Jan 2015 hastuPAUSE Nr. 58 0

Ma’atwärts

Auf den Spuren der neuen alten Ägypter. Einblicke in eine ungewöhnliche Praxis, die das Potenzial hat, in einer chaotischen Welt aufzuräumen.

Illustration: Robert May

Illustration: Robert May

Kemet. Der Eigenname des fruchtbaren Nillandes, das wie kein anderes die Menschen durch seine Beständigkeit, seinen Zauber beeindruckt. Eine stumme Macht geht von ihm aus, die bis heute wirkt. Eine Kraft, die global und regional engagierte Leute unter der spirituellen Bewegung des Kemetismus vereint. Doch was macht diese Menschen aus? Eine Unterhaltung hat so manchen Blick hinter sonst verschlossene Vorhänge gewährt.

Sandra Pucher hatte schon immer viele kreative Interessen, die sie sicherlich noch bis in Millionen Jahre beschäftigen könnten. Als Studentin für Design ist das freilich eine gute Voraussetzung. Doch was bewegt sie dazu, solch einer ungewöhnlichen, zeitintensiven Tätigkeit nachzugehen, das alte Ägypten durch rekonstruierte Götterkulte, sowie mit Hilfe der Ordnungsethik »Ma’at« wiederzubeleben? Für sie gibt es viele Wege zur Wahrheit, zu Gleichgewicht und persönlichem Erfolg. Viele Götter weisen den Weg dahin. Als starke, bodenständige Frau begegnet sie ihrer Umwelt.

Aus privatem Engagement forscht Sandra, gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter, in Bereichen der modernen Ägyptologie, in die sich die meisten nicht wagen würden: Die überlieferten Rituale so detailgetreu wie möglich zu zelebrieren. Anschließend können die Erfahrungen von jedem Teilnehmer persönlich verschriftlicht, verglichen und ausgewertet werden. Übereinstimmende Ergebnisse sind dabei besonders relevant, da aus ihnen eine objektiv funktionierende, dem ganzen Ritual zugrundeliegende Technik, ein Konzept, abgeleitet werden kann. So kommt man von der Rekonstruktion zur Technisierung.
Die Zahl der Menschen, die diese Richtung praktizieren, wächst. Regionale Gruppen bilden sich heraus, wie auch im Großraum Halle-Leipzig. Oft sind es junge Menschen mit Vorwissen aus westlichem Okkultismus, modernem Hexentum (Wicca), sowie dem ohnehin durch den Ethnologen Michael Harner und seiner »Foundation for Shamanic Studies« sehr technisierten, modernen Schamanismus. Modern ist Harners Core-Schamanismus vor allem durch seine Unabhängigkeit von Glaubensmodellen. Jeder kann die weltweit durch indigene Völker praktizierte Technik der Geistreise, eine Art traumhafte »Meditation« nach außen, unternehmen, um in nicht alltägliche Realitäten einzutauchen. Menschen wie Sandra haben durch ihre ganz persönlichen »Entdeckungsreisen« erfahren, dass es eine Vielzahl noch unerkannter Naturkräfte gibt, die in Wiccatum und Okkultismus als »Magie« bezeichnet werden. Ritualmagie nutzt dabei in einer Art Schauspiel ganz bestimmte, astronomisch bedeutsame Zeitpunkte, um dieser Kräfte Herr zu werden.

Weiter in die Materie geht man, wenn man sie in ihrer Vielfalt verstehen will. So viele unerforschte Gesetzmäßigkeiten warten darauf, entdeckt zu werden. Erste Ansätze dafür wurden bereits ab 1841 vom Leipziger Naturforscher Karl von Reichenbach geliefert, dessen experimentelle Feststellung der Lebenskraft »Od« zu nennen sei. Doch neben dem Streben nach Wissen ist es noch viel wichtiger, sich selbst zu finden, ein guter Mensch zu werden, der sich als Organell im großen Organismus Natur wiederfindet. Im Streben nach einer solchen tiefen Einheit hilft die Ma’at, nicht nur als Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern auch als abstraktes, vielschichtiges Prinzip. Dabei ist die persönliche Ma’at eine Art freiwilliger Sinnvertrag mit der lebenden, ordnenden Urkraft der Welt. Man selbst legt sich auf, nach Reinheit des Herzens durch das Ablegen von Habgier und Lüge zu streben. Als Vertikale Solidarität bezeichnet Jan Assmann dieses Prinzip, das sehr wohl persönliche Bahnen annehmen kann.

Wer sich für mehr Hintergründe rund um den Kemetismus interessiert, muss sich aktuell noch mit englischsprachiger Literatur befassen, da die Entstehung dieser Bewegung Anfang der 1970er-Jahre in den USA zu suchen ist. Doch auch in Frankreich und Tschechien gibt es rege kemetistische Strömungen. »Heka«, die Magie als verborgene Naturkraft und Wissenschaft, existierte nur vereint in der altägyptischen Kultur. Deshalb ist auch bei der Wiederbelebung nicht nur ein umfangreiches ägyptologisches Wissen von Vorteil. Eine solche Synthese bietet jede Menge Entwicklungspotenzial für den Einzelnen wie die Gemeinschaft.

„Sphäre des Göttlichen im Alltag»

Foto: Sandra Pucher

Foto: Sandra Pucher


Sandra, wie bist du zum Kemetismus gekommen?

Meine erste intensivere Begegnung mit der altägyptischen Kultur hatte ich im Kunstgeschichtsunterricht in der fünften Klasse. Mich faszinierten damals schon der umfangreiche Totenkult und die ägyptische Götterwelt. Im Rahmen von Wicca, Ritualmagie und Schamanismus fand ich dann praktische Werkzeuge, um mit der spirituellen Tradition der alten Ägypter zu arbeiten, die Götter zu verehren und in ihre komplexe Philosophie einzutauchen. Auch das Studium der modernen Ägyptologie ist ein wichtiger Bestandteil meiner Praxis. Als ich dann die amerikanische Kemetismus-Szene kennenlernte, erweiterte sich meine persönliche Praxis um einen großen internationalen Freundeskreis, der mich täglich inspiriert und bereichert.

Was ist dein Antrieb zur spirituellen Praxis?

Die Erhaltung der kosmischen Ordnung, die wir Ma’at nennen. Sie ist essenzielle Lebensgrundlage, in einer kosmischen, sozialen und individuellen Dimension. Jedes lebendige Wesen wird als Mitschöpfer des immer wieder von Neuen beginnenden Schöpfungsprozesses gesehen.

Wie hilft dir persönlich der Kemetismus?

Die täglichen Rituale helfen mir, meine Spiritualität zu strukturieren und die Sphäre des Göttlichen in meinen Alltag zu integrieren, ohne dabei Bodenhaftung zu verlieren. Kemetismus ist sehr pragmatisch und bei Weitem nicht so mystisch und undurchsichtig, wie oft angenommen wird. Nachhaltigkeit, Sozialkompetenz und Stabilität ist bei uns wichtiger als Erleuchtung, Wahnsinnskräfte oder andere spirituelle Superlative. Ich habe dadurch gelernt, die kleinen, unspektakulären Dinge zu schätzen, und bin nicht mehr auf der Suche nach überwältigenden Erfahrungen. Weder im spirituellen noch im zwischenmenschlichen Bereich.

Literatur

Jan Assmann: Ma’at, Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten
Sharon La Borde: Circle of the Sun, Rites and Celebrations For Egyptian Pagans and Kemetics
Sharon La Borde: Following The Sun, A Practical Guide to Egyptian Religion
Ernest Alfred Wallis Budge: Egyptian Magic

Infos im Internet

http://satmaat.wordpress.com/kemetismus-auf-deutsch/
http://www.roundtable.kemeticrecon.com/
http://repokult.blogspot.de/p/aktuelle-veranstaltungen.html

Über Robert May

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Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 23:23