Aug 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 61 Rubrik 1

Schattenland jenseits des Rennbahnkreuzes

Kaum ein Studierender wagt sich jemals nach Halle-Neustadt. Dabei hat Halles größter Stadtteil weitaus mehr zu bieten als nur Klischees.

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Foto: Ramona Wendt

»In Halle-Neustadt? Nee, da bin ich noch nie gewesen. Warum auch?« höre ich von fast jedem meiner Kommilitonen, wenn wir über meine Heimatstadt Halle sprechen. Jeden Tag fahre ich mit der Straßenbahn durch das so oft kritisierte Halle-Neustadt bis nach Nietleben, in den ersten angrenzenden dörflichen Stadtteil, wo ich wohne. Dann denke ich mir, wie so oft, dass Halle-Neustadt sein negatives Image in vielen Punkten eigentlich nicht verdient hat. Natürlich ist an allen Vorurteilen bekanntlich auch etwas dran. Man kann nicht abstreiten, dass die Plattenbauten und Hochhäuser auf den ersten Blick abschreckend wirken und dass einem in der Straßenbahn und im Einkaufszentrum doch gelegentlich einmal die eine oder andere zwielichtige Person über den Weg läuft.

Aber kann einem das nicht überall passieren? Laut der Mitteldeutschen Zeitung hat Halle-Neustadt mit 6,5 Prozent den größten Migrantenanteil Sachsen-Anhalts und auch eine, im Vergleich zum Rest der Stadt, verhältnismäßig hohe Arbeitslosenquote.

Das alles mag abschrecken, trotzdem scheint es einige, wohl sehr mutige Studenten zu geben, die es sogar in Betracht ziehen, sich an der Haltestelle Feuerwache, also am Anfang Neustadts, eine Wohnung zu mieten. Der Wohnungsanbieter Blockhouse-City preist Wohnungen und WGs extra für Studierende an. Dieses Angebot wird gern angenommen. Beliebt ist die Nähe zum Zentrum der Stadt Halle, das man mit der Straßenbahn in zehn Minuten erreichen kann.

Interessant ist auch, sich die Geschichte des Stadtteils näher anzuschauen. Vor nunmehr 51 Jahren wurde Halle-Neustadt für die Arbeiter der bekannten Chemiewerke Buna und Leuna errichtet. Die Menschen wohnten somit nah an ihrem Arbeitsplatz und fanden in ihrer Stadt von Kindergärten über Supermärkte bis zu einem Kino, das das letzte neu gebaute in der DDR bleiben sollte, alles vor, was sie brauchten. Das machte »Ha-Neu«, wie es im Volksmund genannt wird, zu einem beliebten und anerkannten Bezirk der Saalestadt und galt als Vorbild für andere Städte der DDR. Allerdings sollte sich das ändern. Nach der Wende zog es viele Menschen in für sie attraktivere Wohngegenden in und um Halle. Die nicht ausreichend modernisierten Wohnungen Neustadts waren im Vergleich zu anderen sehr preisgünstig und zogen vor allem Familien mit geringeren Einkommen und Menschen mit Migrationshintergrund an. Das einst so begehrte Ha-Neu schien hinter anderen Stadtteilen zurückzubleiben. Dies änderte sich jedoch in den letzten Jahren. Mittlerweile sind die meisten Wohnungen in Halle-Neustadt modernisiert und somit auch dem vermeintlichen Billigpreissektor entstiegen. Wer sich für die Geschichte Neustadts interessiert, kann das Museum »Geschichtswerkstatt« an der Haltestelle Mark-Twain-Straße besuchen.

An der Feuerwache. Foto: Katja Karras

An der Feuerwache. Foto: Katja Karras

Die zwei größten Vorteile des Stadtteils ziehen heute sowohl Senioren als auch junge Menschen an: die kurzen Wege von A nach B und das viele Grün, das sich auf den ersten Blick zu verstecken scheint. Neustadt bietet mehrere Möglichkeiten, um dem Stadtleben zu entkommen und eine Weile zu entspannen. Der Südpark, der vom Zentrum des Stadtteils aus gut zu Fuß zu erreichen ist, ist ein Erholungsgebiet und somit bestens geeignet, um spazieren oder joggen zu gehen. Zwei Minuten vom Einkaufszentrum entfernt befindet sich der Bruchsee. Der seit 1979 zum Teil unter Naturschutz stehende ehemalige Kalksteinbruch ist heute ein Geheimtipp, um sich im Sommer abzukühlen, auch wenn er kein offizieller Badeplatz ist. Man findet, ebenfalls im Zentrum Neustadts gelegen, den seit 2009 bestehenden und gerade von den jüngeren Bewohnern Halles sehr geschätzten Skatepark. Der Park ist bei Skateboardern, Inline Skatern und BMX-Fahrern sehr bekannt und beliebt.

Nicht zu vergessen ist der Heidesee in Nietleben, der von der letzten Haltestelle in Neustadt in 15 Minuten gut erreichbar ist. Das idyllisch gelegene Heidebad zählt zu den schönsten Freibädern der Umgebung, dessen Sandstrand zum Baden und Erholen einlädt. Am 1. August findet dort der allseits beliebte Karibische Abend statt, der jährlich mehr als tausend Besucher anlockt. Wer an kühleren Tagen keine Lust hat, in den See zu springen, kann sich im Kletterwald Schwindelfrei die Zeit vertreiben. Der Kletterwald, der Mitteldeutschlands höchster ist, hat von April bis Oktober geöffnet. Auch die Heide lädt zum Spazieren und Joggen ein. Die meist gut befahrbaren Waldwege sind für Fahrradtouren sehr zu empfehlen.

Neustadt besitzt des Weiteren eine Schwimmhalle, die im Herzen des Stadtteils zu finden ist. Der mittlerweile weltbekannte Schwimmweltmeister Paul Biedermann stammt aus Halle und nutzt die Schwimmhalle in Neustadt auch heute noch für seine Trainingseinheiten.

Im bereits erwähnten Neustadt Centrum spielt sich das Leben der Neustädter ab. Hier findet man alles, was man braucht. Direkt dort integriert ist das The Light Cinema, das von den meisten Hallensern sogar dem anderen großen Kino der Stadt vorgezogen wird, da es auf viele moderner und gemütlicher zu wirken scheint.

Man merkt nun, dass Halle-Neustadt oft vielen Vorurteilen ausgesetzt ist, obwohl es Potenzial hat, das nur genutzt werden muss. Es gibt viele schöne und interessante Ecken, die einen Besuch wert sind, denn es lohnt sich, der vertrauten Innenstadt auch einmal den Rücken zuzukehren. Wie erst kürzlich in der MZ berichtet wurde, nimmt Halle-Neustadt an dem Wettbewerb »Zukunftsstadt« des Bundesforschungsministeriums teil. Halle wurde von einer Jury in die nächste Runde gewählt und darf sich nun mit unterstützenden Fachleuten, unter anderem vom Zentrum für Sozialforschung, dem Institut für Strukturpolitik und dem Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik, Gedanken zur Zukunft Neustadts machen. Die Städte, die die Jury am meisten überzeugen, erhalten 200 000 Euro für die Umsetzung ihres Projekts. Ich für meinen Teil wünsche Ha-Neu viel Erfolg.

Über Ramona Wendt

Erstellt: 06.08. 2015 | Bearbeitet: 27.01. 2016 23:06