Aug 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 61 Rubrik 0

Rennen um das eigene Leben

Jährlich lassen tausende Pferde für den Rennsport, der zur Freizeitbeschäftigung und Geldeinnahmequelle vieler Menschen dient, ihr Leben. Sie werden meist schon viel zu früh eingeritten und müssen unter extremem Stress Höchstleistungen erbringen. Wofür also diese ganze Tierquälerei?

9. Das Rennen ums eigene Lebens(Pferd 2)_Sarah Ketzschmar

Illustration: Sarah Kretzschmar

Vor etwas mehr als zwei Jahren bin ich noch mit einer jungen Stute in meinem Alter auf der Jungpferdekoppel um die Wette gerannt. Nur aus Spaß, um zu testen, wie sich der Wind in meinen Haaren anfühlt und der Boden unter meinen Hufen vibriert. Doch unser Leben war vorbestimmt. Wir sind beide gezüchtete Rennpferde. Unsere Aufgabe ist es, Rennen zu gewinnen.

Als wir noch nicht einmal zwei Jahre alt waren, das heißt, noch nicht ausgewachsen – meine Vorderbeine waren noch etwas kürzer als meine Hinterbeine –, kam ein Mann zu uns. Nach eingehender Betrachtung wurden eine junge Stute und ich in einen Transporter gesteckt. Dann ratterte es, und ich hatte auf einmal Probleme, mein Gleichgewicht zu halten. Nach Verstummen dieses grauenvollen Geräusches öffnete sich die Luke, und wir waren weit weg von unserem Zuhause.

Seitdem wir einen Huf auf den Boden gesetzt hatten, war unser Schicksal besiegelt. Von nun an kamen wir jeden Tag unter den Sattel. Dieser drückte am Anfang so sehr. Eine Stunde war erträglich, jede weitere eine Qual. Ich war anfangs noch sehr unsicher auf den Beinen. Das lag einerseits daran, dass ich durch meine kürzeren Vorderbeine größtenteils diese belastete, andererseits an dem Jockey, der mich trainierte und dessen ungewohntes Gewicht auf meinem Rücken lastete. All das machte es mir noch schwerer, im Galopp das Gleichgewicht zu halten. Doch ich weigerte mich nicht, bis an meine Grenzen zu gehen, aus Angst, er würde ein weiteres Mal mit seiner Gerte auf mich einschlagen. Jeder Schlag brennt wie Feuer.

Nach dem Training brannten meine Beine, zwar wurde ich kurz mit Wasser angespritzt, doch das linderte die Schmerzen nur kurzzeitig. Am liebsten hätte ich mich einfach hingelegt und darauf gehofft, dass es kein Morgen gibt.

Doch die Sonne ging immer wieder auf, und jeden Morgen Punkt sieben stand der kleine Mann vor mir, den Sattel in den Armen haltend, um mich ein weiteres Mal über den Trainingsplatz zu jagen. Aus meiner Box konnte ich die Stute, die mit mir hierhergekommen war, oft nach dem Training sehen. Sie atmete schwer. Ihre Augen waren oft weiß vor Angst, als ihr Jockey am Morgen vor ihrer Box auftauchte.

Nun war mein Kopf auch noch etwas gewachsen, aber meine Trense wurde nicht sofort angepasst, sodass jeden Tag ein enormer Druck auf meiner Stirn und meinem Gebiss lastete. Es ist mit Kopfschmerzen vergleichbar. Jeder Mensch hätte sich eine Tablette genommen und ins Bett gelegt. Ich wurde trainiert.

Nach nicht mal mehr einem halben Jahr sahen wir dann auch den Mann, der uns auf diesen Hof gebracht hatte, wieder. Er war der Besitzer von der Stute und mir. Der Grund für das zeitige und harte Training. Warum durften wir uns nicht langsam an den Sattel gewöhnen? Weswegen wurde nicht erst gewartet, bis wir ausgewachsen sind? Damit wir zeitig in Rennen starten konnten. Geld einbrachten. Und nun war die Zeit gekommen. Unser erstes Rennen stand bevor. Eine ganze Woche lang bekamen wir nun Spritzen in die Beine, die sowieso schon wehtaten, weil unsere Sehnen überlastet waren. Und wozu das Ganze? Um noch schneller laufen zu können.

Heute ist nun der Tag des Rennens. Die Zuschauer tummeln sich auf der Tribüne, nur um zu sehen, wie wir rennen.

In Windeseile werden wir gesattelt und eine Runde geführt, damit die Zuschauer sehen können, auf wen sie wetten wollen. Viele Pferde sind extrem aufgeregt, auch andere Pferde haben Schaum vor dem Mund, reißen die Köpfe nach oben, um den äußerst straffen Zügeln zu entkommen, oder bäumen sich teilweise auf.

Ich habe kein Problem damit, diese Runde zu laufen, aber diese Lautstärke, mit der die Stimme eines Sprechers aus dem Lautsprecher dröhnt, macht mich total nervös. Manch ein Pferd hat sich jetzt schon mehrere Male erschrocken, vor herumfliegenden Plastiktüten oder schreienden Kindern. Sie sind für ein solches Ereignis viel zu schreckhaft. Deswegen legt man ihnen nach der Runde auch einen Sichtschutz an. Dieser soll verhindern, dass sie die Dinge um sich herum sehen. Sie können nur nach vorne schauen.

Die Glocke ertönt, und wir werden alle in den Startapparat hineingeführt. Ein anderes Pferd wehrt sich. Ich kann nur aus dem Augenwinkel sehen, dass sieben starke Männer an ihm zerren und drücken. So wie sie an den Zügeln ziehen, muss es gerade höllische Schmerzen erleiden. Unsere Gebisse sind nämlich sehr empfindlich, und bei einem ganz normalen sanften Zug am Zügel wirken schon fünf Kilogramm allein auf unser Gebiss.

Nach knapp fünf Minuten haben sich alle Pferde ihrem Schicksal ergeben. Ihre Nüstern sind weit aufgebläht, und sie atmen schnell und schwer. Viele treten mit ihren Hufen nervös gegen die Tore. Dann ertönt das Startsignal, und die kleinen Tore öffnen sich. Mein Jockey schlägt mit der Gerte wie wild auf mich ein. So hart hat er mich noch nie geschlagen. Ich presche mit allen Pferden davon. Ein Pferd ist ein wenig schneller als ich und somit direkt vor mir. Ich sehe, wie auch der Jockey erbarmungslos auf es einschlägt. Plötzlich merke ich, dass etwas anders ist. Das Pferd strauchelt. Doch der Jockey schlägt weiter in noch kürzeren Abständen. Dann bricht das rechte Hinterbein des Pferdes, und es läuft noch einige Meter auf drei Beinen weiter. Das schmerzerfüllte Wiehern hallt in meinen Ohren. Ich will anhalten, doch mein Reiter schlägt wie wild auf mich ein. Ich werfe dem Pferd noch einen letzten Blick zu.

Im Ziel angekommen, warte ich vergebens. Ich drehe mich um, versuche einen Blick auf die Rennbahn zu werfen. Doch das Pferd wird nie das Ziel erreichen. Es stirbt mit nicht mal mehr drei Jahren.

Es gibt gute und schlechte Beispiele im Pferdesport. Dieses ist eines der schlechten.

Die Tiere können auch einfühlsam antrainiert werden, wenn sie ausgewachsen sind. Auch Pferde, die »erst« mit vier oder fünf Jahren eingeritten werden, können noch Bestleistungen erbringen. Des  Weiteren muss es, nicht nur im Rennsport, auch in der Dressur, dem Springreiten oder der Vielseitigkeit, ein Miteinander sein. Der Reiter ist einfach dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sein Pferd unverletzt die Rennbahn oder den Parcours verlässt. Klar muss man Pferde nicht in Watte packen, aber man sollte sie nicht aufgrund von Leistungs- oder Gelddruck zu Bewegungen zwingen, die ihnen schaden.

Sei es die Rollkur, zu hohe Sprünge oder zu schnelles Rennen im jungen Alter.

Über Sarah Kretzschmar

Erstellt: 06.08. 2015 | Bearbeitet: 05.08. 2015 10:12