Mai 2015 hastuUNI Heft Nr. 60 0

Viel Wirbel um Nichts

Ein ungewöhnliches Seminar zu einem noch ungewöhnlicherem Thema oder warum das Universum zu 87,3 Prozent aus Schafskäse besteht.

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Professor Dr. Pablo Pirnay-Dummer, Foto: Paul Thiemicke

Es ist Dienstagabend. Aus den Fenstern im vierten Stock kann man die angrenzenden Dächer überblicken, auf welche die Sonne, dank der europäischen Sommerzeit, noch immer fast unvermindert ihre Strahlen ergießt. Doch in dem hochgelegenen Raum der Franckeschen Stiftungen sieht es ganz anders aus: Hier wird einer rätselhaften, erstaunlichen Materie auf den Grund gegangen, werden die Höhen zwischenmenschlicher Kommunikation ebenso wie die Tiefen der Seele ergründet. Die circa fünfzehn in einem Stuhlkreis versammelten Studenten sind Teilnehmer eines äußerst ungewöhnlichen Seminars – ein Seminar über Nichts.

Der Initiator dieser Veranstaltung ist Professor Dr. Pablo Pirnay-Dummer, zurzeit Vertretungsprofessor des Lehrstuhls für pädagogische Psychologie an der MLU. Mit angenehm ruhiger Stimme, ausholenden Gesten und einem obligatorischen kleinen Augenzwinkern führt er die Studierenden an die Grenzen der Wirklichkeit – zumindest in didaktischer Hinsicht: »[Ich wollte] eine große Initialverwirrung erzeugen, hinsichtlich dessen, was noch akademisch, was noch wissenschaftlich sein kann und auch eine Verwirrung dessen, was in so einer Veranstaltung alles passieren kann.«

In der heutigen Sitzung steht das Missverständnis im Vordergrund. Der aufmerksame Teilnehmer lernt, dass die Kommunikation zwischen zwei Personen keineswegs reibungslos abläuft. Im Gegenteil: am gegenseitigen Verständnis gemessen, missverstehen wir uns eigentlich ständig. Man versteht nicht, was der andere wirklich von einem will – und gerade durch diesen interpretativen Spielraum des Einzelnen entsteht eine tiefere Bedeutung. »Das Missverständnis ist der Motor der Bedeutung«, meint Professor Pirnay-Dummer.

Solche wuchtigen theoretischen Brocken werden allerdings wieder durch deutlich unkonventionelle Übungen und Methoden ausgeglichen. Ob man nun den »Jabberwocky« von Lewis Caroll bestaunt oder zur Verdeutlichung der Diskrepanz zwischen Forschung und Alltagsverständnis mit dem beunruhigend hohen Schafskäseanteil des Universums konfrontiert wird – charmant  und zugleich leicht skurril taucht die Seminargruppe in die Geheimnisse des Nichts ein.

Dennoch – das Vermittelte ist mitunter schwere Kost. Das Nichts als nichtssagend-frivoles Vergnügen? Fehlanzeige. »Es ist nicht nur unbedingt ein Schenkelklopfer-Seminar, sondern es geht auch um schwere Inhalte. Die Teilnehmer haben in diesem Seminar einen deutlich höheren Arbeitsaufwand als in anderen Seminaren.«

Das »Seminar über Nichts« ist kein ASQ, man bekommt keine Note, keine ECTS-Punkte. Es nützt (wahrscheinlich) nichts für Beruf und Karriere. Warum also opfern Studierende und Dozent Woche für Woche einen Abend, die Vorbereitung des Materials und »Hausaufgaben« nicht mit eingerechnet?

Die Antwort liefert Professor Pirnay-Dummer: »Ich sehe es als wichtigen akademischen Beitrag und ich wollte auch viele Menschen, die ein solches Interesse noch aufbringen, bedienen und ihnen etwas anbieten, wo sie nicht nur über den Tellerrand hinausgucken können, sondern auch einfach mal komplett den Teller verlassen können.«

Darum geht es bei dem Seminar: Über den Tellerrand hinwegschauen, den Teller verlassen, neue Perspektiven zu erkunden, die einem nur die Betrachtung des Nichts bieten kann. Die interdisziplinär angelegten Themenschwerpunkte öffnen den Blick auf das Innerste des menschlichen Geistes – besonders des eigenen. Oder wie Professor Pirnay-Dummer es formuliert: »Es geht um akademische Inhalte, deren Reflexion und um einige Selbsterfahrungen.«

Außerdem ist das Seminar keine gewöhnliche Lehrveranstaltung. Zwar » [ist] es auch, in vielerlei Hinsicht, eine ganz klassisch ablaufende Lehrveranstaltung. Die hat einen Anfang und ein Ende, es gibt sogar Hausaufgaben.« Doch von allen anderen Universitätsangeboten unterscheidet es sich durch die äußerst starke Einbeziehung der Teilnehmer. Statt des klassischen Gegenübers ist es eher ein Miteinander. Was aus dem Seminar wird, wohin es führt, ist dabei allen Beteiligten überlassen.

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Illustration: Anne Walther

»Ich bereue überhaupt nicht, das angeboten zu haben, im Gegenteil, es ist eine völlig willkommene Abwechslung zum klassischen Lehrbetrieb.«, meint Professor Pirnay-Dummer. Damit stellt das »Seminar über Nichts« in gewisser Weise auch ein didaktisches Experiment dar. Einen Versuch, die klassische, etwas starre Lehrposition durch Eigeninitiative und Selbstengagement aufzulockern. Eigenschaften, die im modernen, modularisierten Universitätssystem vielleicht zu kurz kommen.

Dass dieses Konzept bei den Studierenden auf Resonanz stößt, ist nicht zu übersehen: Über mangelnde Teilnehmerzahlen kann sich der Professor nicht beklagen, auch wenn dies anfangs nicht sicher war: »Ich wusste ja noch nicht einmal, ob es dafür überhaupt ein Klientel gibt, das hatte ich gehofft, aber man weiß es nicht.«

Die Teilnehmer kommen dabei aus ganz unterschiedlichen Studiengängen: »Wir haben Juristen, Physiker, Chemiker, Informatiker und Mathematiker und natürlich auch aus den sozialwissenschaftlichen Bereichen angehende Lehrer, Philologen. Man müsste fast suchen, dass man einen Fachbereich findet, der nicht vertreten ist. Das ist das Kostbare daran, dass da trotzdem noch so viel Auseinandersetzung ist.«

Die Teilnehmer kommen dabei aus ganz unterschiedlichen Gründen. Ob es das Bedürfnis nach Individualität ist, bloße Neugierde oder philosophisches Interesse – in einem sind sich alle einig: »Man nimmt etwas mit«. Was das genau ist, spielt gar keine so große Rolle. Selbstreflektion, geistige Bereicherung, veränderte Standpunkte oder schlicht und ergreifend die Erkenntnis, dass das Nichts mehr zu bieten hat als Leere. Das Universum ist angefüllt mit Nichts. Zu 12,7 Prozent.

 

Über Paul Thiemicke

Erstellt: 28.05. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 18:55