Aug 2015 hastuUNI Heft Nr. 61 Rubrik 0

Jurassic Book

Wer schon einmal eine der hallischen Zweigbibliotheken betreten hat, weiß: Dort geht es tierisch zu!

Bibo_Paul Thimicke

Foto: Paul Thiemicke

Nachts, wenn das Knistern der Leuchtstoffröhren verstummt ist, kommen sie aus ihren Ecken hervor, die Stegosaurier und Triceratopse, die Deinonychen und Microraptoren der Literatur. Ihre Heimat sind jene weißen Flecken auf der hallischen Stadtkarte, jene unerforschten Gebiete, in die sich nur wenige Menschen vorwagen: die Bibliotheken.

Zugegeben: Einem richtigen Urwald gleichen die Horte des Wissens höchstens in punkto Unzugänglichkeit. Welcher Student hat nicht schon Stunden damit zugebracht, alte Folianten zu durchforsten, um Tyrannosaurus Reclam und Lexinodon ihre Geheimnisse zu entlocken? Dennoch bietet sich ein Vergleich mit dem Zeitalter der Riesenechsen durchaus an, denn in den älteren Zweigbibliotheken der MLU scheinen nicht nur Einrichtung und Technik, sondern auch ein Großteil der Bestände aus der mittleren Kreidezeit zu stammen. So ist es umso erstaunlicher, dass die Buchbändiger vom Dienst es schaffen, diese Schätze des Wissens trotz eines chronisch knappen Budgets am Leben zu erhalten.

Aber trotz mitunter verwirrender Räumlichkeiten und stundenlanger Büchersuche sind die Zweigbibliotheken etwas Besonderes: Wo sonst findet man in unserer modernen, hyperbeschleunigten Welt noch so etwas wie Ruhe? Wo sind auf einen Schlag Hunderte, ja Tausende von fachlichen Nachschlagewerken zu finden? Schon der argentinische Dichter Jorge Luis Borges (1899–1986) meinte dazu: »Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.«

Ein Garten Eden der Stille und geistigen Kontemplation also? Nun, zwar sollen sich schon einige Kommilitonen in den Regallabyrinthen verlaufen haben und dass die Kopierer keinen Augenkrebs erzeugen, erscheint zweifelhaft.

Dennoch besitzen die hallischen Bibliotheken einen gewissen Charme, vielleicht vermitteln sie ein Gefühl der Nostalgie, angereichert durch dutzende Studentengenerationen.

Doch schon bald wird dieses Idyll gestört werden, denn der Umzug der verschiedenen Zweigbibliotheken der Geisteswissenschaften in den neuen »Bücherwürfel« auf dem Steintorcampus bringt verschiedenste Fachrichtungen zusammen. Der Massenumzug von Archäoloopterix und Politikosaurus stellt nicht nur einen enormen Aufwand dar, auch weiß man noch nicht, ob sich die Literatur-Dinosaurier nach der Völkerwanderung in ihrer neuen Heimat wohlfühlen werden.

Ob der nostalgische Charme der kleinen Zweigbibliotheken völlig verloren geht, wenn sie in eine Juridicum-artige Vorzeigeeinrichtung verwandelt werden, ist noch unklar. Fest steht jedoch: Es ist Zeit, sich von vielen der kleineren Dinoreservate zu verabschieden. Wenn auch die Umgewöhnung schwierig werden wird, so steht doch eines fest: Eine Bibliothek bleibt eine Bibliothek, egal wie prachtvoll und strukturiert sie gestaltet ist. Und: In irgendeiner Ecke werden sie immer noch lauern, die literarischen Allosaurier und Eoraptoren, die ehrwürdigen Älteren der Fachliteratur – trotz E-Book und Wikipedia für den Studenten immer noch am Wichtigsten.

»Dort ist meine Heimat, wo ich meine Bibliothek habe.«
Erasmus von Rotterdam (1467–1536)

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 05.08. 2015 | Bearbeitet: 05.08. 2015 10:19