Jan 2015 hastuPAUSE Nr. 58 0

Seltsame Zeit

Zum Jahreswechsel ein sehr persönlicher Rückblick. Über Freude und Leid eines Jahres und was man daraus lernen kann.

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

2014 begann für mich in Trauer, Weihnachten 2013 war meine Oma gestorben. Der erste Mensch in meiner Familie, den ich gehen gesehen habe. Wir hatten sie anderthalb Jahre durch das Auf und Ab ihrer weit fortgeschrittenen Krankheit begleitet, bis es nur noch abwärts ging. Sie hatte Krebs, wie leider so viele Menschen.

Besonders schlimm daran waren das langgezogene Leiden und die Ungewissheit, wie lange man noch zusammen Zeit haben würde. Ihr Tod konnte ab dem Zeitpunkt der Diagnose morgen, nächste Woche, nächsten Monat oder nächstes Jahr kommen. Plötzlich konnte sich ihr Zustand rasch verschlechtern, andere Wochen waren wiederum den Verhältnissen entsprechend richtig gut. Außerdem kommt da jedes Mal ein anderer Mensch aus dem Krankenhaus, beim ersten Mal allein zehn Kilo schmaler. Und auch vom Verhalten her wurde sie immer schwieriger, sie bemerkte es oft selbst. Ich glaube, eigentlich hatte ich ihren Tod zum großen Teil schon verarbeitet, bevor sie überhaupt starb. Es war ein sehr langes Abschiednehmen.

Wenn das Leben verrücktspielt

Nach einer Zeit der Trauer blühte im Frühling eine neue Freude in mir auf. Ich verliebte mich heftig und war voller Glück, als meine Gefühle erwidert wurden. Ich begann eine neue Beziehung, die mir Auftrieb gab, die mir viel Hoffnung schenkte. Umso tiefer fiel ich, als es mir immer schlechter ging. Ich wurde immer trauriger und immer anstrengender für meine Umwelt. Ich heulte lauthals in der S-Bahn und hatte einen Anfall im Supermarkt. Ich schrie, ich weinte und versank in diesem hässlichen Gefühl, das ich nicht wahrhaben wollte.

Ich kannte es schon, als 11-Jährige war ich depressiv gewesen, ausgelöst durch Mobbing. In der Schule machten sie mir jeden Tag klar, dass ich ein Nichts und absolut verachtenswert wäre. Bis ich irgendwann selbst anfing, mich zu hassen. Auf Hilfe durch Lehrer konnte ich nicht hoffen, die nahmen mich nicht ernst.

Etwa sechs Jahre dauerte mein Kampf, um wieder zu mir und meiner Mitte zu finden. Um all den Selbsthass und das Selbstmitleid zu überwinden. Damals durfte ich keine Antidepressiva zu mir nehmen, mein Gehirn befand sich noch in der pubertären Umbauphase. Meine Eltern waren mit der ganzen Situation überfordert, sie wussten einfach nicht, wie sie mir helfen sollten. Die Anlaufstellen, die sie mit mir aufsuchten, waren nicht passend für mein Problem. Irgendwann geriet ich jedoch in eine Kunsttherapie-Gruppe, in der andere Jugendliche mit verschiedensten Problemen versammelt waren. Meine Freizeit verbrachte ich sonst alleine in meinem Zimmer, ich wollte von der Außenwelt nichts mehr wissen.

Bis ich einen Reiterhof entdeckte, auf dem ich jedes Wochenende Zuflucht fand. Denn dort konnte ich sein, ohne schikaniert zu werden und um für ein paar Stunden den Kopf wieder klar zu bekommen. Letztendlich wurde es erst richtig besser, als ich die Schule zur Oberstufe wechselte, um andere Leistungskurse zu belegen. Gedanklich hatte ich diesen Zustand abgeschlossen. Es überraschte mich also umso mehr, dass er wiederkam.

Wie soll es nur weitergehen?

Ich wollte es partout nicht wahrhaben, hatte Angst um mein Studium, Angst um meine Beziehung. Ich erkannte mich nicht mehr und verzweifelte. Ich musste erst durch all meine Prüfungen des Sommersemesters fallen, um zu akzeptieren, dass ich im Moment nicht das leisten kann wie sonst auch. Ich schleppte mich irgendwie durch ein Praktikum, bei dem ich es irgendwie schaffte, meine Anfälle zu verbergen. Ich suchte direkt eine tiefenpsychologische Behandlung, die sich mit den Problemen meiner Vergangenheit befasste.

Glücklicherweise gab mir ein guter Freund einen Tipp, er war selbst in Behandlung gewesen. Und bei eben jener Therapeutin, die er mir empfahl, war ein erster Termin nach einem Monat möglich. Zudem hatte sie eine Kassenzulassung, sodass die Krankenkasse die Kosten übernahm. Zeitgleich ging ich zum Arzt, der mir ein Antidepressivum verschrieb. Es bewirkt eine erhöhte Konzentration des Hormons Serotonin im synaptischen Spalt zwischen den Nervenzellen im Gehirn, was die Stimmung heben soll. Letzteres war bei mir auch notwendig, um überhaupt in der Lage zu sein, eine Psychotherapie zu beginnen.

Doch es dauerte einige Wochen, bis das Medikament vollends seine Wirkung entfaltete. Erst zu Beginn des Wintersemesters ging es mir allmählich besser, und ich konnte mich in Ruhe mit mir selbst beschäftigen. Meine Therapeutin, ein sehr netter und verständnisvoller Mensch, half mir dabei. Und die gesamte Zeit stand mein Freund hinter mir, und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Er konnte mir nicht immer helfen, denn verständlicherweise war es auch ihm manchmal zu viel. Durch den neu erlangten Auftrieb fasste ich die Entscheidung, von zu Hause auszuziehen. Die Alltagsstruktur durch das Studium und das Wiederfinden von vielen Freunden gaben mir Halt. Ich hatte Angst, meiner Mutter mit meiner Entscheidung wehzutun, denn sie hängt sehr an mir. Doch zu meiner Überraschung nahmen meine Eltern es gut auf.

Schon wieder dieses unheilsame Weihnachten

Schwerwiegende Probleme einer engen Freundin schienen auf einmal mich und meine wiedererlangte Stabilität zu gefährden. Zeitgleich verlor ich mein Portemonnaie mit sämtlichen Dokumenten, und der Umzug war noch in vollem Gange. Dank meiner Therapie konnte ich diesmal aber besser damit umgehen. Was ich schlecht kann, ist nämlich, mich selbst zu schützen. So muss ich versuchen, immer wieder meine Grenzen zu wahren und nicht zu überschreiten.

Ich hangelte mich von Aufgabe zu Aufgabe und war froh, als endlich Weihnachten 2014 erreicht war. Doch ich hatte mächtig Schiss vor dem ersten Todestag meiner Oma, der Mutter meiner Mama. Er verlief besser, als ich gedacht hatte, weil nun alle sicher besser mit ihrem Tod umgehen können. Weihnachten scheint aber nicht unsere beste Zeit zu sein. Einen Tag später erfuhren wir, dass mein Opa väterlicherseits Krebs hat. In meinem Kopf sah ich schon die schrecklichen anderthalb Jahre mit meiner kranken Oma wiederholen. Dennoch verlief Weihnachten sehr schön. Es war sehr intensiv und herzlich zusammen mit meiner Familie. Denn mein Opa ist ein anderer Mensch als die Oma, er geht damit anders um. Auch wenn er sehr schwach aus dem Krankenhaus kam, damit er wenigstens Weihnachten mit uns verbringen könnte, er war irgendwie noch der Alte. Er machte hier und da wieder seine gewohnten Scherze und gab überall seinen Senf dazu. Die Stimmung war zu meinem Erstaunen nur ein klein wenig gedrückt, es war ein eher fröhliches Zusammensein.

Wie es wohl weitergeht?

Die letzten Tage in diesem seltsamen Jahr 2014 verbrachte ich mit meinem Freund in Berlin. Und mir ging und geht es erstaunlich gut, wofür ich außerordentlich dankbar bin. Wie ich in diesen letzten Tagen darüber nachdachte, so wurde mir doch klar, wie viel ich gelernt hatte. Über das Leben und seine seltsamen Wege, dass ich es schaffe, auch schwierige Situationen zu meistern. Und dass dies nicht immer sofort geht, also gebe ich mir mehr Zeit, um Dinge zu bewältigen.

Außerdem versuche ich, mehr Abstand zu nehmen von Problemen anderer, ohne dabei das Mitgefühl zu verlieren. Ich kann nur bis zu einem bestimmten Punkt Anteil an Problemen anderer nehmen, sonst werden sie zu meinen eigenen. Wahrscheinlich vergesse ich zu oft aus Sorge um andere, mich um mich selbst zu kümmern. Ich schätze nun jeden Moment etwas mehr und genieße die Zeit, in der ich mich gut fühle. Und ich spüre die Kraft, die ich nun habe, um dem, was kommt, zu begegnen. Denn wenn man es schafft und will, dann kann man aus allen Situationen, auch den schlechten, Erfahrungen sammeln und etwas daraus lernen. Dann gelingt es vielleicht sogar, aus Problemen Positives mitzunehmen.

Und ich wünsche mir für mich und allen ein gutes neues Jahr 2015. Dass wir alle Herausforderungen meistern, die auf uns zukommen. Denn letztendlich wird alles gut, daran glaube ich.

Text: Anonym

Über Gastbeitrag

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Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 23:30