Jan 2015 hastuPAUSE Nr. 58 0

Nase voll?!

»Checkpoint C« bietet Crystal-Konsumenten eine anonyme Sprechstunde in Halle

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Das Projekt »Checkpoint C« ist eine von Studenten der Medizin und der sozialen Arbeit ehrenamtlich geleitete Sprechstunde für Crystal-Konsumenten und deren Angehörige. Hier kann man sich nicht nur anonym beraten lassen, sondern auch einen kostenlosen Gesundheitscheck bekommen. Um mehr zu erfahren, haben wir uns mit Julia Walta unterhalten; sie studiert soziale Arbeit und arbeitet an dem Projekt mit.

Wer ist an dem Projekt Checkpoint C beteiligt?

Wir sind Studenten der Medizin und der sozialen Arbeit. Wir sind für dieses Projekt alle speziell ausgebildet worden – die Mediziner bei einem Suchtmediziner und wir Studenten für soziale Arbeit im Drogenhilfesystem in Halle und Umgebung. Wenn wir unsere Sprechstunde anbieten, haben wir unten aber auch Senior-Experten sitzen, auf die wir zurückgreifen können, wenn wir nicht weiterkommen. Aber in der Sprechstunde selbst sind nur wir.

Wie entstand die Idee für das Projekt?

In der Hochschule Merseburg haben wir eine ganze Vorlesungsreihe zum Thema »Drogen«. In einem Praxismodul ist die Idee entstanden, eine solche Sprechstunde anzubieten, da Crystal regional gerade ein großes Thema ist.

Es gibt in Halle ja auch andere Drogenberatungsstellen. Was unterscheidet euch von diesen?

Ich denke, das ist vor allem erst mal unser Anspruch und unser Menschenbild. Wir treten Substanzen generell offen gegenüber, das heißt, wir lehnen Drogenkonsum nicht pauschal ab. Wir gehen prinzipiell davon aus, dass jeder Mensch, der irgendeine Substanz konsumiert, davon einen Nutzen hat. Uns geht es eher darum, dass ein Drogenkonsument es dann so anstellt, dass er in der Lage ist, die Nebenwirkungen seines Konsums abzufedern. Wir geben Safer-Use-Ratschläge. Was kann ich tun, um langfristig gesund zu bleiben? Auf was muss ich achten? Was ist besonders gefährlich? Was ist besonders risikoreich? Um diese Aufklärung geht es uns hauptsächlich.

Julia Walta von »Checkpoint C«.  Foto: Jule Szymanowski

Julia Walta von »Checkpoint C«.
Foto: Jule Szymanowski

Bei uns definiert der Konsument das Problem und nicht wir. Niemandem, der zu uns kommt, werden wir mit der Abstinenzkeule begegnen und ihm mit »Keine Macht den Drogen« kommen. Wir wollen, dass die Leute erst mal ankommen und uns erzählen, was los ist und wir gemeinsam schauen, wie viel »Macht« sie den Drogen überhaupt geben wollen.

Es geht bei uns also nur in die Richtung, in die die Konsumenten möchten. Wenn jemand also von den Drogen loskommen möchte, können wir ans Drogenhilfesystem weiterleiten; wir können aber ebenso gut gemeinsam schauen, wie der Konsum nicht problematisch wird. Und wenn der Konsument nur einen medizinischen Check-up will, ist das auch in Ordnung.

Häufig geht es auch nur ums Zuhören. Gerade Angehörige wollen manchmal gar keine Lösung, sondern wollen nur reden. Gerade das kann ein Bewusstsein für die problematischen Punkte des eigenen Konsums schaffen.

Wieso habt ihr euch entschieden, euch auf die Droge Crystal zu spezialisieren?

Einfach gesagt: weil es großen Bedarf gibt. Wir haben festgestellt, dass der Umgang mit Crystal Meth im Drogenhilfesystem ein großes Fragezeichen darstellt. Viele Multiplikatoren – also Jobcenter und Jugendämter und ähnliche Institutionen – wissen nicht, wie sie den Konsumenten gegenübertreten sollen und wissen auch zu wenig über die Droge selbst.

Auf der anderen Seite besteht das Problem, dass man die Konsumenten kaum erreicht, weil da ein ganz niedriges Problembewusstsein herrscht.

Das hat auch viel mit Angst und Unsicherheit zu tun. Es wird zwar häufig in den Medien »Die Horrordroge Crystal Meth« thematisiert, aber es gibt durchaus Konsumenten, die das jahrelang konsumieren mit stabilen und kontrollierten Konsummustern – das ist vielen unbekannt.

Wird euer Angebot denn von Konsumenten in Anspruch genommen?

Das läuft in der Anfangsphase gerade noch etwas schleppend. Wir hatten zwar schon Konsumenten da, aber eher wenige. Was uns viel erreicht, sind Multiplikatoren. Also Institutionen wie Jobcenter und Jugendämter, die überfordert sind und die nicht wissen, wie sie Konsumenten gegenübertreten sollen. Es waren auch schon einige Angehörige von Konsumierenden in der Sprechstunde, die Rat suchten. Im Moment strukturieren wir unsere Öffentlichkeitsarbeit neu. Wir hoffen, dass wir da noch mehr Konsumenten erreichen und auf unser Angebot aufmerksam machen können.

Gibt es bestimmte Gruppen oder Altersklassen, die Crystal eher konsumieren als andere?

Das kann man so nicht sagen. Crystal zieht sich durch alle Kreise. Studenten, Büroangestellte, klassische Partygänger. Gerade für Menschen, die unter Leistungsdruck stehen, macht Crystal halt sehr viel. Somit ist das für viele Menschen sehr interessant. Gerade in unserer Leistungsgesellschaft findet Crystal Meth viel Anklang, da das halt einfach eine Leistungs­droge ist. Man ist länger wach, kann länger arbeiten, kommt besser durch den Tag, kann psychische Probleme bewältigen, Hemmschwellen abbauen und durch die Nähe zur tschechischen Grenze ist es auch noch günstig zu erwerben. Das macht es für viele so reizvoll. Zum Beispiel für Studenten in der Klausurphase. Wenn du fünf, sechs Klausuren in zwei Wochen hast, dann kannst du durch Crystal wach bleiben, bist leistungsfähig, kannst gut neue Lerninhalte aufnehmen. Oder bei jungen Mädchen ist der Grund häufig, dass das Abnehmen durch Crystal sehr leicht fällt. Denn wenn man Crystal konsumiert, fehlt einem der Appetit. Crystal ist ein Multitalent und passt ziemlich hervorragend in den aktuellen Zeitgeist. Aber das ist halt nur eine Seite der Medaille.

Da ihr selber noch studiert, therapiert ihr nicht. Wie kann man sich eine Beratung von euch vorstellen?

Wir sind ein niederschwelliges Angebot, das heißt, man erreicht uns anonym, ohne Termin oder sonstigen Vorlauf. Man kann also zu uns kommen und muss keinerlei Daten angeben oder die Chipkarte abgeben. Man kann einfach herkommen und bekommt eine psychosoziale Beratung und einen kostenlosen medizinischen Check-up. Das ist innovativ, das gibt es sonst nirgendwo. Das Ganze läuft recht ungezwungen ab. Von unserer Seite sitzen in der Sprechstunde zwei Studierende. Einmal aus der Sozialen Arbeit und einmal aus der Medizin. Falls wir einen Punkt in der Sprechstunde mal nicht gleich klären können, haben wir während der Sprechzeit sogenannte Senior Experts im Hintergrund, die wir kontaktieren können. Das sind erfahrene Ehemalige aus der Suchtmedizin und der Sozialarbeit. Wir versuchen im Team mit den Konsumenten herauszufinden, was die wichtigen Fragen und Baustellen sind und wie man sie am zielführendsten angehen kann. Ist das einmal geklärt, vermitteln wir weiter. Das heißt, in der Regel kommt man nur einmal zu uns und kann dann entweder ins Drogen-Hilfe-System weitergeleitet werden, oder wir beantworten nur die Fragen, die aufgekommen sind.

Logo: Checkpoint C

Logo: Checkpoint C

  • Kontakt: Reformhaus Halle e. V. Haus der Bürgerbewegung, Große Klausstraße 11, 06108 Halle
  • Sprechstunden: Dienstag: 17.00 bis 19.00 Uhr
    Donnerstag: 17.00 bis 19.00 Uhr

Über Jule Szymanowski

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Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 23:13