Okt 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 62 Rubrik 0

Wann ist ein Mann ein Mann?

Vom Feinripp zum Feingeist: Männer suchen nach einer neuen Identität

»Die Emanzipation ist tot!« ruft es aus der Ecke. Eine Gruppe Männer am Nachbartisch grölt, jeder den wer-weiß-wievielten Humpen Bier vor sich, mitten in unsere durch den Wein etwas lebhafter gewordene Diskussion. »Jetzt reicht es langsam mit der Gleichberechtigung!« fügt einer der vermeintlich harten Kerle rülpsend hinzu. Was nach einem einmaligen Erlebnis klingt, entspricht dem Wunsch erschreckend vieler Männer. Dass die Diskussion um Geschlechterrollen in Gesellschaft, Beruf und Familie noch lange nicht geklärt ist, sollte allseits bekannt sein. Doch während die Öffentlichkeit darüber spricht, ob und wie Frauen nach Unabhängigkeit streben, verliert der Herr der Schöpfung sein sicheres Bild als Ernährer der Familie, Held des Marmeladengläser-Öffnens und Familienoberhaupt – die Stabilität des Rollenbildes ist verloren gegangen.

Illustration: Katja Karras

Illustration: Katja Karras

Denn für dieses neue, emanzipierte und unabhängigere Wesen der Frau, das nicht mehr von Vormündern wie Vater oder Bruder beherrscht und für zwei Kamele und eine Ziege verschachert wird, muss ein neues Männerbild her. Die einsamen Kämpfer, die als letzte ihrer ehemals gewaltigen Armee im Geschlechterkampf Rücken an Rücken fechtend übrig geblieben sind, müssen fürchten, jeden Moment von der Frauenquote überrollt zu werden. Doch der Mensch ist ein Meister der Anpassung, und nachdem Frauen feststellten, dass sie sehr wohl auch hervorragend ohne Mann leben können, wenn ihnen dieser nicht passt, musste man(n) sich an seine evolutionären Glanzleistungen erinnern. Mit einem Fingerschnipsen verwandelte sich der rülpsende, biertrinkende Gorilla in eine gewachste Antilope. Zierlich, schmächtig und unschlagbar androgyn. Das dreckige Feinrippunterhemd wich einem taillierten T-Shirt, das mit seinem Ausschnitt bis zum Bauchnabel so manchen Frauenoberteilen starke Konkurrenz macht, und der löchrige, kaum mehr als Hose zu identifizierende Stofffetzen wurde durch derart enge Röhren-Jeans ersetzt, dass man sich bei ihrem Anblick instinktiv fragen muss, inwieweit die dadurch entstehenden Quetschungen die nächsten Generationen der Weltbevölkerung beeinträchtigen werden.

Der neue Mann ist zur Kopie der Frau geworden – hochsensibel und mindestens genauso eitel. Vorbei ist es mit den barbarischen Wettkämpfen, die zum Eintritt ins »Mannesalter« bestritten werden müssen – damit zerstört man sich nur die Frisur. Während die Frau sich das Recht erkämpft, stark und schwach, schöngeistig und bescheiden sein zu dürfen, sucht der Mann zwischen allmorgendlichen, zweistündigen Schönheitsritualen und Raufereien auf dem Bolzplatz weiterhin nach seiner Identität. Für die Gesellschaft muss er einfühlsam sein – aber bitte nicht zu gefühlsduselig! –, stark – aber nicht zu aufgepumpt! – , intelligent – aber nicht abgehoben! –, ein sich Zeit nehmender Familienvater – aber doch kein Weichei! Die Zeiten der einfachen Rollenfindung sind dahin, es gilt: Rette sich, wer kann. Es muss eine Existenzberechtigung abseits des familienernährenden Patriarchen gefunden werden, unabhängig von den gesellschaftlichen Anforderungen an die modernen Frauenrollen. Schließlich erschuf Gott nicht deshalb beide Geschlechter, weil er dachte »Das erste Mal ist es nichts geworden, nächstes Mal mache ich es besser« und weil Nicht-Recyceln eine Sünde ist, sondern weil die Gegenwart des anderen erfrischend und – Himmel, hilf ! – ergänzend ist. Weder ein Leben als Peter-Pan-Macho noch als ultrasofter, weiblich anmutender Schönling scheint eine schnelle Lösung bieten zu können.

»Isch lüb eusch!« brüllt einer der Gorillas seinen Kumpanen zu, während sie seinen massigen Körper in Richtung Toilettentür zu schleifen versuchen. Als Antwort erhält er ein paar liebevolle Klapse auf den Hinterkopf. Schöne neue Welt.

Über Christine Unsicker

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Erstellt: 14.10. 2015 | Bearbeitet: 10.10. 2015 23:28