Jun 2015 hastuINTERESSE Heft Nr. 60 0

Lebenselixier

Sie tun es überall. Ob in Kursen, im Verein oder in der Disco. Sie tanzen. Doch der Tanz ist nicht nur Zeitvertreib. Er ist der körperliche Ausdruck von purer Lebensfreude. Wer tanzt, befindet sich in seiner ganz eigenen Welt. Doch was genau passiert eigentlich mit uns, wenn wir tanzen?

Lebenselexier_Tanzen_Sarah Kretzschmar

Illustration: Sarah Kretzschmar

Sieht man Britta Rossbach und Reinhold Stumpf, deutsche Meister in Tango Argentino 2014, beim Tanzen zu, scheinen sie über die Tanzfläche zu fliegen. Ihre Körper verschmelzen förmlich miteinander und die Welt um sie herum scheint nicht mehr zu existieren. Von Weitem sieht es so einfach aus, doch während sich die Beiden bewegen, läuft ihr Gehirn  auf Hochtouren. Es erkennt Rhythmen, vergleicht diese und setzt sie in gespeicherte Bewegungsabläufe um. All das passiert in Bruchteilen von Sekunden.

Doch nicht nur bei Profitänzern laufen diese Prozesse ab, denn jeder, der tanzt, fördert sein Gehirn.

 

Gehirnjogging für die graue Zellen?

In einer Langzeitstudie mit Senioren am Albert Einstein College of Medicine in New York im Jahr 2003 wurde nachgewiesen, dass rhythmische Bewegungen den Verlust von Synapsenverbindungen vorbeugen und damit das Demenzrisiko um ganze 76 Prozent reduzieren. Im Vergleich dazu senkt das Lösen von Kreuzworträtseln das Risiko um 47 Prozent und Lesen um 35 Prozent.  Somit liegt das Tanzen weit vorne.

Wer nun denkt, Tanzen ist Sport, also müsste jede Sportart doch eine ähnliche Wirkung auf das Demenzrisiko haben, der irrt. Denn nachweislich gab es bei Sportarten, die nicht musikbasiert sind, keine Anzeichen einer Reduzierung. Erklären lässt sich dies damit, dass Tanzen für unser Gehirn eine sehr komplexe Angelegenheit ist. Aufmerksamkeit und motorische Fähigkeiten wie beispielsweise Balance, Stand- und Gangsicherheit sind von großer Bedeutung. Aber auch das Lang- und Kurzzeitgedächtnis  werden beansprucht.

Das Erlernen von Tänzen erfordert Nachdenken über die Schritte, Drehungen, die Körperhaltung und den Ausdruck. Innerhalb kürzester Zeit müssen viele Entscheidungen parallel getroffen werden, was im Gehirn zur Bildung neuer Synapsen beiträgt.

Was genau im Gehirn abläuft, fanden die Hirnforscher Steven Brown von der Simon Fraser University im kanadischen Burnaby und Michael Martinez von der University of Texas in San Antonio heraus.

Vor allem motorische Gehirnregionen sind während des Tanzens aktiv. Doch die Nervenzellen werden auch noch an einer anderen Stelle stark beansprucht: im „Precuneus». Dies ist eine Hirnregion im Scheitellappen, die zur Orientierung und für den Raumsinn wichtig ist. Gemäß Brown kann man sich diese Region als „eine Art kinästhetische Landkarte» vorstellen, die es dem Menschen erlaubt, seinen Körper im Raum zu navigieren». Kinästhetik ist die Lehre von der Bewegungsempfindung. Demzufolge ist beim Tanzen die Raumwahrnehmung offenbar besonders ausgeprägt, wodurch das räumliche Denken gefördert wird.

Einer Studie zufolge haben auch Menschen die tanzen eine bessere räumliche Wahrnehmung als jene, die noch nie oder nur einmal getanzt haben. Das kinästhetische Sinnessystem ist außerdem stark mit anderen Hirnfunktionen wie Gedächtnis, Sprache, Lernen und Emotionen verknüpft. Nicht umsonst sagte Mart Graham, eine US-amerikanische Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin und Innovatorin des Modern Dances: „Tanzen ist die verborgene Sprache der Seele.»

Wenn die Hormone tanzen

Das Tanzen ist etwas Menschliches. Kein Tier verspürt den Drang, zu Musik zu tanzen. Es begleitet uns schon einen Großteil unserer Evolution. Bereits zwischen 5000 und 2000 v. Chr. dokumentierten indische Höhlenmalereien erste Tanzformen. Höchstwahrscheinlich existierten diese auch schon früher, was aufgrund mangelnder Aufzeichnungen jedoch nicht nachweisbar ist. Tanzen war zu dieser Zeit eine Möglichkeit der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Auch heute noch senden wir vor allem beim Paartanz unbewusst Signale aus. Nicht nur unsere körperlichen Qualitäten wie Koordination, Rhythmusgefühl und Schnelligkeit offenbaren wir unserem Tanzpartner, sondern auch wesentliche Aspekte der persönlichen, sozialen und sexuellen Identität.

Beim Tanzen wird nachweislich verstärkt das Sexualhormon Testosteron ausgeschüttet. Des Weiteren ergaben Studien zur Hormonspiegelmessung während des Tanzens, dass hierbei Glückshormone (Endorphine) ausgeschüttet werden und die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Speichel sinkt. Bei sportlicher Betätigung ohne Musik wurden allerdings kaum Veränderungen festgestellt.

Ein paar gesunde Lebensjahre mehr

Allerdings ist das nicht die einzige Art und Weise, wie sich Tanzen auf unsere Lebensqualität auswirken kann. So wurde bereits in den 40er Jahren in den USA die Tanztherapie entwickelt, welche eine psychotherapeutische Behandlung mit Hilfe von Tanz und Bewegung zur Integration von körperlichen, emotionalen und kognitiven Prozessen des Menschen ist.

Hierbei sind von den Patienten bevorzugte Bewegungsmuster der Ausgangspunkt, speziell choreografierter Tänze und Bewegungen. Leider entspricht diese Form von Therapie nicht den Psychotherapie-Richtlinien in Deutschland, weswegen es von den gesetzlichen Krankenkassen nicht abgerechnet wird. Dass diese Therapieform jedoch nicht unbegründet entstanden ist, zeigen mehrere Beispiele aktueller Studien: Beispielsweise konnte eine Patientin mit Multipler Sklerose nach fünfmonatiger Tanztherapie tatsächlich auf eine von zwei Gehilfen verzichten. Bei Parkinson-Patienten wurde nachgewiesen, dass angeleitetes Tanzen zu einer sehr starken Verbesserung ihrer Mobilität führte.

Andere Studien bestätigen die Hypothese, dass regelmäßige körperliche Aktivität statistisch etwa sieben zusätzliche und vor allem auch gesunde Lebensjahre beschert. Auch Studien zum Thema „Tanzen im Alter» in mehreren Seniorenheimen, ebenfalls in Deutschland, zeigten eine positive Wirkung des Tanzens auf den gesundheitlichen Zustand der Probanden. Denn Tanzen ist Bewegung, also körperliche Betätigung, kombiniert mit Musik.

Vor allem das Herzkreislaufsystem wird gestärkt, aber auch Knochen, Gelenke, das Immunsystem, das Gehirn und Organe werden positiv beeinflusst. So wird unter anderem das Zuwachsen der Arterien mit Ablagerungen und dadurch eine schlechte Durchblutung von Herz und Hirn vorgebeugt.

Somit ist die » Dynamik des Tanzes» nicht nur eine „schöpferische und künstlerische Lebenssteigerung», wie Nietzsche zu sagen pflegte, sondern auch eine gesundheitliche.

Über Sarah Kretzschmar

Erstellt: 09.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 20:42