Jun 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 60 0

Von der Bummel- zur Lumpenmeile

Während es in der Gegend rund ums Paulusviertel eine Vielfalt von Cafees und außergewöhnlichen kleinen Läden gibt, veröden die Haupteinkaufsstraßen, insbesondere die Große Ulrichstraße und die Leipziger Straße, zunehmend. Die Hastuzeit hat dazu bei Geschäftsinhabern als auch bei Passanten nach möglichen Ursachen dieser Entwicklung gefragt.

v.d

Foto: Katja Elena Karras

Jedem, der durch die Fußgängerzone in der halleschen Innenstadt läuft, dürfte es, besonders in den letzten Monaten, vermehrt aufgefallen sein. Hauptakteure hier: Oft wechselnde Geschäfte, die sich kaum mehr als ein halbes Jahr halten um schließlich traurig gescheitert dem Nachfolger den Stab zu übergeben und leere, einsame Schaufenster zurücklassen. Mittlerweile dominieren in der Großen Ulrichstraße hauptsächlich Läden großer Ketten, die viel Ware extrem günstig anbieten, wie »Woolworth« und der kürzlich eröffnete »Tedi«. Geschäftsräume in zentraler Lage liegen hier oft Monate oder länger brach wie zum Beispiel die Räumlichkeiten der vor nun mehr als einem Jahr geschlossenen »McDonalds»«– Filiale.

Die Verödung der Städte ist ein nicht unbekanntes Problem, das vor allem im Osten Deutschlands ein Problem darstellt. Auch Städte wie Dessau oder Magdeburg besitzen eine schwache Infrastruktur in ihren zum Teil wenig existenten Einkaufsstraßen. Hier gibt es ebenfalls flächendeckend nur eine geringe Vielfalt an Geschäften und es dominieren große Ketten.

Aber Halle ist, neben Jena, eine der größeren Städte im Osten in der sich, auch durch die unmittelbare Nähe zu Leipzig, viel Potential verbirgt. Junge Menschen aus ganz Deutschland kommen zum Studieren – und gehen.

Doch obwohl die Universitätsstadt Halle mit einem Anteil von über 19.000 Studenten auf gut 230.000 Einwohner viel junges, innovatives Potential birgt und auf der städtischen Internetseite viele Kulturangebote beworben werden, möchte doch scheinbar niemand in Halle bleiben. Im Gegensatz zum nur halb so großen Jena sind die Bevölkerungsprognosen des statistischen Landesamtes Sachsen – Anhalt der nächsten Jahre für Halle  zunehmend negativ. Warum boomt die eine Saalestadt während die andere verödet, wo Halle soviele Möglichkeiten aufzeigt, wie es funktionieren kann (siehe die Gebiete Paulusviertel und Reileck, in denen es auch eine Vielzahl von kleinen Geschäften gibt).

Doch besonders die innerstädtischen Boutiquen, die Kleidung in mittlerer Preisklasse anbieten, haben es schwer und schließen eine nach der anderen. Der Inhaber eines der Bekleidungsläden erklärt, was aus seiner Sicht dazu führt, dass sich die Läden hier nicht über längere Zeit halten können. »Der Wert von Kleidung an sich ist generell stark gesunken. Das heißt, die Menschen geben ihr Geld nicht mehr für hochwertigere Klamotten aus, weil sie so viele andere Prioritäten, wie teure Handys und Fernseher, setzen«. In Halle sei außerdem das Angebot an Billigläden so groß, dass vereinzelte Läden mit höheren Preisen den Eindruck erweckten, komplett überteuert zu sein. Dass in den meisten Fällen auch qualitativ hochwertigere Produkte angeboten würden, rücke so in den Hintergrund, meint der Ladeninhaber. Mittlerweile habe sich sogar unter den Händlern in Halle der Slogan »Von der Bummelmeile zur Lumpenmeile« als passende Bezeichnung insbesondere für die Große Ulrichstraße eingebürgert.

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Foto: Katja Elena Karras

Vor einem Jahr hat er das Geschäft eröffnet, nun steht der Ladeninhaber schon vor dem Aus. Dass sich, seit er seine Schilder mit der Aufschrift »Räumungsverkauf»« an die Fenster gehängt hat, der Umsatz verdreifacht hat, bestätigt nur das minderwertige Kaufverhalten, dass er dem Großteil der Gesellschaft attestiert. »Menschen mit höherem Einkommen bietet Halle als Stadt einfach so wenig, dass sie entweder die Stadt verlassen oder aber in Leipzig oder umliegenden Einkaufszentren einkaufen«. Auch das Stadtbild, mit unsanierten Häusern mitten in der Innenstadt und dem hohen Bettleraufkommen macht er für die Fluktuation verantwortlich. Der Händler gibt, wie viele mit ihm, Halle als Geschäftsstandort auf. Natürlich hat kein Ladeninhaber Freude an dem permanenten Überlebenskampf.

Doch auch die Einwohner finden es schade, dass die Vielfalt an Geschäften in Halle zunehmend schwindet. »Wirwohnen schon immer in Halle, es gab zwar noch nie so viele Geschäfte. Aber es sind in letzter Zeit auf jeden Fall weniger geworden«, sind sich Sabrina (24) und Magda (31), die auf dem Weg zur Arbeit in der Fußgängerzone unterwegs sind, einig.

Thomas (26) studiert in Halle. Er meint: »Wenn ich mal Geschenke oder Kleidung kaufen muss, fahre ich eigentlich immer nach Leipzig. In Halle gibt es überhaupt keine Auswahl. Ich laufe eigentlich immer nur durch die Fußgängerzone, wenn ich zum Bahnhof muss und nie um durch die Geschäfte zu gehen«.

Aber wenn sich doch alle einig sind, wieso wird dann der Verfall der Stadt nicht aufgehalten ?

So steht auf jeden Fall fest: Wenn es mit Halle weiterhin bergab geht, dann hat die Stadt in zwanzig Jahren viel zu viel ihres eindeutig vorhandenen Potentials verschwendet. Und das wäre doch, für Einwohner, Ladeninhaber und Studenten, sehr schade.

Über Franziska.Lang

Erstellt: 09.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 21:12