Jan 2015 hastuPAUSE Nr. 58 0

Kurz vor den Wehen

Leben als schwangere Studentin, Teil 3: Von hechelnden Walen und marinepinken Kinderzimmern

Foto: Torsten Mangner (CC BY-SA 2.0) flickr.com/photos/alphaone/2916235582/

Foto: Torsten Mangner (CC BY-SA 2.0)
flickr.com/photos/alphaone/2916235582/

Die erste Hälfte der Schwangerschaft ist geschafft! Die anfänglichen Beschwerden sind vorüber, und Wehwehchen wie Rückenschmerzen oder schwere Beine machen sich noch nicht bemerkbar. Der ideale Zeitpunkt, um noch einmal ungestört in den Urlaub zu fahren, sich im Kosmetiksalon noch einmal ordentlich verwöhnen zu lassen oder um eine Expedition in den Dschungel der Babyausstatter zu wagen.

Wer bis zu diesem Zeitpunkt bereits akribisch Anträge für das Sozialamt oder die Mutter-Kind-Stiftung ausgefüllt hat, dürfte nun ein gut gefülltes Konto haben, das förmlich dazu einlädt, sich alle Mutterwünsche zu erfüllen. Leicht gemacht wird es einem dabei nicht, sein Kind nicht schon vor der Geburt in eine Geschlechterschublade zu stecken. Da lächeln einem in der einen Ecke glupschäugige Einhörner von pinken Bodys entgegen, während in der anderen Ecke Aufschriften wie »little hero« oder »nautic community sea sail« auf Minimatrosenanzügen prangen. Einfarbige T-Shirts ohne Phantasieembleme sucht man in den meisten Geschäften vergeblich. Freuen kann sich bei dieser Modeindustrie, wer eine strickbegabte Oma zu Hause hat. Und auch beim ersten Blick auf die Preise für vermeintlichen Babybedarf wie Alarmmatratzen, wackelnde und brummende Babybetten oder Flaschenwärmer bleibt einem schnell die Luft weg.

Damit einem nicht an diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft schon die Freude auf das Kind genommen wird, gibt es in Halle allerlei Anlaufstellen, um doch noch alles Nötige für wenig Geld zu ergattern. So bieten An- und Verkaufsläden wie »Engel und Bengel« im Steinweg oder das »Marry Poppins« in der Goethestraße eine große Auswahl an Babysachen. Dabei muss man keineswegs nur auf gebrauchte Sachen zurückgreifen. Wen es nicht stört, dass sein Kind einen unverkauften Strampler aus der letzten Saison trägt, der wird bei diesen Anlaufstellen sicher schnell fündig. Zum Schlendern und Erfahrungsaustausch lädt zudem zweimal im Jahr der Kinderflohmarkt in der Gütchenstraße ein. Und auch universitär wird einem als werdende Mutter einiges geboten.

So organisiert der Arbeitskreis »Studieren mit Kind« regelmäßig Elternnachmittage oder Flohmärkte auf dem Innenhof zwischen dem Juridicum und dem Stura. Aktuelle Informationen wie den nächsten Flohmarkttermin findet man auf der Facebook-Seite www.facebook.com/akstudierenmitkind oder im Stud.IP unter der Rubrik Eltern & Kind. Von Zeit zu Zeit lohnt sich auch ein Blick auf die Seiten des Studentenwerkes. Dort werden regelmäßig kostenlos oder sehr preiswert Babybedarf für bedürftige Studierende angeboten wie zuletzt im September Babytragetaschen für den Kinderwagen.

Foto: Christian Schoen

Foto: Christian Schoen

Hat man endlich eine Kindereinrichtung irgendwo zwischen Rosa und Blau gefunden, ist die Schwangerschaft schon reichlich fortgeschritten, und plötzlich steht der Geburtsvorbereitungskurs auf dem Plan. Wer jetzt an einen Raum voll mit hechelnden dicken Frauen denkt, der hat weit gefehlt. Es handelt sich eher um eine Vortragsreihe in gemütlicher Runde bei Tee und entspannten Gesprächen zwischen Schwangeren, die scheinbar schon jeden auf dem Markt erhältlichen Erziehungsratgeber verschlungen haben. Alle der acht bis zehn Frauen sind mit Partner angerückt und lauschen gespannt einer Hebamme, die stolz eine selbst gehäkelte Gebärmutter in die Höhe hält. Daran werden nun fünf Wochen lang sämtliche Geburtsphasen und -komplikationen veranschaulicht und beliebte Gebärpositionen mit roten und grünen Zettelchen auf Bildertafeln markiert. Auch der Zeit nach der Geburt widmet sich dieser Kurs ausführlich, sei es nun der Standort des Bettchens, das richtige Baden oder die beste Windelwechseltechnik. Für jeden ist bei dieser breit gefächerten Themenwahl etwas dabei. Das Highlight bildet abschließend das Probesitzen auf dem Gebärhocker, der doch stark einer gepolsterten Toilette gleicht.

Ob nun die Wahl, den Partner mitzunehmen, gut getroffen ist, sei dahingestellt. Die anwesenden Männer werden auf jeden Fall ihre Frauen und deren eigentlich sehr geschätzten Geschlechtsorgane in einem ganz neuen Licht sehen. Bei Themen wie Schleimpfropfabgang, Dammrissen und Brechwehen können auch die in der Mitte der Runde drapierten Dinkelplätzchen kaum über den Ekel, der den Männern ins Gesicht geschrieben steht, hinweghelfen. Da ist das Ausfüllen von Arbeitsblättern über Wünsche, Ängste und Erwartungen in geschlechtergetrennten Gruppen eine willkommene Abwechslung. Die Schwangeren können sich nun gegenseitig ihr gesammeltes Wissen über das richtige Stillen, das richtige Tragetuch oder die zahlreichen Voranmeldungen zu Nacktkrabbel-, Babymassage- oder Zeichensprachenkursen um die Ohren hauen.

Bei den Männern geht es da ein bisschen gemütlicher zu. Während sie Floskeln wie »schnelle, schmerzlose und unkomplizierte Geburt« auf ihren Zettel kritzeln und ihre Aufgabe damit als erledigt ansehen, wird sich über die stabilsten Zelte für die erste Trekkingtour mit dem Neugeborenen oder die preiswertesten Angebote über Minitrikots vom Bundesligalieblingsverein unterhalten. Ob man am Ende tatsächlich gut auf das Szenario der Geburt vorbereitet ist und die Anwesenheit des Mannes im Kurs von Nutzen war, wird sich schon in wenigen Wochen zeigen.

Doch bis dahin gibt es noch einiges zu erledigen. So stellt sich für alle die Frage nach dem günstigsten Krankenhaus. Sei es nun im Falle der außerklinisch Gebärenden für die Notlage oder regulär für die klinisch Gebärenden. Für die richtige Wahl ist es erforderlich, schon jetzt seine Wünsche für die Geburt zu kennen und diese auch auf dem Anmeldeschein zu vermerken. Dürfen bei mir Eingriffe vorgenommen wie die Blutabnahme am Kindskopf, eine Medikation oder der Einsatz von Saugglocken oder Zangen? Möchte ich, dass bei mir vorsorglich bei Geburtsbeginn eine Flexüle gelegt wird? Wann soll mein Kind nach der Geburt abgenabelt werde? Welche Prophylaxen soll das Neugeborene erhalten?

Dies alles kann bereits beim Aufnahmegespräch geklärt und in die Krankenakte aufgenommen werden. Um sich vorab einen Eindruck von der Klinik verschaffen zu können, bieten die hallischen Geburtskliniken mehrmals im Monat Informationsabende und Besichtigungen der Kreißsäle an. Zu diesem Thema lohnt auch immer ein Gespräch mit der eigenen Hebamme, besonders wenn diese bei der Geburt anwesend sein soll.
Der nächste Teil dieser Serie beschäftigt sich mit dem Schwangerschafts­endspurt, der begleitet wird von Fragen der BAföG-Verlängerung und dem Mutterschutz während der Prüfungszeit.

Über Johanna Wege

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Erstellt: 30.01. 2015 | Bearbeitet: 30.01. 2015 21:37