Okt 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 62 Rubrik 0

Um Leben oder Tod

Die Flüchtlingsthematik nimmt in Mitteldeutschland eine ganz neue Dimension an.

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Flüchtlinge in Leipzig Foto: Tobias Heller

Ich kann mich noch ganz gut an den letzten Sommer erinnern. Gerade hatte ich meine Zusage für ein Praktikum in Berlin erhalten, mir übergangsweise ein Zimmer gesichert, da las ich in den Tageszeitungen von den Flüchtlingsprotesten in der Hauptstadt. Ich schrieb einer Freundin: »Wenn ich in Berlin bin, dann schauen wir da mal vorbei.« Ich wollte wissen, was es mit den Protesten auf sich hatte.

Gesagt, getan. Kaum angekommen ging die Nachricht herum, ein paar Flüchtlinge würden ein ehemaliges Hostel besetzen, um gegen ihre drohende Abschiebung und für eine menschenwürdige Unterbringung zu demonstrieren. Sie drohten, vom Dach zu springen, sollte die Polizei das Gebäude betreten. Die Polizisten sperrten das Gebiet rund um das Hostel ab. Zahlreiche Flüchtlingsunterstützer aus der linken Szene fanden sich rund um die Absperrung ein. Mehrere Tage harrten die Geflüchteten in dem Hostel aus. Sie hatten kaum zu essen und zu trinken. Doch erst als sie fast keine Kraft mehr besaßen, beendeten sie ihren Protest.

Zum ersten Mal bekam ich hautnah mit, worum es den Flüchtlingen ging: um Leben oder Tod. »Hier dreht sich die Welt gerade um«, sagte eine Unterstützerin damals. Der Satz blieb mir im Gedächtnis hängen, weil die Situation in Halle damals noch weit weniger dramatisch war.

Heute, ein Jahr später, ändert sich das rasant. Dass Flüchtlinge auch in Halle und Umgebung leben, ist zwar nicht neu. Auch nicht, dass Menschen, die hier leben, von Abschiebung bedroht sind oder abgeschoben werden. Jedoch nimmt die Flüchtlingsthematik nun auch in Mitteldeutschland eine ganz andere Dimension an.

Verlegung von Flüchtlingen nach Heidenau verhindert

Um ein Beispiel zu nennen: In Leipzig wurde die Ernst-Grube-Halle kurzerhand zur Notunterkunft umfunktioniert. Mehr als 400 Flüchtlinge leben derzeit in der Sporthalle der Universität auf engstem Raum. Auch die Turnhalle der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) wurde kurzzeitig für Flüchtlinge genutzt.

Nach Meinung der zuständigen sächsischen Landesdirektion würde die Halle im Stadtteil Connewitz aber nicht den sanitären Standards entsprechen. Daher sollten die Geflüchteten ursprünglich nach Heidenau abtransportiert werden – ausgerechnet dorthin, wo Neonazis seit Tagen ihr Unwesen trieben. 200 Aktivisten verhinderten jedoch die Verlegung. Die Halle konnte noch ein paar Tage genutzt werden. Danach wurden die Flüchtlinge in Leipzig verteilt.

Auch sie hatten sich zuvor den Protesten angeschlossen und für eine weitere Nutzung der HTWK-Halle demonstriert. »Heidenau ist kein guter Ort«, erzählte mir Ali Murtaze aus Pakistan, der über die Balkan-Route durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Deutschland kam. Trotz der Probleme fühlt er sich hier wohl: »Deutschland ist gut. In Pakistan gibt es dagegen viele Probleme. Das politische System funktioniert nicht. Und es gibt religiösen Extremismus.«

Neonazi-Probleme vergrößern sich

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Frühstueck für Weltoffenheit Foto: Tobias Heller

Wobei die Ausschreitungen in Heidenau zeigen, dass die Flüchtlinge in Deutschland ebenfalls nicht sicher sind. Auch in Halle gibt es Neonazi-Probleme, wie das militante Auftreten der »Brigade« beweist. Diese rechtsextreme Gruppierung aus dem Stadtteil Silberhöhe hetzt seit vielen Monaten gegen dort lebende Roma-Familien. Auch die NPD trat zuletzt in Erscheinung, als sie in Neustadt eine Demonstration anmeldete. Sie sagte diese kurzerhand aber wieder ab, nachdem die Stadt das »Frühstück für Weltoffenheit und Willkommenskultur« in die Wege geleitet hatte. Mehr als 1000 Hallenser fanden sich in Neustadt ein.

Bleibt die Frage, ob diese symbolischen Aktionen tatsächlich dazu führen werden, eine Willkommenskultur zu etablieren. Die Neonazis werden sich dadurch nicht abschrecken lassen. Und die Probleme in Leipzig zeigen, dass es an funktionierenden Strukturen mangelt. Zum Beispiel, um geeigneten Wohnraum für die Flüchtlinge zu finden. Dass die Welt nicht mehr still steht, scheinen noch nicht alle begriffen zu haben. Zumindest aber geben die zahlreichen Menschen, die sich – wie in Leipzig – ehrenamtlich für Geflüchtete einsetzen, Anlass zur Hoffnung.

Mehr als Frühstücken

Fruehstueck fuer Weltoffenheit_Halle_22Aug15_3_webFür Studierende, die gern helfen möchten, gibt«s es in Halle einige Möglichkeiten. Einige Anlaufstellen haben wir für euch zusammengestellt:

Wer über fließende Fremdsprachenkenntnisse verfügt, kann sich online auf  http://www.halle-iki.de/ registrieren und wird dann angerufen, wenn Hilfe bei mündlichen Übersetzungen benötigt wird. Kontakt: info@halle-iki.de oder telefonisch: 0345-213 893 99

Die Koordinierungsstelle »Engagiert für Flüchtlinge in Halle (Saale)« vermittelt freiwillige HelferInnen aller Art. Am besten ist es, einfach in der Beratungsstelle in der  Leipziger Straße 82 vorbeizuschauen und direkt nachzufragen:Telefon: 0345/ 200 28 10
E-Mail: kontakt@koordinierungsstelle-halle.de Homepage: www.koordinierungsstelle-halle.de

Die Gruppe NolagerHalle engagiert sich für die Rechte von Asylsuchende in Sachsen-Anhalt, vor allem mit Aktionen und Pressearbeit.  www.no-lager-halle.org/home.htm

Über Max Zeising

Erstellt: 14.10. 2015 | Bearbeitet: 10.10. 2015 23:27