Aug 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 61 Rubrik 0

Leistungssportinstrumente oder Tiere?

Der Pferdeleistungssport hat heutzutage nicht nur Prestige, sondern ist auch eine große Geldeinnahmequelle. Aufgrund menschlicher Gier oder überhöhtem Ehrgeiz werden die Pferde häufig viel zu zeitig zu Höchstleistungen getrieben.

8. Leistungsinstrumente (Pferd 1)_Sarah Kretzschmar (2)Mit zwei Jahren ist das Knochengerüst von Pferden noch nicht ansatzweise ausgewachsen. Trotzdem werden Leistungssportpferde früh übermäßig stark belastet, indem sie mit einem Reiter auf dem Rücken lange Strecken schnell rennen oder über sehr hohe Hindernisse springen müssen. Während Amateure oft nur ein Pferd besitzen und aufgrund finanzieller Engpässe und emotionaler Bindung das Tier fürsorglicher behandeln, spielt dies im Profisport eher eine untergeordnete Rolle.

Spätfolgen durch zu frühes Anreiten

Ein Pferd ist erst im Alter von fünf bis sechs Jahren ausgewachsen. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich das Skelett nicht mehr nennenswert. Bis dahin sollte man darauf achten, dass die Knochen des Tieres nicht zu stark belastet oder die Muskulatur überbeansprucht werden. Knochengerüstschäden sind sehr schwer wieder zu kurieren und können ein Leben lang Schmerzen hervorrufen. Um das zusätzliche Gewicht der Reiter tragen zu können, ohne gesundheitliche Schäden zu erleiden, muss die Rückenpartie von Pferden besonders stark, muskulös und nach oben gewölbt sein. Diese Muskelkraft besitzt das Pferd jedoch nicht von Natur aus. Vergleichbar brauchen Menschen, die eine neue Sportart beginnen, auch ein Muskelaufbauprogramm, genügend Zeit und eine sinnvolle Anleitung, um neue Bewegungsabläufe zu erlernen. Auch beim Pferd dauert es einige Zeit, bis die Muskulatur aufgebaut wird. Das bedeutet, beim Anreiten muss sich Zeit für Boden­arbeit (Arbeit mit dem Pferd, ohne es zu reiten) genommen und das Tier langsam an das zusätzliche Gewicht des Sattels und Reiters gewöhnt werden. Regelmäßige Bodenarbeit ist das Fundament für die Erziehung und Basisausbildung von Jungpferden. Dieses langsame Anreiten der jungen Pferde ist im Leistungssport größtenteils nicht gegeben. Als Geldeinnahmequelle missbraucht, werden sie meist schon mit zwei Jahren angeritten. Aufgrund des instabilen Knochengerüsts kommt es insbesondere im Renn- und Springsport zu vielen Beinbrüchen. Wird der Knochen nicht mehr richtig von Muskeln, Sehnen und Bändern unterstützt, da diese aufgrund von Überlastung ermüden, bricht er.

Nicht immer, jedoch häufig bedeutet für das Pferd ein Knochenbruch das Todesurteil. Auch wenn sie immer auf ihren vier Beinen stehen und diese belasten, können einige wenige Brüche heutzutage operiert werden, sodass die betroffenen Vierbeiner genesen. Allerdings spielt hier das Gewicht der Tiere eine große Rolle. Je schwerer sie sind, desto geringer ist die Chance auf Genesung. Nach einer solchen Operation kann außerdem eine Belastungsrehe folgen. Dies ist eine Krankheit, bei der der physiologische Pumpmechanismus (der die Blutversorgung steuert) unterbunden wird, wodurch es zur Unterversorgung der Huf lederhaut kommt und sich der Huf beinträger löst. Auch hier ist eine Genesung nicht unmöglich, benötigt jedoch sehr viel Zeit und hohe Geldinvestitionen. Sie kann vor allem durch hohe Belastungen, zum Beispiel lange Ausritte auf harten Böden, oder bei Jungpferden durch das zu zeitige Beschweren des Tieres mit dem Gewicht des Reiters und des Sattels ausgelöst werden. Lange Transporte oder Erkrankungen an den Beinen können ebenfalls eine Ursache sein, sodass das Pferd mit den anderen Beinen ausgleichen muss und diese folglich überlastet werden.

Es gibt allerdings Einzelfälle, in denen Pferde trotz gebrochener Beine wieder erfolgreich am Leistungssport teilgenommen haben. Jedoch sind mit Kosten von mehr als 2000 Euro für eine solche Operation zu rechnen. Da diese nur in den seltensten Fällen am Leistungssport teilnehmen können und somit keine Geldquelle mehr darstellen, werden sie meist vor Ort noch eingeschläfert.

Training oder Tierquälerei?

8. Leistungsinstrumente (Pferd 1)_Sarah Kretzschmar (1)

Illustrationen: Sarah Kretzschmar

Fragwürdig sind auch viele Trainingsmethoden. Sei das Pferd nun bereits ausgewachsen oder nicht, ist die Ausbildungsmethode die falsche, können auch hier Langzeitschäden entstehen.

Beispielsweise beim Barren im Springsport: Junge Pferde können die Sprünge noch nicht gut einschätzen, weswegen sie am Anfang ihres Springtrainings die Stange oft touchieren, reißen oder zum Überspringen (Zu-hoch-Springen) neigen. Ältere, erfahrenere Tiere beschränken sich in der Regel auf die notwendige Sprunghöhe. Die Sprungauflagen, auf denen die oberste Stange liegt, sind heutzutage sehr flach, sodass diese sehr leicht herunterfallen kann. Für einige Pferde ist das ein Problem, da sie die Beine nicht anziehen und Hindernisberührung in Kauf nehmen. Diese kann man durch Barren dazu bringen, höher zu springen. Doch was ist eigentlich Barren?

Bei dieser Methode wird nach dem Absprung des Pferdes die oberste Stange von versteckten Helfern oder ferngesteuerten Sprungauflagen angehoben, damit es an die Stange schlägt. Diese kann eine Holz-, hohle Aluminium-, hohle Eisen- oder Bambusstange sein. Das Pferd springt also über ein höheres Hindernis, als es beim Taxieren des Sprunges gesehen hat. Dabei lernt es das Hindernis höher einzuschätzen, als es eigentlich ist. Auch die hohlen Stangen, welche zusätzlich zu der Berührung ein ungewohnt lautes Geräusch erzeugen, animieren das Pferd, die Beine besser anzuziehen und vorsichtiger und höher zu springen.

Leistung durch Spritzen

Ein Pferd, das nicht artgerecht gehalten und trainiert wird, erkrankt auf Dauer. Haltungsschäden oder überlastete Muskeln verursachen Schmerzen, sodass das Pferd am Tag der Prüfung oder des Rennens keine Bestleistung zeigen kann oder der Reiter zu der Erkenntnis gekommen ist, dass es sich nicht eignet. Das Pferd ist an seinem Leistungs­limit angekommen. Der Reiter hat jedoch eine Menge in das Tier investiert und sieht nun den Wert sinken.

Nun gibt es mehrere Möglichkeiten: Man kann das Pferd verkaufen und sich ein neues, eventuell leistungsfähigeres anschaffen, es an der Prüfung oder dem Rennen teilnehmen lassen und auf das Beste hoffen, und es gibt die Möglichkeit der Leistungsverfälschung. Das heißt, die Leistung wird mit Hilfe von Medikamenten gesteigert. Das Tier wird gedopt.

Hat das Tier seine Leistung gebracht, steigt es mehr oder weniger erfolgreich aus dem Hochleistungssport aus und geht in »Rente«. Die Spitzenpferde werden nun zur Zucht verwendet, schließlich sollen die guten Veranlagungen weitergegeben werden. Pferde im Rennsport gehen meist schon mit vier Jahren in Pension, ein Alter, in dem sie noch nicht einmal vollständig ausgewachsen sind. Der Verschleiß des Pferdes macht sich auch weiterhin bemerkbar. So haben viele zu früh eingerittene und zu hart trainierte Leistungssportpferde Haltungsschäden oder können nicht mehr geritten werden. Ihre Lebenserwartungen sinken enorm. Als Leitungssportinstrumente missbraucht, gehen sie zwar vielleicht in die Geschichte ein, konnten aber aufgrund der menschlichen Gier oder von falschem Ehrgeiz kein artgerechtes Leben führen.

Über Sarah Kretzschmar

Erstellt: 07.08. 2015 | Bearbeitet: 17.08. 2015 14:11