schweigen. Doch es ist kein verneinendes, eher ein ahnungsloses, unwissendes. In Halle ist mit der Kunsthochschule Burg Giebichenstein eine europaweit anerkannte Institution beheimatet, 2015 feiert sie ihr hundertjähriges Bestehen. Es gibt zahlreiche Ateliers, Ausstellungen und Künstler. Also was macht die Kunst?

Elena Kirchhoff studiert Kunstpädagogik in Halle, sie hat sich dem verschrieben, was vielleicht noch schwieriger ist, als Künstler selbst zu sein: Wege und Möglichkeiten aufzeigen, Ideen geben, wie Kunst verständlich und erlebbar werden kann. Unvoreingenommen und unbedarft mit wissender Begleitung einen Streifzug zu unternehmen, das ist der Plan. Wie sich in den kommenden Wochen zeigt, öffnet dieses Zusammenprallen auch den einen oder anderen Denkkanal.

»Bestes Museumswetter haben wir ja heute.«

Feucht, frisch, gar nicht mal zu dunkel und doch irgendwie ungemütlich. Es ist ein typischer Novembernachmittag, als wir zu unserem ersten Rundgang durch Halles Kunstszene aufbrechen. Mit Fahrrädern geht es in Richtung Glaucha-Viertel, Ziel ist das Künstlerhaus 188. Sozusagen eine bedrohte Spezies in Halle. Um der HAVAG die Streckenführung zu erleichtern, soll das Gebäude abgerissen werden. Zu sehen gibt es die Ausstellung der diesjährigen Künstlerhaus-Stipendiaten. Für den Neuling ist es das erste Level: Ein Tutorial sozusagen. Man betritt einen hohen, hellen Raum. Manches weckt sofort Interesse, anderes scheint Vorurteile zu bestätigen. Erster Blick zu Elena, was beobachtet sie? Überraschung, denn der Blick richtet sich erst einmal auf das große Ganze: die Raumkomposition. Der Raum ist nicht in jeder Hinsicht perfekt. Türen stören, die Aufhängung ist hier und da merkwürdig. Noch häufig wird überraschend sein, wie tief schon in der Anordnung gedacht werden kann und wird.

»Es gibt verschiedene Arten, sich eine Ausstellung anzusehen. Links herum oder aber wie eine Hummel: man geht dorthin, wo es interessant aussieht, lässt Dinge aus, kehrt um.«

Hummelartig sehen wir uns die Exponate an. Die simplen, geometrischen Vierecke irritieren. Doch siehe da, es versteckt sich mehr dahinter. Viel eher als um das Ergebnis geht es hier um die Methodik. Es handelt sich um eine Lithographie, einen Steindruck. Methoden erproben. Künstler und Chemiker in ihren Arbeitsprozessen verwandt, auch wenn die Ergebnisse grundverschieden sein mögen? Die Verknüpfungen gehen weiter. Lithographie beruht darauf, dass sich Farbe an fettliebenden Stellen sammelt, andere Stellen sind fettabweisend und damit auch für die Farbe ungeeignet. Der Chemiker würde hier Begriffe wie lipophil und hydrophil verwenden. Auf diesem Prinzip ist jede Zelle des Körpers aufgebaut.

»Ich mag auch Ausstellungen, die wie Videospiele aufgebaut sind, man ist noch nicht um die Ecke gegangen, lugt aber schon, folgt vielleicht sogar einem Sound, wird angelockt.«

Werkschau "Habitat" der Klasse Bildhauerei/Figur im Volkspark. Foto: Tobias Hoffmann

Werkschau »Habitat« der Klasse Bildhauerei/Figur im Volkspark.
Foto: Tobias Hoffmann

Level zwei heißt Freiraumgalerie. Diese ebenso beeindruckende wie geniale Werkschau besteht aus Hausfassaden. Graffiti-Künstler haben hier das Wohnviertel mit dem malerischen Namen »Freiimfelde« in der wenig malerischen Gegend hinter dem Bahnhof zu ihrer Leinwand auserkoren. So schmücken zahlreiche Häuserwände außergewöhnliche, riesige und aufwendige Graffitis.

»Die Galerie ist ein toller Kunstkommunikator. Es entsteht ja sofort Kommunikation mit den Anwohnern, alles passiert auf der Straße, jeder kann sich selbst mal probieren, zuschauen und Fragen stellen.«

Illegal sind die teils sehr nachdenklich machenden Werke hier nicht entstanden, vielmehr als Teil eines Konzepts und eines Vereins, der diese Gegend beleben möchte. In Events organisierte die Trägergruppe Workshops, brachte Anwohner und Künstler zusammen, ermöglichte so Austausch und bot auch ein Kinderprogramm an. Anfangs noch kritische Anwohner zeigten mit den Jahren mehr Interesse, und so ergaben sich auch neue »Leinwände« für die Künstler. Die Freiraumgalerie kann also wachsen. Kunst also, die ganz anders ist als der Stereotyp, stets Veränderungen unterworfen und unter freiem Himmel.

»Das Schöne an Kunst ist, wenn sie dich dazu bringt, stehen zu bleiben.«

Stehen bleiben lohnt sich am Kiosk »hr. fleischer« direkt am Reileck. Ein geheimes Bonuslevel: Im Windschatten der emsigen Pizzalieferanten gedeiht hier ein besonderer Fleck Kunst. Kioske sind aus den Städten weitgehend verschwunden, Hr. Fleischer aber steht noch. Seine Miete wird vom Verein »hr. fleischer« getragen. Was dort zu sehen ist, unterscheidet sich über das Jahr. Prinzipiell jeder darf sich dort verwirklichen. Eine Bühne für all jene also, die ihre Arbeiten präsentieren wollen oder ein Projekt verwirklichen möchten, der Verein ist aufgeschlossen auch gegenüber Arbeiten von Studierenden. Vielleicht der perfekte Platz, der Kunst in all ihren Formen einen kurzen Moment Zeit zu geben. Mit Gedanken über Spätis und Kioske ist es dunkel geworden. Es vertreibt nach drinnen.

Beispiel eines für die Ausstellung modifizierten Exponates. Foto: Tobias Hoffmann

Beispiel eines für die Ausstellung modifizierten Exponates.
Foto: Tobias Hoffmann

»Wann ist etwas fertig? Eine interessante Frage.«

Der Volkspark an der Burgstraße ist nicht nur Ort besonderer Partys, sondern dient auch als Präsentationsfläche. Häufig veranstaltet hier die Kunsthochschule Burg Giebichenstein Ausstellungen. Die Werkschau Habitat der Klasse Bildhauerei/Figur enthält verschiedenste Objekte. Einige sind neu angefertigt, manche sind für die Ausstellung verändert worden, manche existierten schon länger, aber kann ein Kunstwerk überhaupt fertig sein?

Die Klasse hat sich ausgetobt, viele verschiedene Arbeitstechniken sind versammelt. Auch hier wird offenbar, wie unterschiedlich man Dinge ansehen kann, da erinnert ein Druck schon mal an die Kernspin-Gehirnaufnahmen aus der letzten Vorlesung. Ob der Schaffende daraus wohl einen neuen Gedanken entwickeln könnte? In Level vier beginne ich bereits nach neuen Zusammenhängen und Verknüpfungen im Spiel »Kunst entdecken« zu suchen. Im Volkspark ist der videospielartige Ausstellungsbesuch besonders ausgeprägt. Einerseits lädt die verwinkelte Architektur dazu ein, andererseits teilen die Aussteller den Raum ganz verschieden ein, öffnen ihn wieder und experimentieren auch mit Geräuschen. Die gesamte Ausstellung von Planung, Konzeption bis Aufbau und Führungen ist von der Klasse organisiert. Aus den eigenen Reihen wurden Kuratoren bestimmt. Zehn Tage durchgearbeitet habe man, erzählt eine Ausstellerin. Der Schaffensalltag eines Ausstellers sei zuweilen sehr intensiv, meint Elena, man gehe morgens in die Werkstatt und komme abends wieder heraus. Kaum anders, als gäbe es eine Hausarbeit abzugeben. Platz haben im Volkspark aber auch andere, nicht studentische Ausstellungen, wie zeitgleich etwa jene über orientalische Teppichknüpfkunst.

»Wenn man Kunstpädagogik macht, verbindet man mit manchen Werken gar nicht immer nur den künstlerischen Aspekt. Manchmal ist es auch einfach ein bestimmter Moment, wie etwa ein Kind auf ein Gemälde reagiert.«

Ganz anders als der Volkspark wirkt die Moritzburg. Geordneter, Kopfhörer erlauben Hintergrundinfos, alles ist musealer. Nach den wilden, experimentierfreudigen studentischen Arbeiten konfrontiert dieses Level mit einem kleinen Weltenwechsel. Neben berühmten Werken expressionistischer Maler sind es die architektonischen Reize, die Levelgestaltung, die den Besuch aufregend macht. Trotzdem bleibt am Ende das Gefühl, dass die Moritzburg irgendwie eher das Klischee von Kunst vermittelt, während die verschlungenen Gänge anderswo lebhafter sind.

Arbeitsplatz im Atelier. Foto: Tobias Hoffmann

Arbeitsplatz im Atelier.
Foto: Tobias Hoffmann

Für das Endlevel steht der Besuch des Ateliers der Kunstpädagogen an. Durchnässt vom strömenden Regen Ankunft in der Oleariusstraße 9. Mieter ist die Klasse selbst, und viele haben ihr eigenes persönliches Arbeitsreich im Haus eingerichtet. Bei Tee und Kaffee wird hier in Gemeinschaft gearbeitet und diskutiert.

»Man darf überall rein, man muss sich nur trauen.«

So auch das Motto des Ateliers, das jedem Besucher offen stehen möchte, der sich interessiert für Kunst, Pädagogik oder eine Projektidee hat. Erneut sind alle Techniken versammelt. Von Installationen über Fotoarbeiten bis zur Buchkunst. Selbst Tierpräparationen werden einbezogen. Erneut ist die Atmosphäre des Ausprobierens, Drauf losmachens zu spüren. Aufbruchstimmung. Die Ideen sind vielfältig und aktuell. Wer sich heute mit Schriften beschäftigt, tut das wohl über das Smartphone. Warum also nicht ein Gedicht in den Strichmustern abbilden, die der Finger beim Tippen der Wörter auf dem Display hinterlässt?

Auf dem Heimweg ist es wieder dunkel geworden, da fällt der Blick auf ein zuvor leer stehendes Ladenobjekt. Jetzt ist es hell erleuchtet, innen werden Gemälde präsentiert. Leerstand wurde mit Farbe gefüllt, die Kunst hat auch hier wieder Leben eingehaucht. Ein ermutigender Gedanke. Wäre dies auch schon vor einigen Wochen aufgefallen? Vielleicht hat das Videospiel Kunst das erreicht, was jedes Videospiel erreichen möchte. Süchtig zu machen.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet hier aktuelle Informationen:

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 23:59