Aug 2015 hastuUNI Heft Nr. 61 Rubrik 0

Lehre(nde) auf dem Prüfstand

Im Rahmen des »Tags der Lehre« der Erziehungswissenschaften hat die hastuzeit mit Prodekan Prof. Dr. Georg Breidenstein und Fachschaftsratsmitglied Rebekka Will gesprochen und die beiden – passend zum Thema des Tages »Prüfen und geprüft werden« – ihrerseits einer kleinen »Prüfung« unterzogen.

Foto: Julia Plagentz

Foto: Julia Plagentz

Für dieses Interview drehen wir den Spieß einmal um. Diesmal begeben Sie sich in eine kleine Prüfungssituation. Hier der Aufgabenzettel. Bitte beantworten Sie die Frage »Was sind, Ihrer Meinung nach, die schönsten Seiten des Dozent*innen- beziehungsweise des Studierendendaseins?« schriftlich und wählen Sie drei der unten stehenden Fragen aus, die Sie dann mündlich im Gespräch beantworten.

Beide schreiben darauf hin eifrig und konzentriert, es herrscht einige Minuten Stille im Raum.

Hören Sie nun bitte auf zu schreiben. Wie hat sich diese kurze »Prüfungssituation« jetzt für Sie angefühlt? Unverhofft, oder?

Rebekka: Überraschend, auf jeden Fall. Ich dachte, da kommt jetzt gleich eine Frage. Aber da bekommt man einen Zettel, auf den man den Namen und das Datum schreiben soll. Das hat schon sowas von «nem Test, ja.

Breidenstein: Ehrlich gesagt konnte ich das jetzt nicht ganz ernst nehmen, deshalb habe ich mich auch nicht unter Druck gesetzt. Ich dachte, es wird ja nicht bewertet.

Georg Breidensteins Antwort: »Spaß machen Forschung und Lehre. Nervig sind viele Sitzungen im Rahmen der ›Selbstverwaltung‹. Belastend sind auch die vielen Prüfungen, Hausarbeiten und Gutachten.«

Rebekka Wills Antwort: »Die schönste Seite am Studierendendasein ist die Zeit, die man hat, um seinen eigentlichen Interessen nachzugehen und sich auszuprobieren. Schwierig daran ist es, eine gute Balance zwischen Verpflichtungen nachkommen und sich eigene Freiheiten einzuräumen zu finden.«

Kommen wir zum mündlichen Teil. Welche Fragen haben Sie sich ausgewählt?

Breidenstein: Ich fand alle ganz interessant. Zunächst einmal die erste. (»Welche Faktoren müssen, Ihrer Meinung nach, für eine erfolgreiche Universitätslehre gegeben sein?«) Nun, ich würde gerne Lehre für Studierende anbieten, die sich dafür interessieren. Das ist jetzt ein bisschen knapp gesagt, aber man bekommt ja mit, dass das so nicht immer der Fall ist und Studierende eben auch Verpflichtungen folgen. Dann wird eher an Ordnungen und Prüfungen entlangstudiert, als den Interessen zu folgen. Aber ich selbst habe keine Anwesenheitslisten und versuche möglichst wenig über Prüfungen zu steuern. Da ist so die Hoffnung, dass wenigstens der eine oder die andere aus Interesse in der Veranstaltung sitzt.

Rebekka: Aus Studierendensicht wünscht man sich zwei Sachen, die in die Richtung gehen: Einmal, dass man Dozierende hat, die auch selbst ehrliches Interesse am Fach haben und nicht nur lehren, was jetzt gerade in der Modulbeschreibung steht. Zum anderen möchte man öfter viele Kommilitonen, die Interesse haben.

Breidenstein: Ich gehe ja davon aus, dass Leute sich aus bestimmten Gründen für ihr Studium entscheiden. Und dann hat man ja im Studium auch noch einige Wahlmöglichkeiten in Bezug auf Module und Prüfungen, in den Erziehungswissenschaften ist das jedenfalls so. Ich weiß aber auch, dass meist eher nach Stundenplan als nach dem Interesse gewählt wird.

Finden Sie, dass Prüfungen dem Interesse eher abträglich sind?

Breidenstein: Das kommt auf die Form der Prüfung an. In den Erziehungswissenschaften sind es meist Hausarbeiten, da ist das nicht so. Da habe ich eher die Befürchtung, dass eine Vorlesung, die mit einer Klausur abschließt, diesen Effekt haben kann. Damit kann man auch sehr pragmatisch umgehen, die Folien aus dem Netz ansehen und damit locker die Klausur bestehen.

Wie war Ihre eigene Erfahrung mit Prüfungen im Studium?

Rebekka: Ich studiere ja noch und habe mittlerweile alle Formen der Prüfung durch, also Klausuren, mündliche Prüfungen und Hausarbeiten. Es ist sehr unterschiedlich, wie zeitintensiv man sich da vorbereitet. Für Klausuren geht das manchmal ohne großen zeitlichen Aufwand mit stupidem Auswendiglernen. Bei Hausarbeiten liest man automatisch viel und lernt dabei. Und bei mündlichen Prüfungen sind die Unterschiede wohl am größten, was die Erfahrungswerte angeht. Hier kann man wohl gleichzeitig die schlimmsten und die schönsten Erfahrungen machen. Generell ist ein Feedback immer toll, das bekommt man bei einer mündlichen Prüfung am ehesten.

Breidenstein: Ich bin aber auch immer wieder erstaunt, dass so wenige Studierende die Sprechstunde nutzen, um ein Feedback zu ihren Hausarbeiten zu bekommen. Das sind dann eher die wirklich sehr interessierten Studierenden mit oft richtig guten Leistungen oder jene, die schon im zweiten oder dritten Versuch sind, die kommen dann natürlich, weil sie wissen wollen, was sie besser machen können.

Herr Breidenstein, wie steht es um Ihre persönliche Prüfungserfahrung?

Breidenstein: Ich habe tatsächlich zu einer Zeit studiert, in der wir während des Studiums tatsächlich gar keine Prüfungen hatten. Die ersten Noten gab«s dann im Staatsexamen. Das macht schon einen Unterschied. Ich habe zwar
unbenotete Hausarbeiten geschrieben, aber die ersten schriftlichen Prüfungen waren dann erst am Ende des Studiums. Das waren dann heftig viele, das hab ich ein bisschen verdrängt, vielleicht 15, 16. Ein richtiger Prüfungsmarathon ohne vorherige Prüfungserfahrung. Aber nach dem zweiten, dritten Mal weiß man dann, wie das so läuft. Es hat zwar auch Vorteile, während des Studiums zu prüfen, wie heute. Aber ich hab«s damals nicht vermisst. Ein Studium frei von Notendruck gefällt mir da besser. Insgesamt sind es heute auch deutlich mehr Prüfungen im Studium.

Sie halten eine der pädagogischen Pflichtvorlesungen für Lehramtsstudenten, »Schulische Sozialisation«, die mit einer sogenannten »Ankreuz-Klausur« abschließt. Für wie sinnvoll halten Sie die Klausur?

Breidenstein: Ich sage ganz offen: Ich bin kein Freund dieser Klausur. (lacht) Wir hatten auch schon überlegt, sie rauszunehmen, aber wir hatten befürchtet, dass die Vorlesung dann von Studierenden einfach nicht mehr ernstgenommen wird. Also haben wir sie nicht abgeschafft, in der Hoffnung, die Vorlesung für Studierende relevanter erscheinen zu lassen. Aber diese Logik, Sie merken es, gefällt mir nicht besonders.

Rebekka: Ich glaube aber schon, dass zum Beispiel diese Klausur als eher überflüssig wahrgenommen wird. Es ist eben eher ein reines Abhaken. Man druckt sich die Vorlesungen drei Tage zuvor aus, liest es sich durch, guckt, was wahrscheinlich drankommt, und das war«s dann schon. Davon behält man auch nicht viel, da man sich den Stoff so zeitnah »reinhaut«. Weniger Belastung als Sinnlosigkeit.

Schockiert Sie das, Herr Breidenstein?

Breidenstein: Ich sag«s mal so: Es war zu erwarten. So schön auf den Punkt gebracht, kann ich mir schon denken, dass das so ist. Aber ich bin trotzdem gegen eine Anwesenheitspflicht. Studium sollte eine selbstbestimmte Angelegenheit sein, das fände ich sonst noch schlimmer. Mit der Prüfung zwingen wir Leute ja gewissermaßen, sich mit den Themen auseinanderzusetzen, auch wenn diese Auseinandersetzung dann vielleicht nicht viel wert ist.

Über Julia Plagentz

... studiert Englisch/Französisch auf Lehramt und verspürt schon immer eine Faszination für Sprache[n]. Seit Frühjahr 2013 lebt sie ihre journalistische Leidenschaft als Autorin und mittlerweile Redakteurin der hastuzeit aus.

Erstellt: 05.08. 2015 | Bearbeitet: 05.08. 2015 16:52