Aug 2015 hastuUNI Heft Nr. 61 Rubrik 0

Von Fußballweltmeisterschaften und Hochschulwahlen

Was der Nicht-Angriffspakt von Gijon mit dem Hochschulwahlsystem zu tun hat.

Illustration: Eva Feuchter

Illustration: Eva Feuchter

Fußballfans kennen sicherlich den Nicht-Angriffspakt von Gijón. Bei der Weltmeisterschaft 1982 standen sich Österreich und Deutschland im letzten Vorrundenspiel ihrer Gruppe 2 gegenüber. Da das andere Gruppenfinale zwischen Chile und Algerien bereits am Vortag stattgefunden hatte, konnte man sich auf deutscher wie auf österreichischer Seite ausmalen, bei welchem Spielergebnis beide Mannschaften weiterkommen würden. Bis zu diesem Zeitpunkt war für Algerien, Deutschland und Österreich ein Weiterkommen möglich. Tatsächlich sicherte eine frühe deutsche Führung von 1 : 0 beiden Mannschaften das Weiterkommen –
unabhängig vom Ergebnis des vorhergegangenen Spiels. Und tatsächlich blieb es beim 1 : 0; beide Mannschaften kamen weiter, und Deutschland verlor im Finale 3 : 1 gegen Italien. Der Rest ist Geschichte.

Was hat das mit Hochschulwahlen zu tun? Zunächst verdeutlicht dieses Beispiel, dass Ergebnisse immer pfadabhängig sind. Hätte die damalige Regelung beispielsweise vorgesehen, beide Spiele parallel laufen zu lassen, hätte das Spiel zwischen Österreich und Deutschland ein deutlich anderes Ergebnis haben können. Ebenso pfadabhängig sind Wahlergebnisse – also auch Hochschulwahlergebnisse. Wie aus Stimmen eine Verteilung von Mandaten wird, ist eine zugegebenermaßen trockene, aber gewichtige Frage der Wahlrechtsforschung. Die Art der Verrechnung hat großen Einfluss darauf, wie letztlich Mandate in Gremien (ob Bundestag, Landtag, Stura, FSR oder Senat) verteilt werden. Damit stellen sich auch relativ schnell Fragen, wie gerecht die Sitzverteilung ist. Im Folgenden soll an zwei kurzen Beispielen erklärt werden, welche Gerechtigkeitsprobleme bei der Stimmverrechnung in Halle auftreten können. Die folgenden Erörterungen gelten grundsätzlich für alle Gremien (Stura, FSR, Senat und Fakultätsräte). Bei Gremien, die in verschiedenen Wahlbereichen gewählt werden (Stura, Senat), ist der jeweilige Wahlbereich die Bezugsgröße.

Im Folgenden wird mit den Begriffen Verhältnis- und Mehrheitswahl gearbeitet. Verhältniswahl bedeutet abstrakt, dass jeder Liste so viele Sitze zustehen, wie sie Stimmen erhalten hat (zum Beispiel hat Deutschland primär ein Verhältniswahlsystem). In Mehrheitswahlsystemen werden Personen gewählt, und diejenigen, die die meisten Stimmen haben, erhalten ein Mandat (zum Beispiel Großbritannien). Letzteres kann zu starken Abweichungen beim Verhältnis von Stimmen und Mandaten führen, wie unten noch gezeigt wird.

Nach Verhältniswahl wird gewählt, wenn 1. das zu wählende Gremium mindestens drei Sitze umfasst und sich 2. mindestens doppelt so viele Kandidaten bewerben und 3. sich mindestens zwei Listen um diese Plätze bewerben. Das bedeutet, dass die Stimmen jedes Wahlvorschlages zusammengezählt werden und dann jeder Wahlvorschlag Sitze proportional zu seiner Wählerzahl erhält. Wenn beispielsweise von 60 Studierenden 20 Gruppe A wählen und 40 Gruppe B, wäre zu erwarten, dass bei neun Sitzen sechs auf B und drei auf A entfallen. In Halle entspricht die Stimmanzahl der Wähler den zu vergebenden Sitzen (bei der Wahl zum Stura zählt dabei beispielsweise die Sitzzahl des eigenen Wahlbereichs). Wenn aber Gruppen weniger Kandidaten aufstellen, als insgesamt Sitze zu vergeben sind – was der Regelfall ist –, dann kann sich jeder Wähler folgende Frage stellen: Möchte ich, dass meine Stimme weniger zählt als die aller Anderen (denn nur die Kreuze, die ich mache, zählen); oder möchte ich, dass meine Stimme zwar voll zählt, ich aber dafür Kandidaten wählen muss, die ich nicht wählen wollte, weil dies die Chancen der Kandidaten, die ich wirklich wollte, schmälert? Dieser Interessenkonflikt hat auch Auswirkungen auf die Verteilung. Nehmen wir das obige Zahlenbeispiel und nehmen an, dass Gruppe A sechs und Gruppe B zwölf Kandidaten aufstellt. Dann würde jeder Wähler von A seine sechs Stimmen an Kandidaten von A verteilen und entweder seine restlichen drei Stimmen verfallen lassen oder diese der konkurrierenden Gruppe B geben. Nehmen wir an, die Wähler lassen ihre Stimmen verfallen. Dann ergibt sich folgendes Ergebnis: Wahlvorschlag A hat 6 × 20, also 120 Stimmen und Wahlvorschlag B hat 9 × 40, also 360 Stimmen. Umgerechnet in Mandate ergibt das: sieben Sitze für B und nur zwei Sitze für A. Das widerspricht unserem intuitiven Gefühl für Gerechtigkeit. Der Grund dafür liegt in der Kandidatenzahl, kombiniert mit der Möglichkeit des Panaschierens (die Möglichkeit, mehrere Stimmen frei zu verteilen), ohne dabei vollständig kumulieren zu können (die Möglichkeit, mehrere Stimmen auf einen Kandidaten zu vereinigen). Dadurch wiegt jede Stimme eines Wählers von B 1,5-mal so viel wie der Wähler von A. Hier sieht man das Beispiel noch einmal graphisch aufbereitet.

grafik 1_Daniel Hellmann

Es geht noch abstruser. Wenn die eingangs genannten Bedingungen nicht auftreten, findet eine Mehrheitswahl statt. Mehrheitswahlen sind dafür bekannt, dass sie keine proportionalen Ergebnisse erzeugen. Wenn es um eine Wahl einer Person für ein Amt ginge und Kandidat C hätte 49 % der Stimmen und Kandidat D 51 % der Stimmen, wäre es durchaus gerechtfertigt, dass nur D gewinnt. Wenn allerdings mehrere Sitze zu vergeben sind, hätte auch die Wählerschaft von C und damit auch Kandidat C Berücksichtigung finden müssen. Wenn an unserer Hochschule Gremien nach Mehrheitswahl besetzt werden, kann das Ergebnis bereits vor dem eigentlichen Wahltag feststehen. Folgendes Beispiel: Ein Gremium von zehn Leuten soll besetzt werden. Zwei Wahlvorschläge treten an – E mit zehn Kandidaten und 51 Wählern und F mit neun Kandidaten und 49 Wählern. Die Fairness würde gebieten, dass mindestens ein Kandidat von F gewählt wird. Allerdings ist das nicht der Fall. Jeder E-Kandidat erhält 51 Stimmen, und damit hat jeder Kandidat von E mehr Stimmen, als die Kandidaten von F. Da bei der Mehrheitswahl die Kandidaten, die die meisten Stimmen erhalten haben, gewählt sind, ergibt sich folgende Sitzverteilung:

grafik 2_Daniel Hellmann

Grafiken: Daniel Hellmann

Wenn die erwartungsgemäß stimmstärkste Gruppe genug Kandidaten stellt, steht das Wahlergebnis bereits vor dem Wahltag fest. Hier zeigt sich wieder die Parallele zum Nicht-Angriffspakt von Gijón: Algerien konnte trotz des Sieges nichts dagegen ausrichten, dass Österreich und Deutschland sich die sicheren Plätze aufgeteilt hatten.

Infolge des Nicht-Angriffspaktes von Gijón wurde das WM-Regelwerk so angepasst, dass die beiden letzten Spiele einer Gruppe parallel stattfinden müssen, was eine Orientierung an den Ergebnissen der anderen Spielgruppe stark erschwert. Es ist möglich, als problematisch erkannte Strukturen zu ändern. Ein Wahlsystem, das solche widersinnigen Verteilungen produzieren kann, ist höchst fragwürdig. Eine Debatte an der Uni wäre nötig, damit bei der nächsten Wahl solche Defekte nicht mehr auftreten können.

Daniel studiert Politikwissenschaft und trat bei den diesjährigen Hochschulwahlen auf Wahlvorschlägen der Liberalen Hochschulgruppe an.

Über Daniel Hellmann

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Erstellt: 06.08. 2015 | Bearbeitet: 05.08. 2015 10:00