Aug 2015 hastuPAUSE Rubrik 0

Pferde in den falschen Händen

2. Artikel Pferd online

Illustration: Sarah Kretzschmar

Nicht nur im Spring- und Rennsport steht das Wohl der Pferde in vielen Fällen nicht mehr an erster Stelle, sondern auch in der Dressur oder beim Westernreiten hat man in den letzten Jahren oft beobachten können, dass gehäuft fragwürdige Trainingsmethoden praktiziert werden. Angefangen im Leistungssport bis hin zu den Freizeitreitern, die dem schlechten Beispiel der Sportler folgen.

Dehnung oder Qual?

Dazu zählt unter anderem die Rollkur. Dies ist eine Trainingsmethode, bei der durch gewolltes Herabziehen des Pferdekopfes mit Hilfe der Zügel in Richtung Brust der Hals des Pferdes gewölbt wird, sodass der Hals der Tiere schmerzhaft überdehnt wird. Des Weiteren weist der untere Halsmuskel während der Hyperflexion eine unnatürliche Daueraktivierung auf. Dies kann im schlimmsten Fall zu einem krampfartigen Zustand führen, was wiederum Atemnot zur Folge haben könnte. Diese Haltung vermindert circa 50 Prozent der Luftzufuhr. Um Leistung zu erbringen brauchen so gerittene Pferde somit eine höhere Herzfrequenz, was wiederum weitere Schäden verursacht. Außerdem können schmerzhafte Drüsenentzündungen entstehen. Die Pferde sehen nur nach unten, können nur den Boden sehen. Dies macht ihnen losrennen also fast unmöglich, da sie nicht sehen können wohin. Somit sind sie gezwungen auf die Hilfen des Reiters zu hören.

Desweiteren werden sie in dieser Position stark vom Reiter dominiert, können sich aus der Haltung nicht befreien. Das Ziel dieser Methode ist es, die Tiere für Kommandos empfänglicher beziehungsweise gefügiger zu machen.

Überdies ergaben Studien beim Grand Prix im World Cup Finale 2008, dass es einen unverkennbaren Zusammenhang zwischen Halswinkel und der Höhe der vergebenen Punkte bei der Dressurprüfung gibt. War der Pferdekopf hinter der Senkrechten, gab es höhere Punkte. Ein weiterer Grund, weswegen Pferde der Rollkur ausgesetzt werden.

Schaut man sich Videos von berühmten Dressurreitern vor einigen Jahrzehnten und heute an, kann man erkennen, dass die Pferde in den früheren Jahrzehnten mehr vor der Senkrechten gegangen sind und die aktuelleren Spitzenpferde vermehrt an oder leicht hinter der Senkrechten gehen (Rollkur).

Außerdem bewegen sich die Vierbeiner heutzutage, ausgenommen im Schritt, wesentlich sensationeller, machen also größere und teilweise unnatürliche Bewegungen. Gewiss hat die Zucht dazu beigesteuert, dass die Bewegungen ausdrucksvoller aussehen, allerdings können Reiter durch diese wiederum Techniken anwenden, die den Trab spektakulärer machen, auch wenn sie dem Tier schaden. Eine Methode ist es, die Pferde an den Takt (räumliche und zeitliche Gleichmaß aller Schritte, Tritte und Sprünge) anzulehnen. Hierbei wirkt der Reiter rückwärts auf das Pferdemaul ein, wenn das Vorderbein im Ablauf den höchsten Punkt erreicht. Das führt dazu, dass der Bewegungsablauf für einen Bruchteil einer Sekunde innehält. Dabei wird das Durchfußen des Hinterbeines (Moment bevor das Bein aufsetzt) verhindert, was zu muskuläre Dysbalancen zwischen der Gruppe der Bauch- und Rückenmuskeln und somit zu Fehlhaltungen führen kann. Diese können heftige Schmerzen und sogar dauerhafte Schäden herbeiführen.

Stress und seine Folgen

Des Weiteren werden Kandaren verwendet. Das ist ein nicht gebrochenes Gebissstück mit enormer Hebelwirkung und kann bei falschem Gebrauch zu Verletzungen im empfindlichen Pferdemaul führen. Im Extremfall kann sogar der Kiefer des Pferdes brechen. Eigentlich dient das Reiten mit der Kandare zur Verfeinerung der Hilfegebung (Einwirkungen des Reiters auf sein Pferd). Die Kandare hat eine bis zu siebenfach erhöhte Wirkung. Jedoch benötigen sowohl Reiter als auch Pferde einen fortgeschrittenen Ausbildungsstand. Selbst dann kann es immer noch bewusst oder unbewusst zu falscher Anwendung der Kandare kommen, sodass das Tier unnötigerweise Schmerzen durch die Hebelwirkung erleidet. Außerdem steht das Pferd im Verhältnis zu einem normalen Trensengebiss unter Stress. Dies führt zu einer verspannten Haltung. Verkrampft die Rückenmuskulatur und die im Wechselspiel der Agonisten und Antagonisten befindliche vorführende Muskulatur, können die Hinterbeine nicht mehr geschmeidig nach vorne geführt werden. Die Hinterhand des Pferdes tritt nun nicht mehr aktiv mit und die Rückenmuskulatur verspannt sich weiter. Dadurch entsteht Disharmonie zwischen Vorderbeinen und Hinterbeinen, welche ihren Rotationspunkt im Bereich der Lendenwirbelsäule und des Lumbosakralgelenks findet. Da dieser Bereich nicht für eine solche Bewegung geschaffen ist, führt jene Art der Arbeit zwangsläufig zu heftigen Rückenschmerzen und degenerativen Veränderungen in diesem Bereich.

Mit einer lockeren Muskulatur jedoch kann optimale Leistungsfähigkeit erreicht werden und der Rücken des Pferdes kann losgelassen schwingen. Es längere Zeit in einer bestimmten Haltung zu reiten, widerspricht demzufolge allen Regeln der Trainingslehre und Biomechanik. Ein häufiger Wechsel der Haltung, Wechsel zwischen Dehnung und vermehrter Aufrichtung, zwischen Anspannen und Abspannen ist demnach wertvoll und wichtig für das Wohlergehen des Pferdes.

Das Sportpferd – ein Lebewesen?

Über kürzere oder längere Zeit gehen falsch gerittene Pferde an Haltungsproblemen kaputt. Können sie die hohen Erwartungen im Hochleistungsport nicht erfüllen, sinkt ihr Wert drastisch. Vor solchen Wertverlusten haben viele Reitsportler Angst, weswegen viele Pferde, wie auch der berühmte Dressurhengst Totillas, nicht mehr artgerecht gehalten werden. Aus Angst vor Verletzungsgefahren werden sie in Führmaschinen trainiert, sehen fast nie Tageslicht und können sich deswegen nicht austoben. Außer Führmaschinen, Reitern und ihrer Box kennen sie nichts. Solche Pferde verletzen sich tatsächlich häufiger, sollten sie mal raus gelassen werden. Schließlich können sie mit der selten gewonnen Freiheit nicht umgehen. Auch hierdurch entstehen schwere Haltungsmängel.

Weitere Informationen zum Pferdereitsport erhältst Du in unseren weiteren zwei Artikeln:
Rennen um das eigene Leben
Leistungssportinstrumente oder Tiere

Über Sarah Kretzschmar

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Erstellt: 17.08. 2015 | Bearbeitet: 17.08. 2015 14:37