Nov 2015 hastuPAUSE 0

Journalisten als Prügelknaben

An Rempler gegen Tagesschau-Reporter montags im Fernsehen hat man sich gewöhnt. Jetzt wurde ein Journalist des Tagesspiegels in Berlin von hinten niedergeschlagen. Gedanken einer Hobbyjournalistenredaktion zur aktuellen Enthemmung in Teilen der Gesellschaft.

Foto: Johanna Sommer

Foto: Johanna Sommer

Es ist kaum noch eine Notiz im montäglichen Berichterstattungswahnsinn. Ein Fotograph einer Lokalzeitung wird beleidigt, eine Redaktion berichtet über Bedrohungen, »Lügenpresse«-Sprechchöre hallen nicht nur in Dresden durch die Straßen. Rempler gegen Berichterstatter gehören in Pegida-Kreisen ohnehin zum guten Ton. Nun ist es am 2. November in Berlin zum traurigen Höhepunkt gekommen. Nach dem Ausruf »Du […] linke Drecksau« wurde ein Kolumnist des Tagesspiegels angegriffen und niedergeschlagen.

Ein Angriff nur erklärbar durch eine tiefe Ablehnung der freien Presse. Schließlich ist auch in überregionalen Medien ein Journalist nur in Ausnahmefällen öffentlich soweit bekannt, dass Name und Funktion einer zufälligen Begegnung zugeordnet werden können. Der Täter muss also nicht unerheblichen Rechercheaufwand betrieben haben. Es erscheint nicht übertrieben, hier von einer Eskalation zu sprechen. Auf der Seite des Tagesspiegels kommentiert eine Leserin »spätestens jetzt sollten die Alarmglocken schrillen«. Wenn in Deutschland ein Kolumnist nicht mehr frei die eigenen Ansichten veröffentlichen kann, ohne dass um körperliche Unversehrtheit gebangt werden muss, ist es schon viel zu weit gekommen. Auch wenn viele der Vergleich nerven mag, in Deutschland sollte man wieder an berühmte Sätze denken. »Nie wieder« und »Wehret den Anfängen« sind zwei davon.

Denn Vokabular und Exzesse der montäglichen Märsche erinnern nicht selten frappierend an Bilder und Gesten, die unsere Generation vielfach und wiederholt im schulischen Geschichtsunterricht gesehen hat. Nicht wenige von uns hatten irgendwann genug davon. Trotzdem bleibt die große Empörung in der Gesellschaft ob der Parallelen aus. Allzu viele ruhen sich auf Verweisen nach »ein paar Verwirrten«, »wenigen, lokal begrenzten Spinnern« und einer angeblich »aktiven Zivilgesellschaft« aus. Der Protest aber bleibt zumeist an Antifa und lokalen Initiativen hängen, oft genug dann selbst als Krawallmacher und Steinewerfer verunglimpft. Das Gros der vermeintlich Vernünftigen bleibt derweil zu Hause. Sinnbildlich dafür die Dresdner Bevölkerung, die von 500.000 Einwohnern jede Woche nur ein paar Hundert gegen die Aufmärsche von Pegida auf die Straße bringt. Aber Flüchtlingsunterkünfte brennen bundesweit und auch hier bleibt die Empörung aus. Oliver Welke nennt in der »heute show« kurz die Zahlen, das Publikum muss kurz die Luft anhalten, dann darf es beim nächsten Gag über einen Versprecher Merkels wieder unbedarft lachen. Es bleibt so bei minimaler Anteilnahme. Und so setzt sich die Kette der Enthemmung weiter fort.

Von einem Thilo Sarrazin, der in jeder Talkshow seine kruden Thesen verkündete und trotzdem behauptete er dürfe seine Meinung nicht mehr äußern, angefangen, über »Lügenpresse«-Krakele jeden Montag bis zum vorläufigen Höhepunkt, dem tätigen Angriffen auf Tagesspiegel-Journalist Helmut Schümann dürfen sich Teile der Gesellschaft derweil weiter radikalisieren. Als studentische Freizeitjournalismus-Redaktion bleibt da nur Nachdenklichkeit über eine Gesellschaft die gerne abfällig nach Polen oder Ungarn schaut, dabei vor der Haustür träge verharmlost. Aber vor allem bleibt die Frage: Wie verhalten wir uns wenn wir einmal über eine montägliche Protestaktion berichten wollen?

Über Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann
Tobias Hoffmann vermisste während seines Biochemiestudiums das Schreiben und Formulieren. Seit Anfang 2013 füllt er diese Leere durch Mitarbeit bei der hastuzeit.

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Erstellt: 17.11. 2015 | Bearbeitet: 27.01. 2016 23:05