Jan 2015 hastuUNI Nr. 58 0

Studiengeflüster

263 Studiengänge bietet die MLU an zehn Fakultäten an, eine beinahe unübersichtliche Anzahl. In unserer Rubrik »Studiengeflüster« stellen unsere Autoren kurz und knapp interessante Aspekte ihres eigenen Studiums vor. Teil 7: Sklavenhandel in Afrika – keine rein europäische Geschichte

Foto: National Museum of  America (CC BY-NC 2.0)  flickr.com/photos/nationalmuseumof americanhistory/8362039752

Foto: National Museum of
America (CC BY-NC 2.0)
flickr.com/photos/nationalmuseumof
americanhistory/8362039752

Bereits vor dem Eintreffen der europäischen Großmächte in Afrika hatte der Kontinent eine lange und blutige Geschichte der Sklaverei hinter sich. Im Rahmen meines Nebenfaches Geschichte belegte ich vor einigen Semestern ein Seminar, in welchem es eigentlich um die Verschleppung von Afrikanern in die Karibik ging, wo sie versklavt und meist auf den Plantagen ausgebeutet wurden. Eine Hausarbeit zum Seminar musste auch geschrieben werden, und ich beschloss, dieses Thema mit meinem Hauptstudiengang Nahoststudien zu verbinden, denn der Orient muss schließlich auch auf eine lange Geschichte der Sklaverei zurückblicken. Um das, was ich in meinen langen Recherchen für diese Hausarbeit herausgefunden habe, soll es hier gehen.

Von der Verschleppung afrikanischer Sklaven nach Amerika, um welche es in besagtem Seminar ging, dürfte jeder schon einmal gehört haben. Es ist jedoch vielen noch ziemlich neu, dass die meisten Sklaven in den Ländern der islamischen Welt bereits Jahrhunderte zuvor ebenfalls Afrikaner waren. Hier gab es zwar im überwiegenden Gegensatz zu den Plantagen in Amerika auch nichtafrikanische Sklaven, deren Anzahl ging jedoch immer weiter zurück.

Als islamische Armeen kurze Zeit nach Entstehung der islamischen Religion große Teile der damals bekannten Welt, von Spanien bis nach Indien, überrannten, wurden dabei auch viele Menschen versklavt. Diese wurden schon bald für das Leben der muslimischen Eroberer unentbehrlich.

In Cape Coast (Ghana) handelten vor allem die Briten mit afrikanischen Sklaven. Aber es gibt auch eine arabische Geschichte der Sklaverei. Foto: Tobias Hoffmann

In Cape Coast (Ghana) handelten vor allem die Briten mit afrikanischen Sklaven. Aber es gibt auch eine arabische Geschichte der Sklaverei.
Foto: Tobias Hoffmann

Sklaven waren unersetzlich

Wer von Sklaven in vormodernen islamischen Ländern hört, denkt meist an die Hofsklaven und Haremsdamen aus 1001 Nacht. Tatsächlich aber wurden Sklaven weitaus vielfältiger eingesetzt. Selbst die Beamten des Sultans beziehungsweise Kalifen, die Wesire, waren meist dessen Sklaven, womit er sie wesentlich besser unter Kontrolle hatte. Auch im Kriegsdienst waren Sklaven anzutreffen, die meistens die Elitetruppen muslimischer Armeen bildeten. Beispiele hierfür sind die Janitscharen im Osmanischen Reich oder auch die Mamelucken, die ursprünglich ebenfalls eine solche Sklaven-Eliteeinheit bildeten. Die weitaus meisten Sklaven waren aber nicht in solchen vergleichsweise angesehenen Positionen zu finden, sondern mussten schwere körperliche Arbeiten verrichten. Sie wurden als Rudersklaven auf Schiffen, in Bergwerken und auch in der Landwirtschaft beschäftigt. Gerade in den Bergwerken starben die meisten Sklaven schon nach kurzer Zeit. Daher war vor allem hierfür ein beständiger Nachschub an Sklaven notwendig. Als den muslimischen Eroberern jedoch vermehrt ihre Grenzen aufgezeigt wurden, wurde die Beschaffung neuer Sklaven immer schwieriger, denn die Bewohner bereits unterworfener Gebiete durften nicht mehr versklavt werden, da das islamische Recht die Versklavung von Muslimen und Nichtmuslimen, die sich dem Islam unterworfen haben, verbietet, was auf alle Bewohner der islamischen Gebiete zutraf. Ebenso war es allgemein üblich und wurde als positiv angesehen, Sklaven dazu zu bewegen, den Islam anzunehmen und sie daraufhin nach einiger Zeit freizulassen. Gerade die Sklaven, die das Glück hatten, von den Bergwerken verschont geblieben zu sein und keine allzu wichtigen Tätigkeiten wie die des Wesirs oder Kriegssklaven auszuüben, konnten so darauf hoffen, nach einigen Jahren freigelassen zu werden. Da Sklaven jedoch, wie erwähnt, für die Wirtschaft der islamischen Länder unersetzlich geworden waren, musste Nachschub gefunden werden.

Neuer Fokus: Afrika

Die meisten Sklaven wurden daher schon bald aus Afrika verschleppt. Dieser Trend wurde umso stärker, je mehr sich in Osteuropa und Zentralasien, den anderen Regionen, aus welchen Sklaven in großer Zahl in islamische Länder verschleppt wurden, ab dem 15. Jahrhundert das russische Reich auszubreiten begann und den muslimischen Einfluss in der Region immer mehr einschränkte.

Sklavereimahnmal in Stone Town, Tansania.  Foto: Tim Brauhn (CC BY-NC-SA 2.0)  flickr.com/photos/inthehandofdante/3917658156

Sklavereimahnmal in Stone Town, Tansania.
Foto: Tim Brauhn (CC BY-NC-SA 2.0)
flickr.com/photos/inthehandofdante/3917658156

Afrika war aus einigen Gründen geradezu ideal als Herkunftsgebiet für Sklaven. In vielen afrikanischen Reichen war Sklaverei etwas vollkommen Alltägliches. Sklaven wurden nicht nur in Kriegszügen erbeutet, Versklavung war auch eine Form der Bestrafung. Auch wenn man verschuldet war, verlor man seine Freiheit an seinen Gläubiger oder musste einen Teil seiner Familie an ihn verkaufen. Sklaven waren in diesen Gesellschaften rechtlos und konnten beliebig weiterverkauft werden. Sie stellten auch einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor in der Region dar, weshalb regelmäßig ausgedehnte Kriegszüge stattfanden, um weitere Sklaven zu erbeuten. Bereits seit der Antike gelangten daher afrikanische Sklaven immer wieder in den Nahen Osten und nach Nordafrika. Allerdings kam in dieser Zeit ein Großteil der Sklaven aus anderen Regionen. Auch die europäischen Kolonialmächte sollten später auf der Suche nach billigen Arbeitskräften für ihre Plantagen von dieser Situation innerhalb vieler afrikanischer Gesellschaften profitieren.

Rassismus im mittelalterlichen Morgenland

Aber der enorme Bedarf der islamischen Länder nach neuen Sklaven konnte schon bald nicht mehr allein auf dem Handelsweg befriedigt werden. Daher fanden gerade in die Gegend des heutigen Sudan vermehrt Beutezüge statt. Besonders bemerkenswert ist, dass auch Menschen aus bereits islamisierten afrikanischen Völkern Opfer dieser Beutezüge wurden. Dies wurde mit der – eigentlich biblischen – Geschichte von der Verfluchung von Hams Sohn Kanaan begründet (Gen. 9, 20–25). Die Verfluchung sollte darin bestehen, dass Kanaans Nachkommen allen anderen Menschen als Sklaven dienten. Ham sollte so dafür bestraft werden, dass er, als er seinen Vater Noah nackt und im Rausch schlafend vorfand, ihn nicht etwa zudeckte, sondern es, vermutlich schadenfroh, seinen Brüdern erzählte. Nach islamischer Überlieferung wurde daraufhin nicht sein Sohn Kanaan, sondern Ham selber verflucht. Alle afrikanischen Völker stammten demnach von Ham ab und waren daher zur Versklavung verdammt. Damit wurde auch die Versklavung afrikanischer Muslime gerechtfertigt, obwohl diese nach islamischem Recht eigentlich strikt verboten war. Spätere Verfechter dieser Interpretation der Ham-Geschichte behaupteten auch, dass Gott die zu Sklaven bestimmten Nachkommen Hams besonders gekennzeichnet hätte, nämlich mit ihrer Hautfarbe. Basierend auf dieser Version der Ham-Geschichte entstanden in der islamischen Welt bereits im frühen Mittelalter rassistische Vorstellungen, während der Rassismus im Abendland zu dieser Zeit noch völlig unbekannt war und erst in der frühen Neuzeit Verbreitung fand – interessanterweise ebenfalls im Zuge des afrikanischen Sklavenhandels, wobei auch hier teilweise eine nahezu identische Version der Ham-Geschichte eine große Rolle spielte.

Auswirkungen bis heute

Trotz der enormen Zahl afrikanischer Sklaven, die in islamische Länder verschleppt wurden, hat sich dort keine eigene farbige Bevölkerungsgruppe bilden können, wie dies in Amerika geschehen ist. Ein Grund dafür ist, neben der bereits erwähnten Tatsache, dass Sklaven in islamischen Ländern häufig schnell freigelassen wurden und sich somit schnell mit der Mehrheitsbevölkerung vermischen konnten, dass männliche Sklaven zu einem großen Teil als Eunuchen, also kastriert, verkauft wurden. Die Kastration der Männer fand unter hygienisch völlig ungeeigneten Bedingungen statt, weshalb ein Großteil von ihnen diese nicht überlebte. Viele verschleppte Menschen kamen auch niemals in ihren islamischen Bestimmungsländern an, sondern starben auf dem Wege dorthin, meist in der Sahara.

Die lange Geschichte des islamischen Sklavenhandels in Afrika hinterlässt bis heute ihre Spuren. Viele aktuelle Konflikte in der Sahel-Zone, gerade diejenigen im Mali und im Sudan, haben ihre historischen Wurzeln in den erwähnten Beutezügen zur Gewinnung neuer Sklaven.

Über Karl Hollerung

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Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 21:21