Jun 2015 hastuPAUSE Heft Nr. 60 0

Leben retten nach dem Tod

Traurige Wahrheit: Der Bedarf an Spenderorganen in Deutschland beträgt jährlich 7800, allerdings werden nur circa 3800 Transplantationen durchgeführt. Mit dem Ausfüllen eines Organspendeausweises kann man schon jetzt selbst entscheiden, ob man im Falle des Todes zu einer Spende bereit ist.

Eine Umfrage aus dem Jahr 2000 belegt, dass mehr als die Hälfte aller Deutschen der Organspende nach dem Tod positiv gegenüberstehen. Trotzdem halten leider nur sehr wenige ihre Zustimmung schriftlich fest. Im selben Jahr lag lediglich bei fünf Prozent der postmortalen Spender ein Organspendeausweis vor. Bei 28 Prozent wussten die Angehörigen über den Willen des Verstorbenen Bescheid. Um der Familie oder dem Partner im Ernstfall die Entscheidung abzunehmen, ist es deshalb wichtig, sich schon jetzt damit zu beschäftigen, was nach dem Tod mit dem eigenen Körper geschehen soll. Dies geht am besten, indem man einen Organspendeausweis ausfüllt.

Erhältlich sind diese hauptsächlich in Apotheken, Arztpraxen oder in Einwohnermeldeämtern. Das Ausfüllen ist ein vollkommen unbürokratischer Akt, der kaum Aufwand und Zeit erfordert. Natürlich ist das auch keine Entscheidung für immer. Sollte man seine Meinung im Laufe des Lebens noch einmal ändern, genügt es, den alten Ausweis einfach zu vernichten und einen neuen auszufüllen. Man hat die Möglichkeit anzukreuzen, dass es erlaubt ist, alle verwendbaren Organe zu entnehmen. Es ist aber auch möglich, nur bestimmte Organe entnehmen zu lassen oder einige auszuschließen. Selbstverständlich kann man sich auch gegen eine Organentnahme aussprechen oder man überträgt die Entscheidung auf einen nahen Verwandten. Dabei ist es hilfreich, wenn man innerhalb der Familie über das Thema spricht, damit die Angehörigen später möglicherweise nicht vor einer schweren Entscheidung stehen. Es ist ratsam, den Ausweis bei den Personaldokumenten stets mit sich zu tragen, denn im Falle eines Unfalls wird dort zuerst nachgesehen. Nun kommt sicher die Frage auf: Wann ist man tot und somit geeignet für die Organspende?

Vor rund 50 Jahren entdeckte man, dass die Hirnfunktion des Menschen unwiederbringlich verloren ist, wenn das Gehirn nur ein paar Minuten ohne Blut- und Sauerstoffversorgung auskommen muss. Das kann zum Beispiel durch einen schweren Unfall oder einen Schlaganfall passieren. Auch wenn man die betreffende Person künstlich beatmet und die Herztätigkeit erhält, kann die Hirnfunktion für immer verloren sein. Die Person ist dann nicht mehr in der Lage, Schmerzen zu empfinden, zu denken und ihre Körperfunktionen selbstständig aufrechtzuerhalten. Dieser Verlust der Gesamtfunktion des Groß- und Kleinhirns wird, nach dem weltweit anerkannten Erkenntnisstand, als Hirntod bezeichnet, und ist somit ein sicheres Todeszeichen. Als Spender von durchbluteten Organen kommen also neben den Lebendspendern nur Hirntote infrage, deren Herz-Kreislauf-System künstlich aufrechterhalten wird. In den meisten Sterbefällen tritt allerdings zuerst der Herzstillstand ein, weswegen nur wenige Verstorbene als mögliche Spender infrage kommen.

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Foto: Katja Elena Karras

In den deutschen Krankenhäusern sterben jährlich 400.000 Menschen, bei denen circa ein Prozent als Organspender infrage kommt, weil bei ihnen zuerst der Hirntod eintritt. Sollte eine Zustimmung des Patienten zur Organspende vorliegen, werden Laboruntersuchungen veranlasst. Der verantwortliche Arzt setzt sich mit Eurotransplant, der Vermittlungsstelle für Organspenden, in Verbindung und es wird über die Datenbank der optimale Organempfänger ermittelt. Ist die Entnahme der Organe geglückt, werden diese auf schnellstmöglichem Wege zu den Transplantationszentren gebracht, wo der Eingriff unmittelbar nach Eintreffen des Organs durchgeführt wird. Der Name und andere persönliche Daten des Spenders werden dem Empfänger nicht mitgeteilt, das gilt auch andersherum, um mögliche Abhängigkeitsverhältnisse zu umgehen. Die Angehörigen dürfen allerdings erfahren, ob die Organe ihres Verwandten erfolgreich transplantiert werden konnten.

Organhandel: riskant für Spender und Empfänger

Leider gibt es beim Thema Organspende auch Schattenseiten. In der Presse ist oft von Organhandel zu lesen, der illegal ist, denn das Gesetz erlaubt Lebendspenden nur unter Verwandten ersten oder zweiten Grades. Organhandel bezeichnet das Lebendspenden von Organen gegen Entlohnung. Grund dafür ist der große Mangel an Spenderorganen, insbesondere Nieren. Um Geschäfte zu machen, werden hierbei kranke Menschen aus westlichen Ländern mit Spendern aus weniger hochentwickelten Ländern in Kontakt gebracht, die ihre Organe für Geld verkaufen wollen. Die Angst der Erkrankten vor dem Sterben ist zu groß und die Panik, nicht rechtzeitig ein Spenderorgan zu bekommen, steigt ins Unermessliche. Wer sich jedoch im Ausland ein Spenderorgan einpflanzen lässt, geht große Risiken ein. Die Gefahren einer Abstoßung oder einer Infektion sind immens.
Jüngst wurde in den Medien von einem der größten Organspendeskandale in der deutschen Geschichte berichtet. Wie der SPIEGEL verlauten lässt, sollen am Uniklinikum Göttingen mindestens 25 Akten manipuliert worden sein, damit Patienten auf der Liste nach oben stiegen und somit schneller operiert wurden. Entgegen aller Erwartungen wurde der Arzt jedoch freigesprochen. Es gibt erst seit 2013 ein Gesetz, welches sich ausdrücklich gegen Ärzte ausspricht, die medizinische Daten ändern, um ihren Patienten schneller zu einer Transplantation zu verhelfen. Die Manipulationen des Arztes aus Göttingen fanden vor diesem Zeitpunkt statt und sind deshalb nur als moralisch verwerflich zu bezeichnen.
Demzufolge ist es wichtig, dass so viele Menschen wie möglich begreifen, dass es entscheidend ist, sich zum Spenden nach dem Tod bereit zu erklären. Nur so kann man den illegalen Organhandel zumindest reduzieren und den kriminellen Machenschaften den Kampf ansagen. Den ersten Schritt macht man, indem man einen Organspendeausweis ausfüllt. Denn das Wichtigste ist und bleibt daran zu denken, dass man auch nach seinem Tod anderen Menschen das Leben retten kann.

Über Ramona Wendt

Erstellt: 09.06. 2015 | Bearbeitet: 08.06. 2015 21:12