Apr 2015 hastuPAUSE Nr. 59 0

Mausefalle

Ein Comic verbindet menschliche Körper mit einem unmenschlichen Antlitz

Fischer Taschenbuch Verlag, 294 Seiten, 14,95 Euro

Fischer Taschenbuch Verlag, 294 Seiten, 14,95 Euro

Der Himmel öffnet seine Schleusen. Regentropfen fallen auf den Drahtzaun, den Boden und die Dächer der Baracken. Auf die Lastwagen, die in einer langen Kolonne durch das schmiedeeiserne Tor fahren. Der Regen durchnässt alles, verwandelt den Boden in schlammigen Morast, trifft sowohl Wärter als auch Gefangene. Auf den Seiten der Lastwagen ist ein Hakenkreuz zu sehen. Auf dem Torbogen steht, gleichsam eine letzte zynische Demütigung, in großen Lettern »ARBEIT MACHT FREI«. Rundherum Gestalten mit Uniformen und Schlagstöcken. Es ist März 1944. Das Tor von Auschwitz schließt sich.

Was sich liest wie der grausame Traum eines Hollywoodregisseurs, ist in Wirklichkeit ein Comic. Einer, der der »Graphic Novel«, der ernsthaften narrativen Bildergeschichte, eine weiterreichende Bedeutung brachte als wohl jeder andere. Die Rede ist von »Maus – Die Geschichte eines Überlebenden« des amerikanischen Comiczeichners Art Spiegelman, Jahrgang 1948.

Spiegelman gilt als Vertreter des sogenannten »Underground-Comics«, eine Stilform, die während der Siebziger und Achtziger Jahre in den USA entstand und für ungewöhnliche, avantgardistische und teilweise sehr provokante Gestaltungsformen und Zeichenstile steht. Spiegelman prägte sie entscheidend mit seinem Comicmagazin »RAW«. Doch als Opus Magnum seines Schaffens gilt bis heute »Maus«.

Das Werk ist die Geschichte eines Vaters und eines Sohnes, die ein schwieriges Verhältnis zueinander haben, die der Jahre zurückliegende Selbstmord der Mutter und der schwierige Charakter des Vaters zunehmend entfremdet hat. Der Sohn ist der Künstler selbst. Der Vater, Wladek, ein polnischer Jude und Überlebender des Holocaust, hat sich zu einem störrischen, dickköpfigen und geizigen alten Mann entwickelt, der seine Umwelt in den Wahnsinn treibt. Bizarrerweise ist das Einzige, bei dem sich Vater und Sohn nicht in den Haaren liegen, Wladeks Schilderung der Vergangenheit, sein Bericht von der Verfolgung durch die Deutschen und vom harten Kampf ums Überleben in einer zunehmend antisemitischen Gesellschaft.

Es gibt viele Berichte des Holocaust, die eine Sicht auf die Verbrechen der NS-Diktatur bieten, manche davon wahrscheinlich weit umfassender und historischer als eine Bildergeschichte. Dennoch hat ausgerechnet dieser Comic beim Erscheinen seines ersten Teils 1986 weltweite Reaktionen hervorgerufen und ist noch nach 30 Jahren so bedeutsam wie zum Zeitpunkt seines Erscheinens. Ein Comic, der sogar als erster überhaupt mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.

Was ist also das Besondere an »Maus«? Der Titel verrät bereits: Die Menschen in Spiegelmans Buch sind mit Tierköpfen gezeichnet. Amerikaner als Hunde, Franzosen als Frösche, nichtjüdische Polen als Schweine, Deutsche als Katzen und schließlich Juden als – Mäuse. Dieser Schritt mag auf den ersten Blick gewagt erscheinen, doch stellt er in Wirklichkeit einen wichtigen Aspekt des Werkes dar. Die Figuren in »Maus« sind Menschen, sie sprechen und verhalten sich genauso wie wir, sie tragen gewissermaßen Masken. Diese Maskierung macht den Schrecken des Holocaust erst erfassbar: unmenschliche Grausamkeiten, schreckliche Not, und schließlich die alles umfassende Angst. Sie schafft ein wenig Distanz zum Geschehen, ohne es zu verniedlichen. Gerade diese Distanz bringt die Figuren dem Leser umso näher. Sie macht das Grauen begreiflich, aber darum nicht weniger schmerzhaft und betroffen.

Der ureigene Stil von Maus tut sein Übriges, um diese Wirkung zu unterstreichen. In einfachen, schwarz-weiß schraffierten Bildern wird die Geschichte von Spiegelmans Eltern erzählt, in knappen und deshalb umso aussagekräftigeren Sätzen pendelt die Erzählung zwischen der Gegenwart der achtziger Jahre und Wladeks Bericht hin und her.

Dabei benutzt Spiegelman nur sparsam comictypische Stilmittel wie Lautmalereien oder Denkblasen. Die Szenen sind geradezu filmisch gezeichnet, auf das nötigste reduziert und dennoch ungeheuer lebendig. Man meint förmlich die Kälte zu spüren, die in alle Winkel der Baracken von Auschwitz kriecht, den widerlich-süßlichen Gestank nach verbranntem Menschenfleisch zu riechen, der über dem gesamten Lager liegt, die dunklen Rauchwolken zu sehen, welche aus den Schornsteinen der Krematorien aufsteigen. Die Verzweiflung der Gefangenen zu spüren, die nicht wissen, ob sie den nächsten Tag noch erleben werden. Gerade das Medium Comic ermöglicht eine Tiefe, die einem einfachen Text vielleicht fehlt.

Dies ist wohl der wichtigste Aspekt von »Maus«, der Grund, warum dieses Werk eine solch große Bedeutung hat. Dargestellt wird die unverhüllte Wahrheit, zwar aus einem persönlichen Blickwinkel, doch schonungslos in ihrer Direktheit. Nichts wird beschönigt oder beiseitegelassen. Weder die penibel genau dargestellten Lagepläne des Konzentrationslagers, seiner Gaskammern und Verbrennungsöfen, noch die trotz seiner Erfahrungen vorhandene, rassistische Feindseligkeit des gealterten Vaters gegenüber Farbigen (»Noch nicht einmal zu vergleichen sind die Neger und die Juden.«), sein spleeniger Geiz und seine Sturheit.

»Maus« ist erschütternd in seiner Direktheit, schonungslos offen und ausgesprochen menschlich. Gerade für deutsche Leser ist das Buch eine enorm wichtige Lektüre, denn es ermöglicht einen alternativen, persönlichen Blick auf ein Kapitel unserer Geschichte, das manche lieber totschweigen würden. In dem die Katzen mit den Mäusen vor ihrer Ermordung erst noch ein grausames Spiel trieben.

Wenn man liest, wie die spielenden Kinder vor Wladek weglaufen und rufen »Hilfe! Mama! Ein Jude!«; wenn man sieht, wie die alte Nachbarin aus dem Fenster schaut und »Da ist eine Jüdin im Hof! Polizei!« schreit, gefriert einem das Blut in den Adern. Vor Schreck und Scham.

Wenn auch Art Spiegelman nach eigener Aussage mit seinem Werk keine bestimmte Botschaft transportieren wollte, so bewirkt die Lektüre von »Maus« doch mehr Verständnis für jene, die den Schrecken des Holocaust überlebten. Es ist eine nachdrückliche und beständige Erinnerung an eine Vergangenheit, die eines der schlimmsten Kapitel der Menschheitsgeschichte darstellt. Wenn »Maus« dazu beiträgt, dass sich so etwas niemals wiederholt, wäre viel gewonnen.

Aus dem Comic "Maus" von Art Spiegelman

Aus dem Comic „Maus» von Art Spiegelman

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 30.04. 2015 | Bearbeitet: 10.05. 2015 02:02