Jun 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 60 0

Mit Sicherheit verliebt

Wie ein schwedisches Modell in Deutschland Schule macht und das im wahrsten Sinne des Wortes.

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Illustration: Robert May

Sex. Aids. Pornographie. Auch in unserer heutigen Zeit noch immer ein eher an den Rand geschobenes Themenfeld. Jeder kennt diese Begriffe, ob sie jeder versteht, ist zu bezweifeln. Schnell wird klar, hier muss interveniert werden.

So startete bereits 2001 in Rostock, angeregt durch ein Treffen der IFMSA (International Federation of Medical Students» Associations), mit einem Workshop für Medizinstudenten, ein Projekt mit dem Namen Mit Sicherheit verliebt. Es widmet sich genau diesem auch heute noch in vielen Kreisen schlichtweg ignorierten Thema. Das in den Neunzigern in Schweden konzipierte und zunächst auf Mecklenburg-Vorpommern begrenzte Projekt weitete sich jedoch schnell auch auf andere Bundesländer aus.

Gegliedert ist die seitdem bundesweit agierende Arbeitsgruppe in kleinere Lokalgruppen, deren Anzahl sich inzwischen auf 35 beläuft. Um die Arbeit inhaltlich zu verbessern und neue Verfahrenswege zu finden, wird jährlich ein Treffen der Lokalgruppen veranstaltet, dieses Jahr war es in Essen. Dennoch geht jede Gruppe individuell vor, da man sich nur so auf unterschiedliche Gegebenheiten passend einstellen kann. Weiterhin wirkt dies dogmatischen Strukturen vor.

Auch Neuerungen gegenüber ist man aufgeschlossen, sofern sie der Verbesserung dienen. So sind es bei dem Lokalprojekt hier in Halle schon lange nicht mehr nur Medizinstudenten, die sich dieser wichtigen Arbeit annehmen. Seit einem Jahr rekrutiert man auch Studenten aus allen anderen Studiengängen der Universität. Inzwischen gibt es Mitwirkende aus den Bereichen Soziologie, Erziehungswissenschaften und sogar der Juristik. Auf diese Weise möchte man verhindern, dass in den Gesprächen unbeabsichtigt zu viel Fachsprache Anwendung findet. Außerdem hebt es die Angelegenheit auch auf eine allgemeingültige Ebene.

Dass es sich aber keineswegs um eine bloße Aufklärungskampagne handelt, wird schnell klar, wenn man sich mit den Zielen des Projektes beschäftigt. Mit Sicherheit verliebt ist nicht darauf aus, die sexuelle Aufklärung der Heranwachsenden zu übernehmen. Das liegt auch weiterhin in der Verantwortung der Lehrer und der Eltern. Vielmehr wird eine Ergänzung der bereits bestehenden Grundlagen angeboten.

Schon an der Themenwahl, derer man sich verschrieben hat, ist diese Tatsache deutlich zu erkennen. Es geht vor allem um Prävention hinsichtlich HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, aber auch die damit verbundenen Vorurteile, denen schon früh der Boden entzogen werden sollte. Neben Toleranz wird auch auf Ängste und Unsicherheiten eingegangen, die im normalen Unterricht aus zeitlichen Gründen keinen Platz finden. Auch der Umgang mit Pornografie wird thematisiert, was in der heutigen Zeit leider allzu oft unter den Tisch fällt.

Die Vermittlung des Wissens erfolgt nach dem PeerEducation-Prinzip. Das bedeutet, dass man das Lehrer-Schüler-Verhältnis ein wenig auflockert, was durch den geringeren Altersunterschied der Lehrenden zu den Schülern bereits begünstigt wird. Neben Diskussionen werden aber auch Lehrspiele angeboten, die den Schülern den Zugang zum Thema erleichtern sollen. Dabei gibt es Spaßiges, wie die Lösung der Frage, wie viele Kastanien in ein Kondom passen und Ernsthafteres, wie das sogenannte Sex-Alphabet. Hier ist es an den Schülern, zu jedem Buchstaben im Alphabet ein Wort zu finden, welches in einem sexuellen Kontext verwendet werden kann, um die gesammelten Begriffe im Anschluss einzeln durchzugehen und falls es nötig ist, genauer zu erläutern. So sollten am Ende die wichtigsten Fragen aufgearbeitet sein und möglichst nur wenige Unklarheiten bestehen, wie zum Beispiel die Größe des für die Kastanien verwendeten Kondoms.

Logo: AG Mit Sicherheit verliebt

Logo: AG Mit Sicherheit verliebt

Der thematische Inhalt des Projektes variiert auch innerhalb der Lokalgruppen in Bezug auf das Alter der Schüler, die erreicht werden wollen. Momentan befindet sich die Zielgruppe des Projektes in Halle in den 7. bis 9. Klassen der umliegenden Schulen. Doch inzwischen gibt es Pläne, auch in den 10. bis 12. Klassen tätig zu werden. Das birgt Möglichkeiten, aber auch Hindernisse, schließlich schrumpft der Altersunterschied zwischen Studenten und Schüler immens. Um die Angebote und das Niveau trotz allem hochzuhalten und sich den Bedürfnissen der Klassen besser anzupassen, wird am Ende jeder Veranstaltung nach einem Feedback gefragt, welches dann bei den regelmäßigen Treffen durch die Teilnehmer aufgearbeitet wird.

Auch jetzt noch versucht das Projekt, weiter zu wachsen und so gab es am Tag des studentischen Engagements, welcher dieses Jahr am 23. April auf dem Universitätsplatz stattfand, auch einen Stand der Lokalgruppe. Dass diese Werbung Früchte trägt, sieht man, wenn man bei einer der Sitzungen die Interessierten fragt, wodurch sie auf diese Möglichkeit des Engagements aufmerksam geworden sind. Doch auch die Neulinge müssen sich erst einmal einer Einführung in die Thematik des Projektes unterziehen und werden die ersten Male nur zusammen mit Erfahrenen in die Schulen geschickt. Außerdem wurden seit der Gründung vielerlei Kooperationen mit anderen Gruppen wie Aufklärung gegen Tabak e.V. angestrebt, womit ein breiteres Spektrum an Prävention geschaffen wird.

Dennoch bleibt die Zukunft von Mit Sicherheit verliebt offen. Nicht jeder scheint das Projekt gutzuheißen. So wurde es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einer heftigen Kritik unterzogen, wodurch man sich auf der offiziellen Internetseite zu einer Stellungnahme gezwungen sah. Kritik ist und muss auch weiterhin ein wichtiger Bestandteil sein, denn nur so kann gewährleistet werden, dass Ungeeignetes nicht den Weg in eine eigentlich helfende Kampagne findet. Was geeignet ist und was nicht, das muss jeder für sich selbst entscheiden und bei Mit Sicherheit verliebt handelt es sich auch keineswegs um eine Pflichtveranstaltung.

Fragt man Studierende, die sich für das Projekt interessieren und einsteigen wollen, bekommt man immer dieselbe Antwort: Spaß und Nützlichkeit ergeben ein Ehrenamt, an dem man mitwirken möchte. Wenn auch du dich eingehender mit diesem Thema beschäftigen möchtest, findest du im Internet unter den beiden unten angegebenen Adressen die wichtigsten Infos und die bereits erwähnte Stellungnahme zu den Artikeln in der FAZ. Im zweiten Link wird dann explizit auf das Lokalprojekt an unserer Universität eingegangen.

Für weitere Infos gelangt ihr hier zur Internetseite und hier zur Seite des Lokalprojektes Halle.

 

Über Gastbeitrag

Erstellt: 09.06. 2015 | Bearbeitet: 10.06. 2015 17:41