Apr 2015 hastuPAUSE Nr. 59 0

Mit Händen, Füßen und viel Herz

Das studentische Projekt »Willkommen in Halle« unterstützt Kinder und Jugendliche einer hallischen Integrationsklasse mit verschiedenen Schul-und Freizeitangeboten

Foto: Walter Schiefer

Foto: Walter Schiefer

Internationale Klassen haben sich in Deutschland noch nicht etabliert, stattdessen ist noch starkes individuelles Engagement gefragt. An der Sekundarschule Kastanienallee in Halle-Neustadt lernen 27 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren gemeinsam in einer sogenannten Integrationsklasse. Die Schüler kommen unter anderem aus Syrien, Indien, dem Iran, Afghanistan, Rumänien und Bulgarien. Meist haben sie zu Anfang noch sehr geringe Deutschkenntnisse und ganz unterschiedliche Leistungsniveaus. Der Unterricht findet auf Deutsch statt, mit dem Ziel, die Schüler später ihren Schulweg in einer Klasse mit deutschen Schülern fortführen lassen zu können.

Als im Jahr 2013 die Zahl der Flüchtlinge, insbesondere aus Syrien, schnell zunahm, improvisierte Lehrer Uwe Böge zunächst eine Übergangslösung, bis eine reguläre Integrationsklasse eingerichtet werden konnte. Er wandte sich an die MLU um studentische Unterstützung mit einschlägigen Sprach- und Lehrkenntnissen für den »Notunterricht« zu gewinnen. Studierende der Fächer Deutsch als Fremdsprache, Nahoststudien und Arabistik wurden hierbei von Dozenten des Orientalischen Instituts betreut.

Mittlerweile bieten MLU-Studenten im Rahmen des ASQ Projekts »Willkommen in Halle« auch Freizeitaktivitäten für die Schüler an. Im Wintersemester absolvierten elf Studentinnen und ein Student, unter anderem der Anglistik, Erziehungswissenschaften und Arabistik diese ASQ-Veranstaltung. Lehramtsstudentin Hanna erfuhr von ihren Mitbewohnerinnen von dem Projekt und engagiert sich ehrenamtlich. Die Studenten wurden in drei Bereichen aktiv; eine Gruppe begleitete wie schon zuvor den Deutsch-Unterricht und bot vor allem sprachliche Unterstützung, eine weitere organisierte Freizeitveranstaltungen in Halle und die dritte kochte regelmäßig mit den Schülern der Klasse.

Wie ein feuerspuckender Dino

Zwei Schlümpfe, einer reckt eine Hantel in die Luft, der andere trägt einen Blumenstrauß. Ein kleptomanischer Fuchs, ein Wolf in Arbeitskleidung, ein feuerspuckender Dino und ein kleiner weißer Hund mit rosa Wollmütze. Am Ende des Wintersemesters haben sich alle Teilnehmerinnen zusammen mit den Projektorganisatoren Sara Binay und Björn Bentlage im orientalischen Institut zu einem Abschlusstreffen zusammengefunden. Sara Binay ist Interkulturelle Beraterin und hat eine Methode aus der Erlebnispädagogik mitgebracht. Die Teilnehmer sollen eine kleine Figur auswählen, mit der sie sich in Bezug auf das Projekt am besten identifizieren können und erklären, warum ihre Wahl auf diese Figur fiel.

Foto: Jacob (CC BY-NC-SA 2.0)

Foto: Jacob (CC BY-NC-SA 2.0)
Bildnachweis siehe unten

Maria hat den Schlumpf mit dem Blumenstrauß in der Hand. Dieser erinnert sie an das zum Ende hin fast freundschaftliche Verhältnis, welches sie zu den Schülern aufbauen konnte, auch wenn diese anfangs oft noch sehr schüchtern blieben und sich nicht richtig öffnen konnten. Doch mit der Zeit besserte sich dies merklich. Nora stammt aus dem Irak und studiert an der MLU Erziehungswissenschaften. Sie hält eine kleine, asiatisch anmutende Figur in der Hand. Diese erinnert sie an das Interkulturelle des Projektes. Als arabische Muttersprachlerin konnte sie, wenn nötig, übersetzen und die Kommunikation erleichtern. Man versuchte jedoch, mit den SchülerInnen vorrangig deutsch zu sprechen.

Viel zu geringes Budget

Noch ist »Willkommen in Halle« ein lernendes Projekt, welches von den Teilnehmern aktiv mitgestaltet und entwickelt wird. Es galt, Lösungen für diverse Probleme zu finden. Was können die Studenten mit der Klasse unternehmen? Die »Unternehmungsgruppe« organisierte zum Beispiel eine kleine Stadtrallye für die Kinder und zeigte ihnen die wichtigsten Orte in der Stadt wie die Saline, die Hausmannstürme, das Händel-Denkmal oder die Marktkirche.

Anschließend bekamen die Schüler beim Mittagessen in der Francke-Mensa noch einen kleinen Eindruck vom studentischen Alltag. So lernten die Schüler der Klasse nicht nur unsere Saalestadt als ihr neues Zuhause besser kennen, sondern auch, sich außerhalb des Schulkontexts zu bewegen. Außerdem konnten sie mit den nur wenige Jahre älteren Studenten freier umgehen als mit Lehrern oder Betreuern. Lisa spricht ehrlich einen Gedanken an, den sie während des Mensa-Besuchs hatte. Wie würde die Reaktion der Umwelt auf die Gruppe sein? Würden sich alle benehmen? Sie hat einen kleinen »neugierigen Panda« in der Hand. Wie Lisa haben auch die anderen Studierenden im Laufe des vergangenen Semesters gelernt, flexibler zu sein und eigene Denkmuster zu reflektieren.

Eine weitere wichtige Frage war, Sponsoren zu finden, um die Aktivitäten mit der Klasse zu finanzieren. Um solche und weitere Fragen zu beantworten, trafen sie sich einige Male im Semester. Hanna ist nun, zum Ende des Semesters, motiviert, sich ebenso wie die meisten studentischen Teilnehmer weiterhin für »Willkommen in Halle« zu engagieren. Sie fand es erstaunlich und bereichernd, dass die Kommunikation mit den Schülern so problemlos klappt, auch ohne eine gemeinsame Sprache. »Mit Zeigen, Bildern, Mimik und Gestik und einer positiven Grundeinstellung klappt fast alles«, meint sie. Welche Figur wohl die Schüler/innen der Klasse gewählt hätten? Sicherlich eine fröhliche. Umso schöner wäre es, wenn dieses so notwendige Projekt im nächsten Semester fortgeführt werden könnte.


Bildnachweis: Jacob (CC BY-NC-SA 2.0)
flickr.com/photos/unclejakey/5211980797/

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

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Erstellt: 30.04. 2015 | Bearbeitet: 10.05. 2015 02:02