Jun 2015 hastuUNI Heft Nr. 60 0

Reden durch Reden meistern

Steht ihr auf Kriegsfuß mit der eigenen Art Vorträge zu halten? Schon seit 2006 lernen Studierende im ASQ „Rhetorik“ alles zu Themen wie Sprechangst, Argumentationstechniken und der Kunst Reden zu halten.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Advokatenweg 37, 8.20 Uhr, kurz vor Beginn des Seminars. Mit einem freundlichen Lächeln und einem festen Händedruck begrüßt mich Dozentin Ulrike Trebesius-Bensch und öffnet die Tür zu Raum 2.3. Einen Moment genieße ich das schummrige Licht und die Stuckdecke, allein vor einem Spiegel, zwischen Stuhltürmen und Gymnastikbällen. Dann füllt sich der Raum mit Kommilitonen, die routiniert einen Stuhlkreis aufstellen. »Die Neuen kommen in die Mitte. Auf den Ball!«, droht man mir scherzhaft. Zum Glück bleibt es beim Scherz. Kurze Zeit darauf sind alle an ihren Plätzen. Nach einer kurzen Stadt-Land-Fluss-artigen Adjektiv-Übung stehen für die heutige über dreistündige Sitzung Arten von Reden und Stichwortzettelsysteme auf dem Plan.

Der Mix aus spielerischen Übungen, handfester Theorie und praktischen Aufgaben soll die Teilnehmer befähigen, ihre rhetorischen Fähigkeiten zu verbessern. Dies ist dabei nicht nur unter dem Aspekt des freien Vortragens zu verstehen: die Veranstaltung lehrt die Grundlagen, um Reden zu analysieren, gibt die Möglichkeit, auf vielen Ebenen über Kommunikation zu reflektieren und die Wirkung eigener Reden auf andere kennenzulernen.

Kommilitonen und Dozentin geben Feedback zu den Kategorien des individuellen Wirkungsstils nach Helmut Geißner und Klaus Pawlowski: Denkstil (u.a. Gliederung und Logik), Sprachstil (Aspekte der Wortwahl und des Satzbaus), Sprechstil (u.a. Stimmklang und Tempo) und Schauform (Mimik und Gestik). So wird ersichtlich, wo die eigenen Stärken  und Schwächen liegen.

Das gegebene Feedback ist dabei nicht als Anweisung oder Verbesserungsvorschlag konzipiert, sondern soll den Teilnehmern helfen Eigen- und Fremdwahrnehmung abzugleichen und das eigene Bewusstsein für diese Faktoren zu schärfen.

In einem Seminar über Rhetorik kommt die eigentliche Kommunikation miteinander natürlich auch nicht zu kurz. In den knappen, von grauer Theorie geprägten Teilen des Seminars herrscht eine zurückhaltende Atmosphäre, wie sie wohl jeder schon selbst in Seminaren erlebt hat – inklusive Handyspielereien, ganz ohne Tischplatte, unter der man das Gerät verbergen könnte. Beim gemeinsamen Überlegen, den Übungen und praktischen Aufgaben kommt jedoch eine ganz eigene Gruppendynamik zustande: Die zuvor erwähnte Adjektiv-Übung sorgte für viele Lacher und die humorigen Texte, die die Dozentin für die Stichwortzettelübung wählte, sorgen ebenso für amüsante Momente. Als es gilt, die zu Stichworten verkürzten Texte als Rede vorzutragen, versuchen die Kommilitonen sich süffisant die Rolle des ersten Sprechers zuzuschieben und beim nachfolgenden Feedback lacht so mancher über seine sprachlichen Ticks. Die Stimmung ist beim Großteil der Gruppe gelöst, die Handys sind gar nicht mehr so interessant und es gibt erstaunlich wenig Geflüster unter Sitznachbarn – stattdessen werfen die Kommilitonen gerne ihre Gedanken in den Raum. Kurz: Die Seminargruppe kommuniziert und interagiert ganzheitlich.

Laut der Dozentin ist es auch nicht selten, dass die im ASQ geknüpften Kontakte über das Seminar hinaus bestehen bleiben. Auch bei ihr selbst haben sich ehemalige Teilnehmer gemeldet, mit denen sie nun über XING in Kontakt steht.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Zu einem großen Teil trägt Ulrike Trebesius-Bensch zu der gelösten Atmosphäre bei: Sie gestaltet den Ablauf flexibel, versteht Studenten, die halb neun Uhr morgens noch nicht auf der Höhe ihrer geistigen Kräfte sind und geht es ruhig an. Sie ist in der Lage die Stimmung im Raum zu lesen und offen damit umzugehen: »Zu viel Theorie heute, ich texte sie zu«, sagt sie an einer Stelle nonchalant und hält das Seminar trotzdem weiter am Laufen. Kurz darauf versteht sie es, mit ihrem stimmlichen Können die Aspekte des individuellen Wirkungsstils durch humorige Überspitzungen zu verdeutlichen. Sie bevorzugt für das ASQ ein »System der kleinen Schritte«. Der Fokus liegt auf den Einzelteilen des großen Ganzen; so führt sie die Teilnehmer gezielt durch das weitläufige Feld der Rhetorik.

Auf die Frage hin, mit welchen Zielen die Studenten ihr Seminar besuchten, erklärt sie, dass die  Ziele der meisten Studierenden anfänglich sehr diffus seien. Nachhaken bringe dann aber Konkretes, wie etwa die Wünsche nach weniger Versprechern, sichereren Vorträgen oder Akzente loszuwerden. Auch ein Teil der aktuellen Teilnehmer will an Aspekten wie Sprechsicherheit oder Argumentationstechnik feilen. Andere schätzen die interdisziplinäre Anwendbarkeit des Vermittelten oder finden das ASQ schlicht interessanter als die anderen Angebote der Universität. Trebesius-Bensch selbst sieht auch kein Problem darin, ohne konkrete Ziele in das ASQ zu gehen und alles auf sich zukommen zu lassen.

Auf die Frage hin, welchen Nutzen die Kommilitonen bisher aus dem Seminar für sich ziehen konnten, meinten einige schon erste persönlich Erfolge für sich verzeichnen zu können, zum Beispiel die harsche Kritik an sich selbst abgemildert zu haben. Andere waren skeptisch, ob sich das neu Gelernte gegen die inzwischen angewöhnten eigenen Methoden durchsetzen könne. Durchweg positiv bewertet wurde das Arbeitspensum für das ASQ: In den Blöcken wird man gefordert und es gilt eine Rede zu analysieren, sowie eine eigene zu einem frei gewählten Thema zu halten, im Gegenzug gibt es jedoch keine allwöchentlichen Textmassen zu bewältigen, wodurch sich das ASQ besser in den Stundenplan einfüge. »Die Aufwand/Nutzen-Balance ist gut«, resümiert ein Student der Medien- und Kommunikationswissenschaften nebst Kunstgeschichte.

Verspürt ihr beim Gedanken daran ein Referat zu halten Unwohlsein? Habt ihr den Wunsch eure  Art zu reden zu analysieren? Oder seid ihr einfach daran interessiert, mehr über die zwischenmenschliche Kommunikation zu erfahren? Dann bietet euch das ASQ »Rhetorik« eine angenehme Atmosphäre, um sich auszuprobieren und zu verbessern, sofern ihr euch mit den Methoden der Veranstaltung arrangieren können, die sich auf die Prinzipien der Gruppenarbeit und des »reden lernen durch reden« stützen.

 

Über Hagen Gehritz

Erstellt: 06.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 20:27