Jan 2015 hastuPAUSE Nr. 58 0

Undercover bei Pegida

Man hört viel von Pegida, aber dabei zu sein ist etwas anderes.

Illustration: Marcel Wiessler

Illustration: Marcel Wiessler

Was Pegida genau ist, weiß der lockige Wirt nicht, der mich zwei Stunden vor Beginn der Demonstration mit Wodka Wyborowa und Bier versorgt. Aber selbst sein Barpersonal sei dafür oder dagegen polarisiert. Es gebe unzählige Gründe, warum die Menschen zu solch einer Veranstaltung gehen. Jeder, der seiner Unzufriedenheit Luft machen wolle, könne dort mitmarschieren.

Um 18.30 Uhr bin ich dann pünktlich auf der nasskalt verregneten Cockerwiese, zwischen 18 000 Anderen, die lautstark »Wir sind das Volk« propagieren. Ein überwältigendes und besorgniserregendes Erlebnis. Die Chöre weit rechts in der Ferne beginnend, immer lauter werdend, bis man im Zentrum der Rufenden ist und dieses Stimmengewitter nach links abzieht, langsam leiser wird und dann – wie ein Echo, das an einem hohen Berg reflektiert wird – wieder zurückkehrt.

Die Menschen, die hier um mich stehen, sind zumeist männlich, aber alle Altersklassen sind vertreten. Hier stehen in dicke Jacken gehüllte Neonazis aus Pirna, der Elektriker aus Dresden neben dem Förster aus Bayern und dazwischen viele von denen, die das letzte Mal vor über 25 Jahren an einer Demonstration teilgenommen haben. Doch der Ruf »Wir sind das Volk« hat seine Bedeutung geändert.

Sie schwenken Deutschlandfahnen und lauschen den verschiedenen Rednern. Diese Geschöpfe der Gunst von Kathrin Oertel bis René Jahn sprechen sich von jeder rechten Gesinnung frei und bieten schon in den nächsten Sätzen den Sündenbock des kriminellen Migranten an. Sie schaffen es subtil zu hetzen, ohne Schuldgefühle zu erzeugen. Der französische Redner Stephane Simon ist der europäische Anstrich eines schwarz-rot-goldenen Patriotismus, der auf Migrations- und Islamängste trifft. Diese Ängste werden von Udo Ulfkotte in Horrorszenarien verbildlicht. Ein Deutschland ohne Schweinefleisch in Kitas, aber mit separaten muslimischen Friedhöfen, lässt die Menschen schaudern. Ein Raunen geht durch die Menge. Ein faszinierendes Erlebnis, wie ein Redner Reaktionen der Masse hervorrufen kann.

Doch die Islamisierung scheint nur ein sekundäres Anliegen. Das Hauptaugenmerk liegt auf und die Schuldzuweisungen gehen an die Herrschaftselite. Wirtschaft, Politik und Medien sind »die da oben«. Die Demonstrierenden haben ihr Vertrauen in den Staat und die Politiker verloren, beschimpfen sie gemeinsam und lautstark als »Volksverräter«. Ein Schrei der Unterdrückten. Sie fühlen sich als die »normalen« Bürger der Gesellschaft, die den Mut aufbringen, gegen die falsche Bevormundung vorzugehen. Der Einfluss der verschwörungstheoretischen Montagsmahnwachen wird deutlich, verbildlicht mit systemkritischen Protestfahnen, die beispielsweise eine Banane als Wappen tragen.

Foto: Uwe Hiksch (CC BY_NC_SA 2.0) flickr.com/photos/uwehiksch/15596040484

Foto: Uwe Hiksch (CC BY_NC_SA 2.0) flickr.com/photos/uwehiksch/15596040484

Spätestens hier wird klar, dass die ganze Bewegung keinerlei Trennschärfe besitzt. Sie sehen reale gesellschaftliche und politische Missstände, abstrahieren wild die eigentlich komplexen Problematiken von Altersarmut und Ukrainekonflikt und kommen zu einem einfachen Schuldigen.

Der meist gehasste Gegner scheint die »Lügenpresse« zu sein, welche sie als Nazis diffamiere und zusammen mit der Politik unter einer Decke stecke, um die Stimme der Wahrheit zu ersticken. »Mit uns ist das wie mit den Titten auf der Bildzeitung, die wollen Geld damit verdienen«, erklärt mir ein junger Mann die starke Medienpräsenz.

Dann strömen die Menschen los, ein gewaltiger und lautstarker Fluss zieht einmal um das Dynamostadion. Die Gespräche und Einstellungen der Spazierengehenden sind vielseitig und gipfeln teils in paradoxen Ansichten. So schimpften beispielsweise drei ältere Herren über Migranten und erzählten mir dann, dass sie 1983 aus der DDR geflohen seien.

Am Ende ergießt sich die unzufriedene Masse wieder über die Cockerwiesen, um die stotternd vorgetragene Abschlussrede zu hören und sich mit »Wir kommen wieder!« zu verabschieden.

Diese Bewegung scheint in Dresden noch nicht auf ihrem Zenit angekommen zu sein, und es ist fraglich, warum sich gerade hier die Menschen auf der Straße zusammenfinden. Der Verkäufer von Babos Dönerpoint erklärte sich dieses Phänomen mit der konservativen Mentalität der Region. Des Weiteren würden wirtschaftliche Schwierigkeiten und eine gescheiterte Integration für Zulauf sorgen.

Über 100 000 Facebook-Likes für die Pegida-Seite zeigen, dass viele Sympathisanten außerhalb Dresdens existieren und die Bewegung nicht allzu leichtfertig als lokale Erscheinung örtlicher Spinner abgetan werden sollte. Der Rechtspopulismus ist in vielen Nachbarstaaten Deutschlands mittlerweile traurige Realität.

Über Lukas Lange

, ,

Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 21:46