Okt 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 62 Rubrik 0

Unter Beobachtung

Eine halb-fiktionale Geschichte von Terrortoten, Aufklebern und einer Erfahrung.

Foto: Tobias Hoffmann

Foto: Tobias Hoffmann

»Komm, erzähl mir eine Geschichte«, bat er sie. Er liebte ihre Geschichten. Nicht dass sie besonders lustig gewesen wären oder gar besonders liebevoll. Im Gegenteil, meistens waren sie ernst, und manchmal konnte er noch Stunden oder sogar Tage über sie nachdenken. Aber ihre Erzählungen mochte er nicht allein deshalb. Sicherlich war das auch ein Grund, aber am meisten mochte er, dass die Geschichten von ihr kamen.

Nun beobachtete er sie. Seine Freundin legte den Kopf auf seinen Schoß, machte es sich auf der Wiese bequem, auf der sie gepicknickt hatten, schloss die Augen und ließ sich von der Frühlingssonne das Gesicht wärmen und begann: »Diese Geschichte beginnt dreimal«, hob sie an, »sie beginnt immer zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten, und es sind unterschiedliche Menschen beteiligt. Trotzdem gehören alle Anfänge zu einer Geschichte, obwohl sie auch unabhängig voneinander für sich allein stehen könnten.

Das erste Mal beginnt sie am 7. Juli 2005. Es ist ein normaler

Tag in einer großen Stadt voller Betriebsamkeit. Es ist Sommer. Doch das ist nicht weiter von Belang. Es hätte genauso gut Winter sein oder regnen können. Wichtig ist, dass an diesem Tag 52 Menschen umgebracht werden. Es lässt sich nicht genau feststellen, ob durch interne oder externe Bedrohung. Sicher ist, es trifft diese Menschen zufällig, niemand hat geplant, genau diese zu töten, es hätte jeden treffen können. Ihr Tod ist sinnlos und ereilt die Menschen völlig unerwartet. Es trifft sie mit vollen Taschen auf dem Weg vom Einkaufen und mit dicken Ordnern voller Akten auf dem Weg zur Arbeit. Die Täter nennen sich selbst Soldaten Gottes und fühlen sich mutig, sind aber in Wirklichkeit doch bloß Terroristen und feige. Was immer sie mit ihrer Tat bezwecken, sie erreichen zumindest eines: Sie verändern, wie die Menschen ihre Stadt sehen, wie sie sie wahrnehmen, was ihnen wichtig ist. Der Ort dieses Anfangs ist London, und danach ist vieles, aber nicht alles, genau wie vorher. Denn man installiert Kameras, immer mehr davon, an immer neuen Orten. Man will genau wissen, was in dieser Stadt passiert, niemand soll mehr unbemerkt anderen schaden können. Denn es hätte jeden treffen können.

Der zweite Startpunkt dieser Geschichte liegt einige Jahre später in Berlin. Er beginnt mit einer Frau, die findet, dass wir die falschen Fragen stellen. Eigentlich findet sie, dass wir überhaupt und generell zu wenig Fragen stellen. Sie fragt sich, was wirklich zählt im Leben, und vor allem, ob die Menschen sich daran noch erinnern. Und wenn nicht, warum wir nicht unsere Mitmenschen danach fragen. Was bedeutet uns wirklich etwas und warum? Sie beginnt mit Freunden, Klebezettel in der Stadt zu verteilen. Sticker. Darauf steht »Was bleibt, wenn Du gehst?« oder »Wofür lebst Du?« Menschen sollen diesen Fragen begegnen und darüber nachdenken. Menschen sollen gefragt werden, worum es im Leben wirklich geht. Darum kleben sie diese Aufkleber an U-Bahnen, Laternen und auch an Spiegel im Haus ihrer Freunde. Die Aktion verbreitet sich schnell, die Frau beginnt Aufkleber an Interessierte zu verschicken, sie nennt die Bewegung Erinnerungsguerilla. Die Sticker gibt es bald im ganzen Land. Mehr und mehr Fragen werden gedruckt und verteilt: ›Tut es gut, was Du machst?‹, ›Wann singt Dein Herz?‹

Der dritte Beginn dieser Geschichte liegt noch gar nicht so weit zurück: Ein Reisender, ungefähr so alt wie wir, macht sich auf den Weg in eine neue Stadt. Neugier treibt ihn, Entdeckungswille und Interesse. Einer von vielen, die durch Europa reisen und nicht ihr Heimatland, sondern Europa ihre Heimat nennen.

Vor Jahren hat er von dem Projekt mit den Fragen und der Erinnerungsguerilla gehört. Es hat ihm gefallen. Seitdem hat er immer ein paar Aufkleber dabei, verteilt sie, wo immer er hinkommt. Mal klebt er wochenlang keinen, mal geht er extra dafür aus dem Haus. Manchmal hinterlässt er Fragen in den Häusern seiner Freunde. Nach London hat ihn der Zufall verschlagen, Auslandspraktikum in der Nähe, Tagesausflüge, wie es heute nun mal abläuft.

Foto: Tobias Hoffmann

Foto: Tobias Hoffmann

Der Reisende besucht also Big Ben und Tower Bridge und vieles mehr. Doch dann ist da dieser Briefkasten, glänzend rot und mitten auf der Straße, täglich tausende Touristen passieren ihn. Der perfekte Ort, Fragen zu stellen. Der Reisende greift in sein Portemonnaie. Er löst den Sticker vom Papier, will kleben – und hält inne. Denn in diesem Moment blickt er in eine Kamera. Ja, die sind in London überall, denkt er sich, aber war diese wirklich schon eben auf ihn gerichtet gewesen? Wahrscheinlich schon, sie scheint jedenfalls nicht drehbar zu sein. Er hat sie wohl nur erst jetzt gesehen. Normalerweise klebt er seine Aufkleber in einem unbeobachteten Moment. Die Fragen sollen für sich stehen, nicht mit einer Person verknüpft sein. Doch jetzt ist da diese Kamera. Ob einen Sticker zu hinterlassen schon strafbar ist? Überall hängen Schilder, dass bereits Zigaretten wegwerfen fünfzig Pfund Strafe kosten kann. Wenn er sich umschaut, klebt hier fast nirgendwo ein Sticker oder Aushang. Das ist doch sonst in großen Städten anders. Ob das hier mit Hilfe der Kameras tatsächlich verfolgt wird? Nein, das ist Quatsch, viel zu unbedeutend. Der Reisende kommt zu dem Schluss, dass er gefahrlos kleben könnte.

Doch irgendetwas hält ihn zurück. Irgendwie fühlt er sich nicht mehr wohl dabei. Vielleicht erzielt er so die Aufmerksamkeit von jemandem vor einem Bildschirm, vielleicht folgt derjenige ihm dann virtuell. Vielleicht reagiert er doch, wenn der Reisende noch mehr Sticker verteilt? Jede Kamera verunsichert ihn jetzt, er fühlt sich beobachtet, alles wirkt plötzlich künstlich. Kann in dieser Stadt überhaupt noch etwas geschehen, was nicht geduldet wird? Wie gehen eigentlich Straßenkünstler damit um? Sehr nachdenklich geht er weiter und merkt, dass er jetzt übertreibt. Trotzdem ist dem Reisenden weiter unwohl. ›Was macht Dir mehr Angst: Freiheit oder Sicherheit?‹ ist eine andere der Fragen der Erinnerungsguerillas. Noch nie ist ihm eine der Fragen so direkt begegnet.

Der Briefkasten glänzt weiterhin rot in der Sonne. Kein gelber Aufkleber versucht Touristen zum Nachdenken zu bringen.«

Seine Freundin endete, ließ ihn mit der Geschichte allein, schlief schließlich nach einer Weile auf seinem Schoß ein. Er machte einen Selfie von sich und seiner schlafenden Freundin. Das Bild würde ihr gefallen. So geborgen, so sicher schien sie in seinem Schoß zu liegen. Er schickte ihr das Bild per Whatsapp, dann hatte sie auch gleich Zugriff darauf. Vielleicht würde sie es später zu ihrem Facebook-Profilbild machen.

 

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

Erstellt: 16.10. 2015 | Bearbeitet: 08.02. 2016 12:02